#corona: Die Mär von Falsch und Richtig

Ich schlage gerade beruflich ein neues Kapitel auf und habe deshalb einen großen Teil des Aprils frei. Göttlich, oder? Natürlich würde ich unter anderen Umständen dieses Zeitgeschenk nutzen, um ans Meer zu reisen, eine neue Stadt zu erkunden, im Straßencafé zu sitzen, über Flohmärkte zu schlendern oder mich mit meinen liebsten Freundinnen zum Essen zu treffen. Ich würde mit meiner Mama die Sonne auf dem Balkon genießen, meine Oma im Rollstuhl um einen See schieben und lustige kleine Ausflüge unternehmen.

Nor-ma-ler-weise. Denn natürlich geht das in der momentanen Situation alles nicht. Doch darüber ärgere ich mich nicht besonders. Ich lebe schon lange nach der Devise, dass man Situationen eben so nehmen muss, wie sie kommen. Denn nur so kann man das Beste daraus machen – und vielleicht ungeahnte Schätze entdecken. Wenn man stattdessen damit beschäftigt ist, sich zu ärgern oder zu sorgen, verpasst man vielleicht etwas Gutes.

Das Gute an der Corona-Krise – neben allem Furchtbaren, das wir jeden Tag in Internet, Fernsehen und Zeitung sehen – ist für mich persönlich, dass ich gezwungen bin, komplett zu entschleunigen. Und plötzlich gelingt es. Eine ganz ungewohnte Situation.

Denn meist ist es bei mir so, dass ich auch in Momenten, in denen ich bewusst entschleunigen will, nicht dazu in der Lage bin.

Es gibt einfach zu viel, das ich verpassen könnte, zu viel, das ich erleben möchte, bevor mein Tag wieder von der Arbeit beherrscht wird. Wäre mir die aktuelle Weltlage nicht zu Hilfe gekommen, würde ich hier sitzen und die ganze Zeit darüber nachdenken, welchen Spaß und welche Erfüllung ich mir als nächstes geben soll – ja, muss. Und würde dabei jeden Tag ein kleines Stückchen weiter ausbrennen, obwohl ich doch eigentlich gar nichts Stressiges tue.

Aber das ist ein Leiden unserer Zeit. Ich weiß schon längst, dass ich damit nicht alleine bin, sondern es vielen von Euch genauso geht. Der arbeitende, halbwegs erfolgreiche Mensch muss sich nämlich genau überlegen, wie er seine wenige freie Zeit investiert. Und das Eine bezahlt man immer mit dem Anderen. Am Wochenende ausruhen und Kraft für die nächste Woche sammeln? Oder doch lieber ein Städtetrip und sich inspirieren lassen? Sich in der einen Urlaubswoche daheim einschließen und stundenlang Netflix glotzen, bis das Gehirn zum Viereck wird? Oder ist das Zeitverschwendung – und es wäre viel cooler, das nächste Reisewunschziel von der Liste abzuhaken?

Letztens postete ich auf Instagram das Dickens-Zitat „It was the best of times, it was the worst of times.“ Linda, mit der ich zusammen zur Schule gegangen bin, kommentierte daraufhin Folgendes:

Musste gestern Abend an einen deiner Blog-Artikel denken, in denen du darüber geschrieben hast, dass Du Dein Sozialleben reduzieren möchtest, Dich vom Freizeitstress befreien willst und wie sehr ich mich angesprochen gefühlt hab. Und irgendwie, so schlimm das alles ist, finde ich es gerade irgendwie auch schön, viele Sonntage hintereinander zu haben in denen einfach nichts passiert und man einfach zu Hause ist und man kein schlechtes Gewissen haben muss, das man die und den nicht trifft oder dies und das nicht tut.

@lindas_katze auf Instagram

In der Tat habe ich eine zeitlang hier sehr intensiv über dieses Thema geschrieben – und von Euch jede Menge Zuspruch bekommen. Zum Beispiel für den Text „Hilfe, ich bin ein Wochenend-Versager“, den ich im März vergangenen Jahres gepostet habe. Die Wahrheit ist: Ich glaube, ich habe seitdem nichts dazu gelernt. Diese leichte Panik beim Aufwachen am Samstagmorgen ist immer noch da – und das gnadenlose Unvermögen, am Wochenende herunterzubremsen, um Erholung zu finden.

Und eine weitere Wahrheit: Ich glaube, wenn Corona mich nicht zum Entschleunigen zwingen würde, hätte ich diese Gedanken gerade wieder. Denn als ich das letzte Mal in-between-jobs war, im November 2018, da habe ich praktisch einen ganzen Monat lang nur geheult. Denn ich hatte das Verlangen, diesen Monat, den ich mir damals so eisern angespart hatte mit Resturlaub und Überstunden, unbedingt sinnstiftend und zufriedenstellend nutzen zu müssen. Und dann saß ich in Zandvoort am Meer und fühlte mich einfach nur so, als ob ich dort nicht hingehören würde, innerlich aufgewühlt ob der Herausforderungen, die auf mich zukamen, und regelrecht falsch.

Nun also Corona.

Nun also geschlossene Läden, geschlossene Strände, geschlossene Restaurants. Die nahezu absolute Stille. Und ich schwimme in ihr wie ein Fisch im Wasser. Ich bin so dankbar dafür, dass mein Freihaben in diese verwunschene Phase fällt, in der nichts so recht real zu sein scheint. Denn zum ersten Mal seit Jahren kann ich abschalten.

Ja, es ist schmerzhaft. Ja, es ist langweilig und bleiern und still.

Aber es ist so nötig!

Die Frage ist: Was kann ich daraus lernen? Wie kann ich mich retten, wenn das Leben wieder hochfährt? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Aber auf jeden Fall viel Stoff zum Nachdenken.

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