@work: Lieber potenzieller Arbeitgeber

Foto: Tandem X Visuals on Unsplash

Lieber potenzieller Arbeitgeber,

danke, dass du mich zum Gespräch eingeladen hast. Ich weiß, ich bin nicht die Einzige – heute oder in den kommenden Tagen wirst du noch jede Menge andere Bewerberinnen und Bewerber kennenlernen. Sie alle haben einen ähnlichen beruflichen Hintergrund wie ich, sie alle haben sich für dich schick gemacht und einige Stunden Zeit darauf verwendet, sich sorgfältig auf dieses Kennenlernen vorzubereiten.

Ich weiß, ich bin nicht die Einzige, die du eingeladen hast, und das ist okay. Immerhin möchtest du deine Stelle mit genau der richtigen Person besetzen. Mir geht es da ganz ähnlich, auch ich möchte genau den richtigen Job für mich finden. Deshalb ist es, also zumindest theoretisch, ein Kennenlernen auf Augenhöhe, ein gegenseitiges Beschnuppern, ob wir gut füreinander wären.

Theoretisch. Denn natürlich ist mir bewusst, dass Redakteursstellen schon seit Jahren nur spärlich ausgeschrieben werden. Entweder werden sie gar nicht nachbesetzt, um Geld zu sparen, oder sie werden unter der Hand vergeben, bevor sie jemals auf Stepstone, Monster, Newsroom oder Indeed landen. Doch ab und zu wird eine der kostbaren Stellen tatsächlich auf einer Jobplattform inseriert. Redakteurinnen und Redakteure auf Jobsuche haben oft einen Alarm geschaltet, der sie sofort benachrichtigt, wenn dieser seltene Fall eintritt. Denn weil es auf jede Stelle gleich mal 50 bis 100 Bewerbungen gibt (nach den Insolvenzen diverser Medienhäuser sind mal wieder sehr viele Redakteure und Redakteurinnen in Rhein-Main auf Jobsuche), werden sie sehr schnell wieder offline genommen. Deshalb heißt es, nicht lang schnacken und auf an den Laptop. Die Termine, die für diesen Tag geplant waren, lassen sich kurzfristig verschieben. Denn wenn ich entscheide, meinen Hut in den Ring zu werfen, muss ich Zeit einplanen. So eine Redakteursbewerbung zu verfassen dauert schon mal zwei bis drei Stunden, immerhin ist das Anschreiben in unserer Branche schon die erste Arbeitsprobe und muss passgenau zugeschnitten sein auf den Adressaten.

Weil die Jobsituation für Redakteurinnen und Redakteure so angespannt und das durch Corona natürlich nochmal schlimmer geworden ist, freue ich mich über jede Einladung zu einem Vorstellungsgespräch, als hätte ich den Job schon in der Tasche. Danke für diese Chance, lieber potenzieller Arbeitgeber!

Dass du mich nur mitten am Tag empfangen kannst ist klar. Dafür muss ich mir Urlaub oder Überstunden nehmen, aber das mache ich doch gerne. Ich kaufe mir ein neues Outfit oder bringe meine bewährten Bewerbungsklamotten in die Reinigung. Ich sitze nachts am Computer, um über dein Unternehmen zu recherchieren. Ich erfülle auch gerne jede Arbeitsprobenaufgabe, die du mir im Vorfeld zumailst. Schlaf wird sowieso überschätzt – notfalls nehme ich mir halt noch ein paar Tage Urlaub, um das zu schaffen, denn ich habe echt Interesse an diesem Job und möchte gerne, dass du einen guten Eindruck von mir hast.

Foto: Surface on Unsplash

Offenbar habe ich meine Sache gut gemacht, denn du hast mich eingeladen. Und jetzt sitze ich hier. Ich bin nervös, für mich geht es um viel, um mehr als für dich, wenn wir beide ehrlich sind. Ich habe eine lange Liste von Fragen mitgebracht, die ich stellen will. Erleichtert registriere ich, dass die Chemie zwischen uns stimmt, ich bringe dich zum Lächeln und manchmal sogar zum Lachen. Das ist toll, denn ich lege Wert auf eine angenehme Arbeitsatmosphäre. Und ich kann jede deiner Fachfragen kompetent beantworten. Dass du außerdem saudämliche Zusatzfragen stellst („Welchen Gegenstand würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?“), um mich als Person besser kennenzulernen, ist okay.

Als wir uns verabschieden, ist es, als hätten zwei alte Freunde sich nach langer Zeit wiedergesehen. Du versprichst mir, du würdest dich so schnell wie möglich melden. Du weist daraufhin, dass ich, wenn ich bei dir anfange, natürlich einen Parkplatz vor der Tür bekomme. Und Sodexo-Restaurantgutscheine. Und ob ich nicht über eine kürzere Kündigungsfrist verhandeln könnte, damit ich schneller bei dir anfangen kann? Fast möchte ich dir zur Verabschiedung einen Kuss auf die Stirn geben und sagen: „Ich hab dich sehr lieb, mein Freund, und bin froh, dass du in mein Leben trittst.“

Foto: Tim Mossholder on Unsplash

Wieder daheim, denke ich voller Sympathie an dich. Ich schaue mir die Umgebung rund um den möglicherweise neuen Arbeitsplatz auf Google Maps an, ich lasse mir die Fahrtzeit im Berufsverkehr anzeigen und berichte allen, die mich fragen, euphorisch von dem tollen Gespräch mit dir.

Und. Dann. Meldest. Du. Dich. Nicht. Mehr.

Nie mehr. Du ghostest mich. Es ist ja okay, dass du dich für einen Mitbewerber oder eine Mitbewerberin entschieden hast. Das ist dein gutes Recht. Aber warum sagst du mir nicht wenigstens ab? Warum bist du erst so interessiert, freundlich und konkret – und antwortest dann nicht mal mehr auf meine Nachfrage, die ich zwei, drei Wochen später maile? Ich bin unsichtbar für dich geworden, irgendwann zwischen unserer Fast-Küsschen-Verabschiedung und dem Warten auf deine Antwort.

Und das macht mich wütend. Warum muss ich alles für dich tun, Tage meines Urlaubs opfern, Stunden umsonst für dich Arbeitsproben erstellen, Fahrkarten oder Benzin zahlen – und du hast am Ende nicht mal die Höflichkeit, mir eine Standard-Absage zuzumailen? Ich will nicht unsichtbar gemacht werden von dir. Ich bin ein menschliches Wesen und kein Geist. Und du bist mir eine Absage verdammt nochmal schuldig, egal wie viele Bewerbungen du auf deine Stelle bekommen hast.

Lieber potenzieller Arbeitgeber, ich verstehe dich nicht. Ich bin menschlich enttäuscht von dir. Und ich habe ein sehr gutes Gedächtnis. Sollten wir uns nochmal über den Weg laufen, wirst du kein Lächeln mehr von mir bekommen, so nett ich dich auch fand bei unserer ersten Begegnung. Aber so behandelt man Menschen nicht, selbst wenn es Redakteure auf Jobsuche sind.

Danke, dass du meine Zeit und mein Geld und meine Hoffnungen verschwendet hast. Danke für gar nichts.

Mit freundlichen Grüßen
Anne Zegelman

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