#corona: Unsere Gefühle tragen Masken

Gestern war ich zum ersten Mal seit Wochen im Main-Taunus-Zentrum, unserem hiesigen Shoppingcenter. Für viele, die wie ich in der Region aufgewachsen sind, ist das MTZ ein geliebter Ort mit vielen Kindheitserinnerungen. In Normalzeiten bin ich mindestens ein-, zweimal im Monat dort. Gestern also nun MTZ – weil ich es vermisst habe, weil ich ein paar Dinge brauchte, aber auch, weil ich neugierig war, wie sich die Läden auf die Corona-Situation eingestellt haben.

Das Verrückteste waren eigentlich die Pfeile aus Klebeband auf dem Boden und die aus Flatterband geschaffene Mittelleitplanke, die sich durch das gesamte Center ziehen. So wird man dazu angehalten, rechts zu laufen. Wenn man dummerweise zu einem Laden möchte, der auf der linken Seite liegt, muss man bis zur nächsten U-Turn-Möglichkeit (kein Spaß) weiterlaufen und darf erst dort wenden. Oder man schlüpft einfach unter der Absperrung durch (räusper) und zieht damit den Zorn der anderen auf sich.

Vor den Eingängen werden die Kunden liebevoll gezählt und desinfiziert, in den Läden ist auf 800 Quadratmeter alles zusammengepfercht, was die geneigte Kundschaft interessieren könnte. Generell scheinen alle Verkäufer unheimlich froh zu sein, dass überhaupt jemand kommt. Schön, so geschätzt zu werden. :) Mit ein bisschen Gewöhnung und viel innerem „Ooom“ kann also durchaus ein seelenstreichelndes Einkaufserlebnis stattfinden.

Und dann ist da natürlich noch die Maskenpflicht.

Ich gebe zu, beim Warten in der Kassenschlange wurde es unter meiner selbstgenähten Maske so dermaßen heiß, dass ich der Ohnmacht nahe war. Offenbar ist der Stoff, den ich dafür gewählt habe (er stammt von Björns alten Hemden), nicht besonders luftdurchlässig. Um mich abzulenken, betrachtete ich die Gesichter um mich herum, beziehungsweise die Masken. Und wurde nachdenklich.

Herrscht nicht in unserer Gesellschaft schon lange sowas wie eine emotionale Maskenpflicht? Keiner von uns zeigt dem anderen doch sein wahres Gesicht. Vielleicht dem Partner, vielleicht der Familie, wenn es gut läuft. Aber nicht all den Menschen, denen man tagtäglich so im Alltag begegnet. Das fängt schon beim Styling an. Kaum einer kommt so auf die Arbeit, wie er oder sie im Privatleben rumläuft. Stattdessen schminken wir uns, frisieren uns, setzen ein businessmäßiges Lächeln auf und ziehen einen Blazer an, der die Statur unserer Schultern verschönert.

Und das ist noch nicht alles. Wir lügen aus Höflichkeit, dass es eine wahre Freude ist. Die Kollegin hat eine neue Frisur? Superschön. Und der mit Vollkornmehl und ohne Zucker gebackene Kuchen der Ernährungsberaterfrau des Büronachbarn? Sowas von lecker, kann ich das Rezept bekommen?

Meistens sind es keine schlimmen Lügen, denn manchmal denkt man das Gesagte ja irgendwie schon, der Satz geht im Kopf nur noch weiter. Zum Beispiel, dass die 80er-Jahre-Ponyfransen voll gut die runzelige Stirn kaschieren, das ist doch was. Oder dass der Büronachbar ein humorloser Sauerbold ist, der noch nie etwas Nettes zu einem gesagt hat, und man daher mehr als freudig überrascht ist, mit einem Stück Kuchen von ihm bedacht zu werden.

Es ist gesellschaftlich notwendig, hier und da ein wenig zu schwindeln.

Finde ich. Zumindest die kleinen Notlügen, die Feel-Good-Lügchen, die keinem weh tun, sondern viel eher unter Höflichkeit verbucht werden können. Wenn ich die ganze Zeit durch die Welt ginge und jedem sagen würde, was ich von seinem Verhalten, seiner Frisur und seinem Outfit wirklich denke, ui, dann hätte ich wahrscheinlich fast nur noch Feinde. Außerdem interessiert es die Anderen ja auch gar nicht. Es geht mich nichts an, wie sie sich kleiden, frisieren oder ihr Leben leben. Es soll natürlich nicht unerwähnt bleiben, dass meine Frisur meist die chaotischste von allen im Raum ist, dass meine Jeans mir oft in den Kniekehlen hängen, meine Mascara sich gern mal eine Etage tiefer verabschiedet und nicht jeder Mensch mich und meine Lebensentscheidungen mögen kann. Aber will ich das die ganze Zeit gesagt kriegen? Nö, will ich nicht. Also behellige ich die Anderen auch nicht mit meiner Meinung zu ihren persönlichen Dingen.

Das funktioniert – genau wie die Corona-Maskenpflicht – dann am besten, wenn es jeder tut. Was aber, wenn es um etwas geht, das mich direkt betrifft? Weil jemand sich mies mir gegenüber verhält, meine Freiheiten beschneidet und mich herumkommandiert?

Dann kann es passieren, dass ich diese Maske doch mal fallen lasse.

Weil es nicht mehr anders geht, weil ich aus tiefstem Herzen einmal sagen muss, was ich denke, weil ich sonst daran ersticke. Lässt einer seine Maske fallen und spricht aus, was gerade gehörig schief läuft, dann tut es das Gegenüber oft auch – und dann ist man zutiefst irritiert, weil man plötzlich glaubt, den anderen nie wirklich gekannt zu haben. Weil plötzlich gar nichts mehr zu passen scheint, obwohl man vorher bestens miteinander auskam. Ist die Höflichkeit erstmal zum Teufel, hat man oft interessante Erkenntnisse.

Einen solchen Streit mit einem Freund habe ich gestern nachmittag erlebt, das war kein schönes Gefühl und hatte vielleicht sogar was damit zu tun, dass ich am Vormittag an der Kasse unter meiner Maske vor mich hingelitten habe. Vielleicht hatte ich da einfach keine Kraft mehr, auch meine emotionale Maske weiter aufzubehalten. Aber wenn man so richtig aneinander gerät, sieht man wenigstens mal, was sich unter der Maske des Gegenübers die ganze Zeit verborgen hat. Und muss dann gut darüber nachdenken, ob man auch das wahre Gesicht des Anderen mögen kann.

Allgemein bin ich keine, die so richtig auf die Pauke haut, wenn sie ungerecht behandelt wird. Meistens lasse ich mir Dinge viel zu lang gefallen, statt mich mal zu wehren. Weil ich Konflikte scheue, weil ich es peinlich finde, andere auf ein Fehlverhalten hinzuweisen. Weil ich dazu erzogen wurde, nicht zu sehr anzuecken. Diese großen Dramen nehmen mich immer ziemlich mit, ich zweifle dann an meiner Wahrnehmung und an meiner Fähigkeit, die Menschen zu durchschauen. Aber irgendwie bin ich auch stolz, dass ich gestern mal offen gesagt habe, was mich stört, statt weiter so zu tun, als sei alles okay.

Vielleicht ist es ein wenig traurig, zuzugeben, dass ich unterm Strich die höflichen kleinen Lügen, die Maskenpflicht im Umgang zwischen zwei Menschen, der ungeschminkten Wahrheit vorziehe.

Aber es ist so, ich stehe nicht auf Drama. Ich mag meine Freunde (auch dich immer noch, H.), ich komme am liebsten gut mit ihnen aus und werde am liebsten fair behandelt.

Also was ist die Pointe? Momentan haben wir mehr Schwierigkeiten als sonst, die Mimik unseres Masken-Gegenübers zu deuten. Also kann es hilfreich sein, einfach mal zu sagen: „Ich fühl mich grad nicht gut“ oder „Hey, schön dich zu sehen“, statt darauf zu vertrauen, dass das Gegenüber die bleiche Gesichtsfarbe oder das begrüßende Lächeln unter der Maske errät. Bei den emotionalen Masken verhält es sich ähnlich, nur, dass die Corona-unabhängig sind. Wenn etwas schief läuft, sollten wir vielleicht einfach mal früh- und rechtzeitig, wertschätzend und mit einer kleinen Zuckerschicht verkleidet sagen, dass es Änderungsbedarf gibt, statt unter der Maske fast zu ersticken und sie sich dann mit einem großen Befreiungsschlag vom Gesicht zu reißen.

Was denkt Ihr darüber?

3 Kommentare

  1. Danke, das ist wirklich gut geschrieben und alles so echt, weil wirklich erlebt. Zu sprechen, wie man wirklich ist und denkt, ohne „Masken“, ist doch richtig. Ich hörte mal ein Wort, das es gut veranschaulicht, find ich: “ Wir sollen dem anderen die Wahrheit nicht um die Ohren schlagen wie mit einem nassen Lapppen, sondern hinhalten wie einen warmen Mantel.“ Naja, ganz paßt es hier nicht, aber etwas.

    1. Ich finde, der „warme Mantel“ passt hier sogar ziemlich gut. Dabei geht es vielleicht ein bisschen auch darum, dem anderen die Möglichkeit zu geben, trotz Kritik sein Gesicht zu wahren. Ein schöner und kluger Spruch, danke!

      1. Na, da freue ich mich, daß das Wort auf fruchtbaren Herzensboden gefallen ist. ❤ Übrigens ging es mir gestern ähnlich unter meiner neuen Stoffmaske. Ich hielt es nur kurz darunter aus, weil ich fast keine Luft mehr darunter bekam. Schnell war ich wieder draußen und zog die Maske vom Gesicht. Nun überlege ich, welche Maske mich am wenigststen behindert, oder ich gehe seltener einkaufen.

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