@work: 11 Dinge, die ich in Corona über digitale Job-Interviews gelernt habe

Foto: Elijah O’Donnell on Unsplash

Ein Vorstellungsgespräch vor der Webcam – klingt doch eigentlich entspannt. Die stressige Anreise fällt weg, du sitzt in deiner gewohnten Umgebung, brauchst keine Hose zu tragen und recherchierst fehlendes Wissen einfach mal schnell außerhalb des Kameraausschnitts mit dem Handy nach. Doch ganz so easy ist es nicht, im Gegenteil. Dass diese Art des Vorstellungsgesprächs ganz eigene Herausforderungen und Tücken hat, haben viele von uns in der Corona-Zeit auf die harte Tour gelernt.

Anfang April hatte ich das erste digitale Vorstellungsgespräch meines Lebens, seitdem sind noch einige mehr dazugekommen. Ursprünglich hatte dieses erste Gespräch persönlich stattfinden sollen. Wir erinnern uns, das war die Zeit, in der wir alle noch dachten, mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen könne der Alltag schon irgendwie weitergehen. Am Tag selbst dann allerdings morgens um sieben die Nachricht: Bitte daheim bleiben, wir haben einen Corona-Verdachtsfall und müssen das komplette Büro schließen. Hektisch traf ich naheliegende Vorbereitungen: Ich lud mir die Zoom-App herunter, räumte mein Büro auf, prüfte die Lichtverhältnisse und die Stabilität der Internet-Verbindung.

Am Ende lief das Interview gut und ich bekam den Job – Ihr erinnert Euch vielleicht, das war der Job, den ich nach nur zwei Wochen wieder gekündigt habe. Rückblickend denke ich, dass das anteilig auch mit der Art des Kennenlernens zu tun hatte. Denn wenn ich in den Räumlichkeiten gewesen wäre, wenn ich meinen künftigen Arbeitsplatz in der Mitte des Großraumbüros gesehen und den aufgedrehten Agentur-Vibe in der Luft gespürt hätte, wäre mir vielleicht schneller klargeworden, dass dort zwar coole Dinge entstehen, ich mich aber nicht so richtig wohlfühlen würde. Doch das sind Erfahrungswerte, die erst die Zeit bringen konnte.

In dieser Woche hatte ich nun die Chance, bei einem Webinar mehr zum Thema Online-Vorstellungsgespräche zu erfahren. Und da wollte ich es natürlich genauer wissen. :) Gehalten wurde es von Karriere-Coach Melanie von Groll, die viele kluge Tipps parat hatte (falls jemand Interesse an einer Karriere-Einzelberatung hat, wäre sie sicher eine gute Wahl). In diesem Artikel habe ich das, was wir von ihr gelernt haben, um eigene Erfahrungen ergänzt. Da in dem Webinar nur Medienleute vertreten waren, schwirrten parallel dazu außerdem viele Ideen und Einwürfe durch den Raum, die ich hier ebenfalls mit rein nehmen möchte. Einiges hat man so oder so ähnlich sicher schon gehört, vieles ist selbsterklärend, anderes einfach gut zu wissen.

Hier also in a nutshell das, was ich seit Corona zum Thema digitale Vorstellungsgespräche gelernt habe:

Schnell mal spicken? Die inhaltliche Vorbereitung

Ich nehme mir am Tag vor jedem Vorstellungsgespräch einige Stunden Zeit, über das Unternehmen zu recherchieren und mir Fragen zu notieren. Ob ich mich persönlich oder digital vorstelle ist für die Vorbereitung unerheblich, die Facts müssen sitzen. Zu glauben, man könnte nebenher kurz mal fehlendes Hintergrundwissen googlen, ist naiv, das wird nicht funktionieren. Der einzige Vorteil des digitalen Gesprächs ist vielleicht, dass Ihr Euch die Namen Eurer Gesprächspartner und einige andere Infos groß auf Papier schreiben und an die Wand hinter dem Laptop pinnen könnt. Doch auch das hält sich in Grenzen, meine Stichpunktlisten und Fragen nehme ich ohnehin immer ausgedruckt in einer Mappe zum Gespräch, falls ich mal etwas nachschlagen möchte.

Damit alles funktioniert – die technische Vorbereitung

Ist ja logisch: Wenn ich das Gespräch von daheim aus führe, muss ich Vorbereitungen treffen. Dazu gehört, die Technik vorher zu checken (Internet-Verbindung, ausreichend Akku/Strom) und mich mit dem Tool zu beschäftigen, über das das Gespräch stattfinden soll. Oft muss zum Beispiel ein Profil eingerichtet werden. Es empfiehlt sich ein privater Testlauf, zum Beispiel mit Freund oder Familie, um zu schauen, ob alles funktioniert – und wie ich rüberkomme. Superwichtig, wird aber oft vergessen: die Kamera reinigen. Schlieren auf der Linse zeichnen alles weich, das wirkt unprofessionell. Außerdem sollte man sich vorher überlegen, ob ein Kopfhörer gebraucht wird oder ob der Lautsprecher und das Mikrofon des Computers ausreichen.

Foto: William Iven on Unsplash

Wohin setze ich mich?

Den richtigen Ort in der Wohnung zu finden ist gar nicht so leicht, denn es ist nicht unbedingt der Schreibtisch – und auch nicht der Lieblingssessel. „Natürlich sollte im Hintergrund kein ungemachtes Bett zu sehen sein“, sagt Melanie von Groll – got it. Viele entscheiden sich deshalb für die weiße Wand, doch auch das ist nicht die optimale Wahl: „Denn der Aussagewert ist gleich null“, so die Karriere-Beraterin. Stattdessen ruhig die Chance nutzen, durch den Hintergrund ein Statement zu setzen – zum Beispiel durch die beeindruckende Bücherwand, die dann aber natürlich ordentlich sein sollte. Soll es trotzdem die weiße Wand sein, darauf achten, zwei Meter Abstand zu halten, damit die Kamera die Tiefe des Raumes erfassen kann. Von digitalen Hintergründen, die man bei einigen Plattformen einstellen kann, rät sie grundsätzlich ab. Wichtig bei der Platzwahl ist auch, dass kein Gegenlicht herrscht (klar), da sonst nur Schatten zu erkennen sind. Für bessere Lichtverhältnisse kann ein günstiges Ringlicht (Selfie-Licht) sorgen, das auf den Laptop oder das Handy aufgeklemmt wird. Oder man hängt wie Melanie von Groll ein weißes Bettlaken vors Fenster, das das Tageslicht etwas bremst und das Gesicht dadurch vorteilhafter erscheinen lässt.

Welchen Bildausschnitt soll ich wählen?

Auch wenn die Bücherwand einen Aussagewert hat, sollte sie nicht zu viel vom Bildausschnitt einnehmen. Melanie von Groll empfiehlt, den Laptop etwas erhöht (auf Bücher, Magazine usw.) zu stellen, so dass das Gesicht gut zu erkennen ist und der Kameraausschnitt mit dem Scheitel endet. Die Augen sollten im oberen Drittel des Bildes sein. Auf die Weise schaut man den Gesprächspartner gerade an, nicht auf ihn herab oder zu ihm hinauf.

Was ziehe ich an?

„Die Kamera liebt Pastelltöne, also pudrige Farben“, so Melanie von Groll. Wenn der Kontrast zu stark sei, könne die Kamera das nicht gut erfassen. Am besten seien einfarbige Kleidungsstücke – auf keinen Fall sollte man zu kleingemusterten Stoffen greifen. Das weiß ich auch aus eigener Erfahrung: Für mein Vorstellungsgespräch, das dann kurzfristig digital stattfand, hatte ich ein kariertes Businesskleid gekauft, das ging vor der Kamera allerdings gar nicht. Jan, ein Fotograf, der ebenfalls im Webinar war, erklärte uns, warum: Feine Muster erzeugen ein sogenanntes Moiré. „Das Kamera-Bild besteht aus einem feinen Raster, das Muster bildet ebenfalls ein Raster – das ist, als ob man zwei Fliegengitter übereinander legen und dann verschieben würde“, sagte er. So entsteht das unangenehme Flimmern. Melanie von Groll rät außerdem dringend dazu, eine richtige Hose zu tragen (nix von wegen untenrum nackig *g*) – und auch elegante Schuhe, keine Hauslatschen. Sie meint, dass man sich mit richtigen Schuhen gleich anders fühlen würde. Ich glaube, dass das Geschmackssache ist. Ich bin daheim ein Barfuß-Mensch – und wenn ich mich selbstsicher, geerdet und authentisch fühlen will, gibt es für mich nichts besseres als nackte Fußsohlen.

Foto: Melody Jacob on Unsplash

Wie viel Make-up ist angemessen?

Im echten Leben und vor der Kamera gilt: dezent geschminkt ist am besten. Ein durch Schattenpuder akzentuiertes Gesicht oder ähnliches ist nicht notwendig und könnte eher nach hinten losgehen.

Wie gehe ich mit Störungen um?

Der Hund bellt. Das Kind ruft. Der Paketbote klingelt. Vermeidbare Störungen sollten im Vorfeld abgeschaltet werden. Mit anderen Worten, Kind und Hund am besten anderweitig unterbringen, Telefon und Haustürklingel ausschalten, die Katze aussperren, das Fenster schließen (bei uns wird draußen immer gern plötzlich ein Laubbläser eingeschaltet, Horror). Wenn doch mal eine unvorhergesehene Störung passiert, ist das aber kein Weltuntergang, dann kommt es vor allem auf den souveränen Umgang damit an. Kurz entschuldigen, Problem lösen, zurückkehren, freundlich dort weitermachen, wo man aufgehört hat.

Gleich geht’s los – das richtige Mindset finden

Die Geisteshaltung ist sicher der größte Unterschied zum persönlichen Vorstellungsgespräch. Reisen wir an, haben wir die Fahrt, um uns geistig darauf vorzubereiten, dass wir gleich professionell performen müssen. Sind wir daheim, entfällt diese mentale Schleuse. Deshalb setze ich mich in der letzten halben Stunde vor Beginn des Gesprächs gerne in meinen Lieblingssessel, schaue nochmal alle Notizen durch – und meditiere ein paar Minuten (sechs Minuten mit Handywecker), um mich auf die Situation einzustellen.

Kamera an: Wohin schauen, wenn ich rede?

Klare Antwort: Nicht aufs Videogesicht des Gesprächpartners, sondern in die Kamera.

Wie viel Gestik ist erlaubt?

Sitzen wir jemandem in der Realität gegenüber, nehmen wir nicht nur das wahr, was er sagt, sondern auch die Energie, die er dabei ausstrahlt. Da das über die Kamera nicht funktioniert, müssen wir dieses Defizit im Gehirn überbrücken. Daher empfiehlt die Karriere-Beraterin, ruhig mehr zu gestikulieren. Auch wenn die Hände größer wirken als in Wirklichkeit, weil sie näher an der Kamera sind – es lohnt sich. Außerdem wichtig: Den Worten kommt in einem digitalen Vorstellungsgespräch noch mehr Bedeutung zu als in einem persönlichen, deshalb mit Bedacht sprechen.

Bonus-Fragen stellen

Bei einem persönlichen Vorstellungsgespräch nehme ich meine Umgebung wahr. Ich suche einen Parkplatz, betrete das Gebäude, beobachte, wie die Mitarbeiter durchs Foyer gehen und ausstechen, sehe vielleicht ein Kantinenschild, laufe den Flur entlang, sehe die Büros und bekomme einen Eindruck davon, wie die Mitarbeiter angezogen sind. Wenn ich daheim vor der Kamera sitze, sehe ich all das nicht, erst recht nicht, wenn mein Gegenüber ebenfalls daheim ist. Daher kann man ruhig ein paar Fragen stellen, um diese Lücke zu überbrücken. Zum Beispiel nach den Parkmöglichkeiten. Oder der Aufteilung der Büros. Oder der Zeiterfassung. Ist immer noch nicht das selbe, aber zumindest bleiben weniger Fragezeichen zurück.

Hattet Ihr schon mal ein digitales Vorstellungsgespräch? Und wenn ja, welche Erfahrungen habt Ihr damit gemacht?

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