#netflix: Zart und zäh – Shira Haas als Esty Shapiro in „Unorthodox“

Wer auf der Suche nach einem Zeitvertreib fürs Wochenende ist, dem möchte ich die Netflix-Miniserie „Unorthodox“ empfehlen. Ich habe die vier gut einstündigen Folgen direkt hintereinander weggeguckt und bin fasziniert von dieser fremden religiösen Welt, die wie so oft Licht- und Schattenseiten hat. Die beiden Regisseurinnen Anna Winger und Alexa Karolinsk haben die Geschichte wunderschön melancholisch und kantig inszeniert, mitunter fast karg. Die Farben sind ausgewaschen, die Stimmung oft düster, befremdlich, nachdenklich. Kein Wunder, dass „Unorthodox“ gerade heiß diskutiert wird.

„Unorthodox“ beruht auf einer wahren Begegenheit.

Esther Shapiro, genannt Esty, wächst in einer chassidischen Sekte von ultra-orthodoxen Juden in Williamsburg (New York) bei ihren Großeltern auf. Sie liebt Gesang und Klavier, doch in ihrer Welt ist es Frauen verboten, öffentlich zu musizieren. Deshalb übt sie heimlich auf einer Klaviatur aus Pappe, die sie unter ihrem Bett versteckt.

Kaum volljährig wird Esty vom „Matchmaker“ ihrer Gemeinde mit dem ihr fremden jungen Mann Yanky verheiratet – und soll plötzlich alle Pflichten einer jüdisch-orthodoxen Ehefrau erfüllen. Zwar bemüht sie sich, ihre neue Rolle anzunehmen und ihrem Ehemann zu gehorchen – doch Esty ist zu lebendig, zu selbstbestimmt, zu inspiriert, um auf diesem für sie vorgezeichneten Weg glücklich werden zu können. Unter dramatischen Umständen flieht sie nach Deutschland in der Hoffnung, dass sie dort niemand suchen wird – und landet in der Berliner Musikerszene. Doch ihr Mann Yanky und sein halb-krimineller Cousin Moishe sind ihr bereits auf der Spur. Sie sind entschlossen, Esty auch gegen ihren Willen zurück nach Brooklyn zu bringen, wenn es sein muss, mit Waffengewalt.

Die Dialoge in „Unorthodox“ sind ein Mix aus Englisch, Jiddisch und Deutsch. Die Serie beruht im weiteren Sinne auf den Erlebnissen der jüdisch-orthodoxen Amerikanerin Deborah Feldman, die in dem gleichnamigen Buch ihren Weg von Brooklyn nach Berlin schildert – und die, wie Noizz berichtet, auch einen kleinen Gastauftritt in der Serie hat. Lange hat sie sich trotz zahlreicher Angebote geweigert, ihre Geschichte verfilmen zu lassen, doch nun hat sie zugestimmt. Das, was dabei herausgekommen ist, stößt durchaus auch auf Kritik. So findet die „Welt“ zum Beispiel, dass „Unorthodox“ antisemitische Klischees bedient. Das finde ich schwierig. Natürlich sehen wir keine Real-Life-Doku über Satmarer Juden in Williamsburg, sondern eine inszenierte Serie – und natürlich sehen wir die Dinge durch die Brille der Hauptdarstellerin, die flieht und bedroht wird. Aber das Klischee scheint das feulletonistische Totschlagargument unserer Zeit zu sein. Ich frage mich oft, ob es so etwas wie ein Klischee überhaupt gibt, denn besteht nicht die Realität oft genug aus vielen fein nuancierten Einzelheiten, die alle wahr sind und nur von weiter weg wie grobe Klischees aussehen?

Ich fand „Unorthodox“ jedenfalls faszinierend und kann nur jedem und jeder empfehlen, sich ein eigenes Bild zu machen. Absolut sprachlos macht die Leistung der bekannten israelischen Schauspielerin Shira Haas, die Esty in einer Art und Weise verkörpert, dass alle gängigen Schönheitsideale auf den Prüfstand gestellt werden. Sie spielt die Titelrolle mit Zartheit, Zähheit und Intelligenz – und allein das ist schon sehenswert.

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