@work: Der (erste) Riss in meinem Lebenslauf

Da ist er also. Der erste Riss in meinem Lebenslauf. Keine Lücke, wie sie vielleicht entsteht, wenn man im Knast war und das lieber nicht sagen möchte. Und auch kein Bruch. Ich will ja auch weiterhin als Redakteurin arbeiten, lieber heute als morgen. Nein, ein einfacher, ehrlicher, fieser, nerviger Riss.

Natürlich schreibe ich in meinen Lebenslauf, dass ich auf Jobsuche bin. Muss ich ja, immerhin ist das, wie ich gelernt habe, durch die Unterschrift sowas wie ein offizielles Dokument. Aber es fühlt sich verflucht blöd an. Ungewohnt auch. Wer mich kennt, weiß vielleicht, dass ich immer großen Wert auf eine lückenlose Beschäftigung gelegt habe. Niemals habe ich einen Job gekündigt, ohne schon den nächsten Arbeitsvertrag unterschrieben zu haben. Klar ging es dabei um die finanzielle Sicherheit. Aber vor allem war mir wichtig, zu zeigen, dass ich fleißig und ehrgeizig bin. Dass ich gefragt bin und meine Chancen clever nutze, mich Stück für Stück nach oben arbeite und mir keine Ausrutscher erlaube.

Dass ich so kurz nach der betriebsbedingten Kündigung einen neuen Vertrag unterschrieben habe, entsprach dem, es war brav und lückenlos und typisch Ich. Umso untypischer war es, dass ich diesen neuen Job nach zwei Wochen hingeworfen habe, ohne zu wissen, wie es weitergeht (wer’s noch nicht gelesen hat, findet den Text hier: @work: Warum ich meinen neuen Job nach nur zwei Wochen gekündigt habe). Wenn es irgendwie gegangen wäre, hätte ich gern durchgehalten. Auch wenn es nur für meinen Lebenslauf gewesen wäre. Denn das hätte mir die Schmach erspart, eine monatelange Jobsuche dort hinein zu schreiben.

Machen wir uns mal nichts vor: Arbeitslos zu sein ist Gift für die Karriere.

Es ist unsexy, es ist peinlich, es ist eine Art Brandzeichen, das mich nun für immer begleiten wird. Arbeitslos zu sein wird mit persönlichem Versagen gleichgesetzt, auch wenn ich im Frühjahr nur eine von vielen, vielen Mitarbeitern war, die betriebsbedingt entlassen wurden. Betriebsbedingt – das sollte eigentlich schon alles sagen. Es ging nicht um persönliches Versagen, mein Arbeitgeber hat einfach seinen größten Auftrag verloren, wie es manchmal so ist in der Geschäftswelt, und konnte es kaum verhindern, sich von einem Großteil der Mitarbeiter*innen zu trennen. Umso mehr habe ich mich über das nahtlose Jobangebot der Agentur gefreut. Aber es ist anders gekommen, am Ende war die Arbeitssuche im Lebenslauf doch leichter auszuhalten als ein Job, der mich unglücklich macht.

Das sagt die Karriereberaterin

Viele meiner Freundinnen aus anderen Branchen haben mir erzählt, dass sie selbstbewusst zu den Lücken und Rissen und Brüchen in ihren Lebensläufen stehen, weil es heutzutage ganz normal ist, dass man aus wirtschaftlichen Gründen entlassen wird. Das Gleiche sagt auch die Karriereberaterin, mit der ich letztens gesprochen habe. Und auch die meisten Karriereportale im Internet sehen das so:

Angesichts der Einstellungs- und Kündigungspolitik vieler Unternehmen lassen sich einige Wochen oder Monate ohne Job nicht immer vermeiden und werden von Arbeitgebern auch nicht unbedingt als Problem angesehen.

https://karrierebibel.de

Also gut. Vielleicht ist ein Riss im Lebenslauf gar nicht unbedingt das Ende der Welt und nicht ganz so peinlich, wie ich es empfinde. Wahrscheinlich bin ich da wirklich sehr hart zu mir selbst. Wer weiß, so ein bisschen schön-argumentieren könnte man das Ganze ja auch. Immerhin ist es sowas wie eine Auszeit. Ein achtsames Neu-Aufstellen. Ein kleines Sabbatical. Eine bewusste Orientierungsphase. Es kommt immer auf die Sichtweise an, wie so oft im Leben.

Ich habe letztens sogar mal gelesen, dass immer mehr Unternehmen bewusst auf Bewerber*innen mit Brüchen und Rissen im Lebenslauf setzen würden, weil die nämlich Risikobereitschaft zeigen würden. Nicht, dass uns modernen Arbeitsmenschen etwas anderes übrig bliebe, immerhin hangelt meine (Redakteurs-) Generation sich von Jahresvertrag zu Jahresvertrag. Aber klar, wenn man die Risikobereitschaft darin sieht, können Risse schon sexy sein. Ob am Ende dann aber wirklich die mit den monatelangen Frei-Phasen eingeladen werden oder doch diejenigen, die immer brav schon ein Folge-Engagegement vorweisen konnten, weil sie so supertoll sind und deshalb nie in die Verlegenheit eines Leerlaufs kommen, vermag ich natürlich nicht zu sagen.

Ich habe mir jedenfalls überlegt, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als zu dieser ersten Dazwischen-Phase in meinem Berufsleben zu stehen. Wenn ich gefragt werde, was da passiert ist, werde ich es einfach sagen – und dann wieder über die Zukunft sprechen.

Dazu gehört auch, die entstandene freie Zeit bestmöglich zu nutzen, zum Beispiel für Weiterbildungen. Ich hoffe, dass all die tollen Angebote, die durch Corona zum Erliegen gekommen sind, nun langsam wieder anlaufen. Und ansonsten werde ich eben die eine oder andere Online-Schulung machen – Hauptsache, ich kann etwas lernen und ganz nebenbei noch nachweisen, dass ich nicht nur auf der faulen Haut gelegen und „Gilmore Girls“ gestreamt habe.

Mein Blick ist ganz klar in die Zukunft gerichtet.

Ich habe so viele Ideen, so viel Lust, kreativ und engagiert zu arbeiten, dass ich diese ganze Corona-Jobflaute am liebsten vorspulen würde. Damit ich nicht nochmal Schiffbruch erleide, habe ich mir mal Gedanken gemacht, wie mein Traumjob eigentlich aussieht. Denn zumindest das habe ich aus meiner kurzen Agentur-Zeit mitgenommen: „Irgendwas mit Schreiben“ langt nicht. Um mir meine eigenen Präferenzen zu verdeutlichen, habe ich mir einen Post-It-Baum gebastelt, der aufzeigt, wo ich meine eigenen Stärken und Talente sehe und was mir an einem Job wichtig ist. Im nunmehr achten Berufsjahr weiß ich zum Glück ganz gut, was ich möchte und was nicht – und das aufgeschlüsselt vor mir zu sehen ist wirklich hilfreich.

Falls jemand von Euch den Baum für sich selbst nachbasteln möchte: Ich habe die drei Kategorien „Meine Stärken und Talente“, „Was mir menschlich wichtig ist“ und „Welche Fähigkeiten ich ausbauen möchte“ definiert und dann einfach wild auf Post-Its gebrainstormt. Anschließend habe ich alles an die Zimmertür meines Arbeitszimmers geklebt, die einzelnen Punkte nach Wichtigkeit geordnet und so ein ganz gutes Bild von dem bekommen, das ich kann, mag und will.

Das hilft mir schon jetzt beim Lesen von Stellenanzeigen. Denn vor dem Post-It-Baum dachte ich oft: „Naja, klingt jetzt nicht so spannend, aber das würde notfalls schon gehen“. Doch das macht nicht glücklich. Jetzt gleiche ich das Stellenprofil einfach mit dem ab, was mir persönlich wichtig ist – und erinnere mich dadurch viel besser an meine eigenen Prioritäten, die ich sonst bei der Jobsuche allzu oft vernachlässige.

Dieses Post-It-Kleben ist übrigens etwas, das ich bei verschiedenen Agenturen gesehen und für mich übernommen habe. Generell das Sichtbarmachen von Dingen, die man ausschließlich im Kopf hat. Das wird auch in künftigen Jobs hilreich sein.

Ach, ich freu mich auf die ganzen tollen Chancen, die da kommen. Drückt mir die Daumen, dass bald etwas Schönes für mich dabei ist. :)

10 Kommentare

  1. Lücken und Brüche gehören zum Leben dazu. Sie anzunehmen ist immer das Beste. Ich wünsche Dir eine gute Zeit und natürlich auch, dass Du einen Job findest, der Dir Erfüllung bereitet. Liebe Grüße, Pirandîl

    1. Vielen Dank. Ja, sie gehören dazu – aber wir als Leistungsmenschen werden doch dazu erzogen, dass sie idealerweise zu vermeiden sind. Deshalb habe ich Respekt vor allen, die dazu stehen und versuche es ebenfalls. Danke für deine guten Wünsche. Viele Grüße!

  2. Risse und Lücken sind heute kein grosses Problem mehr. Schlimm ist es wie teilweise versucht wird, diese zu vertuschen oder zu verschweigen. Das wirft dann unangenehme Fragen auf und führt oft zu Absagen ohne Gründe.

    1. Danke für den Beitrag. Ich glaube auch, dass man einfach dazu stehen sollte. Fragt sich nur, warum wir überhaupt das Gefühl haben, das wäre etwas Peinliches. Darauf gibt es eine klare Antwort: Es ist uns jahrelang eingeredet worden, man müsse einen Riss oder eine Lücke vertuschen, weil Personaler darauf regelrecht allergisch seien. Kein Wunder, dass es uns so schwer fällt, es ehrlich zu sagen. Jahrelang so, dann plötzlich anders – wann hat dieser Wandel denn stattgefunden?

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