#reisen in corona: Die Niederländer und ihr Mondkapje

Na, habt Ihr dieses Jahr Sommerurlaub gemacht? Ich musste mal raus und bin deshalb mit einer Freundin mit dem Auto nach Holland ans Meer gefahren. Gut eine Woche haben wir Wellen, Strand und Sonne genossen. Und ich gebe zu, es war echt schön, mal wieder wirklich woanders zu sein.

Seit Corona habe ich Deutschland nicht mehr verlassen, deshalb hat es sich richtig aufregend angefühlt, über die Grenze zu fahren. Nicht zu fliegen war für mich eine bewusste Entscheidung, ich wollte nicht in die Situation kommen, plötzlich irgendwo zu sitzen und nicht mehr wegzukommen. Meine Freundin hätte es sich schon vorstellen können, sie ist da unerschrockener als ich. Aber für mich war klar: Ich möchte selbst mobil sein und – wenn ich feststelle, dass die Corona-Lage in Europa sich verschlechtert – einfach meine Sachen packen und zurückfahren können. Aber „nur“ nach Holland zu reisen war für mich keine große Einschränkung, denn ich liebe die entspannte Art der Niederländer und die wunderschöne Landschaft in unserem Nachbarland.

Besonders interessant und irgendwie auch erschreckend war es aber, zu sehen, wie dort mit Corona umgegangen wird. „Mondkapje“ nennt sich die Mund-Nasen-Bedeckung in Holland. Björn meinte, das könne auch „Schlafmütze“ bedeuten – und so witzig das einerseits ist, steckt irgendwie eine tiefere Wahrheit dahinter. Denn unsere netten Nachbarn sind nicht nur im täglichen Leben sehr entspannt, sondern auch, was den Schutz vor Corona betrifft. Meine Beobachtungen möchte ich hier für Euch zusammenfassen.

Ohne Maske in den Supermarkt

In den Niederlanden gibt es – außer in Amsterdam und Rotterdam (dazu gleich mehr) – keine Maskenpflicht in den Läden. Für uns eine komische Situation, die mich ziemlich verunsichert hat. Irgendwie habe ich mich nackt gefühlt ohne die Maske, rücksichtslos den Anderen gegenüber und selbst ungeschützt, weil mir eben auch jeder seine Viren ins Gesicht pusten konnte. Deshalb habe ich anfangs meinen Mundschutz freiwillig aufgesetzt. Allerdings sind die Holländer diesen Anblick im Supermarkt offenbar (noch) nicht gewöhnt, so ähnlich wie bei uns ganz am Anfang der Pandemie. Ich wurde oft erschrocken angeschaut, so als ob ich schon infiziert wäre und jetzt trotzdem die Dreistigkeit besäße, einkaufen zu gehen. So ein bisschen so, wie es bei uns war, bevor die Maskenpflicht eingeführt wurde. Deshalb habe ich es dann irgendwann auch gelassen. :/

Desinfektionsmittel – der Schutzheilige Hollands

Automat mit Mundschutz und Desinfektionsmittel im Einkaufszentrum in Heerhugoward: Theoretisch ist Holland gut aufgestellt gegen Corona. Praktisch? Not so much.

Während Deutschland den Weg der Maske (klingt nach Superhelden-Biografie) geht, hat Holland sich einen anderen Schutzheiligen auserwählt: Den Desinfektionsmittelspender. Bevor man einen Laden betritt und wenn man ihn verlässt, ist es verpflichtend, sich die Hände zu desinfizieren. Dabei gibt es mal gute, mal sehr eklig schleimige Varianten des Desinfektionsmittels. Vergisst man es, eilt hektisch ein Mitarbeiter hinterher und erinnert daran, ähnlich wie bei uns mit der Maske. Außerdem habe ich mehrfach Automaten gesehen, aus denen man sich kleine Fläschen to go ziehen kann.

Diese alleinige Fokussierung auf die Desinfektion finde ich interessant. Doch sie langt wahrscheinlich schlicht nicht aus, wenn man das Virus schon mit sich herumträgt. Die Gewissenhaftigkeit, mit der das Ganze durchgezogen wird, ist aber toll. Ich würde mir wünschen, dass die Desinfektionsmittelpflicht auch bei uns als ergänzende Maßnahme dazu kommt. Mit geschütztem Gesicht und immer sauberen Händen hätte ich ein noch besseres Gefühl im geschlossenen Raum.

Abstand halten gehört zum guten Ton

Die Maßgabe lautet, immer zwei Armlängen Abstand zum Nächsten zu halten. Das funktioniert in den Läden leider gar nicht, genauso wie an den Stränden. Und auch in vielen Restaurants wird vom Service-Personal nicht wirklich darauf geachtet. In Bergen wurden wir zum Beispiel (draußen) ganz selbstverständlich zu anderen Leuten an den Tisch gesetzt, das fanden weder wir noch die besonders toll.

Generell hatte ich den Eindruck, dass die Menschen selbst gewissenhaft auf den Abstand achten und es sie verunsichert, wenn jemand diese Regel bricht. Am Strand saßen wir zum Beispiel mit anderen Leuten auf einer langen Bank im Schatten, immer schön mit 1,50 Meter Abstand. Ein älterer Deutscher quetschte sich souverän in diese Lücke und klebte wirklich schon fast an mir dran, das fand ich unmöglich. Aber meine Höflichkeit – und die Tatsache, dass der Platz auf der schattigen Bank wie ein Sechser im Lotto war – verboten mir, was dazu zu sagen. Stattdessen habe ich mich halt in die andere Richtung gedreht. Aber die Holländer auf der anderen Seite sind kopfschüttelnd aufgestanden und gegangen.

Mondkapje in den Öffis

Schild am Bahnhofs-Bahnsteig, das auf die Maskenpflicht im Zug hinweist.

Warum man in noch so kleinen Läden ohne Mondkapje herumlaufen darf, in der Bahn aber eine Maskenpflicht herrscht, verstehe ich nicht. Aber okay, wenigstens dort.

Strenge Maskenpflicht in Amsterdam und Rotterdam

Hinweis auf dem Dam-Platz in Amsterdam, dass in der Innenstadt Maskenpflicht herrscht – und zwar drinnen und draußen!

Eine überraschend strikte Ausnahme bilden die Städte Amsterdam und Rotterdam. Wir waren am vergangenen Mittwoch in Amsterdam, dort wird per Aufsteller überall darauf hingewiesen, dass in der Innenstadt Maskenpflicht herrscht. Und zwar nicht nur im Laden, sondern auch auf der Fußgängerzone, zwischen den Grachten und überhaupt in jeder Gasse. Denn zwischendrin fährt die Polizei herum, macht Durchsagen und weist einzelne Leute darauf hin, den Mundschutz aufzusetzen. Dass Strafen verteilt wurden, konnte ich nicht beobachten, aber es ist möglich.

Mit Maske in Amsterdam unterwegs – und das bei 35 Grad. Ein harter Tag.

Was also ist mein Fazit zur Corona-Prävention in Holland?

Generell kann ich die dortigen Regeln nicht so recht nachvollziehen. Wünschenswert wäre eine europaweit einheitliche Regelung für alle. Denn Maskenpflicht hin und Desinfektionsmittel her, die Menschen überqueren Ländergrenzen. Ist Holland schlechter geschützt als wir, erhöht das auch unser Infektionsrisiko. Was denkt Ihr darüber?

Disclaimer: Ich erzähle das, was ich gesehen habe, und erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit – es ist möglich, dass es Regeln gibt, die mir nicht bekannt sind, und ebenso, dass sich seit unserer Rückkehr vor fünf Tagen etwas geändert hat. Außerdem spreche ich nur für Nord-Holland, da ich dort meinen Urlaub verbracht habe. Wie es in anderen Teilen des Landes aussieht, kann ich nicht beurteilen.

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