Warum es okay ist, dass Veränderungen fucking Angst machen

Foto: Jon Tyson / Unsplash

Vor vier Jahren bin ich allein mit dem Rucksack durch England gereist. Es war eine schöne Zeit, ein einsamer und irgendwie auch reinigender Weg. In Cambridge am Bahnhof habe ich ein Schild gesehen: „Dear world, change here“. Das fand ich unheimlich clever. Und ich dachte: Wie schön, immer Hoffnung haben zu dürfen, dass neue Ideen, neue Perspektiven, neue Energien alles verändern können.

Es gibt ja Leute – oder vielleicht ist das auch nur ein Gerücht – die so gar keine Angst vor Veränderungen haben. Die dauernd umziehen, vielleicht sogar von einer in die nächste Stadt, die permanent ihren Job wechseln und ihren Partner, wenn’s mal nicht so leicht läuft. Ich gehöre nicht dazu, ich suche Veränderungen nicht. Ich glaube, ich vermeide sie auch nicht, aber es reizt mich einfach nicht, mein Leben dauernd aufzubrechen und zu schauen, was unter der Kruste ist. Manches ist auch einfach okay so. Zumindest, bis es nicht mehr okay ist.

Zehn Jahre unser Zuhause

Okay ist ja nicht schlecht. Okay kann einem ein Dach über dem Kopf geben, ein monatliches Gehalt, ja, Okay kann einem sogar eine Freundin sein, die einen im Grunde schon nervt, aber die im richtigen Moment da ist, wenn man sie braucht. Auch unsere Wohnung ist Okay, eigentlich ist sie deutlich mehr als Okay. Wir wohnen jetzt zehn Jahre hier und haben uns meistens echt wohl gefühlt. Immerhin ist sie hell und freundlich, sie hat so viele Zimmer, dass wir beide unseren Rückzugsort haben, sie hat zwei Bäder mit Fußbodenheizung, sie hat einen Wintergarten und einen tollen Blick auf die alten Bäume des Friedhofs nebenan. Aber sie hat eben auch viele Nachteile: Keinen Balkon. Schräge Wände. Offene Küche. Dritter Stock ohne Aufzug.

Aber die Nachteile haben uns – außer während dieser endlos scheinenden wenigen Wochen im Hochsommer – nicht so sehr gestört, dass wir uns zu einem Umzug durchringen konnten. Bisher. Doch nun steht eine Veränderung bevor. Denn die Wohnung soll verkauft werden. Und wir müssen uns überlegen, wie es weitergeht.

Schock und Trauer

Nachdem unser Vermieter mir die Neuigkeit vor ein paar Wochen am Telefon gesagt hatte, war ich zunächst geschockt und habe auch getrauert. Vielleicht trauere ich auch jetzt noch. Aber irgendwann kam der Moment, an dem ich dachte: Hey, das könnte doch eine Chance sein, sich zu verbessern. Endlich einen Balkon oder einen kleinen Garten zu bekommen. Endlich mal wieder zu hinterfragen, ob das, was ich hier habe, was wir hier haben, denn noch richtig für uns ist.

Ich gebe zu, das mache ich zu selten. Ich brauche dafür einen Hebel, einen Absprung, einen Turbo, der mich über Zweifel und Zögern hinaus auf die nächste Ebene trägt – ein bisschen wie bei Inception. Entweder einen Impuls von außen, wie im Fall der Wohnung, oder einen innerlichen Impuls, der mich überwältigt: Wut, Angst, Schmerz, irgendwas, das so unangenehm ist, dass es mich zwingt, mich zu bewegen.

„Ach, das geht schon noch“

Wie jeder Mensch habe auch ich eine Schwelle, bis zu der ich Leidensdruck toleriere. Ich würde behaupten, sie liegt im guten Mittelmaß. Bis zu dieser Schwelle denke ich: Ach, das geht schon noch. Ach, die momentane Situation hat doch auch Vorteile für mich, die kann ich ruhig noch etwas weiter aushalten. Ich zögere. Ich bin ängstlich. Ich scheue die anstehende Veränderung, weil sie noch nur eine Option ist. Genauso kann ich auch bleiben. Und so sind wir auch Sommer um Sommer in unserer Wohnung geblieben, obwohl es oft 40 Grad im Dachgeschoss waren und wir nur mit den Füßen in einer Wasserwanne überhaupt abends auf der Couch sitzen konnten. Ich bin gewillt, echt viel Mist zu ertragen. Ich will nicht umziehen. Ich hasse umziehen.

Plötzlich verliere ich die Angst

Doch dann komme ich eines Tages doch an die Schwelle. Das ist wie eine Lichtschranke, die aktiviert wird. Plötzlich verliere ich die Angst und denke: Hola, neuer Lebensabschnitt! Es kann doch nur besser werden. Dass alles so bleibt ist keine Option mehr, ich werde unruhig, will los und weg und überhaupt einfach machen. Und dann fällt es plötzlich ganz leicht.

Foto: Steve Harvey / Unsplash

Das war 2018 so, als ich nach meiner Schilddrüsen-OP aufwachte und wusste, ich werde mir den Shit in meiner damaligen Redaktion nicht mehr länger bieten lassen. Drei Jahre war ich zu dem Zeitpunkt dort, drei Jahre lang war ich zum Teil hart unzufrieden, habe immer wieder halbherzig versucht, wegzukommen, aber ich habe es nicht durchgezogen. Doch nach der OP ging es plötzlich nicht mehr, plötzlich musste ich handeln. Also habe ich meine Möglichkeiten sondiert, habe festgestellt, dass die Jobmarktlage für Redakteure wie immer desolat ist – und habe meinen unbefristeten Job für eine Elternzeitvertretung beim wdv hingeschmissen. Und zwar, ohne mir Sorgen zu machen, auch wenn ich Grund dazu gehabt hätte. Aber ich wusste einfach, ich muss das jetzt tun. Viele haben mir davon abgeraten: viel zu riskant, dumm, impulsiv. Genauso im Mai 2020, als ich (wie mittlerweile gefühlt tausendmal berichtet) einen neuen Job nach kürzester Zeit hingeschmissen habe. Bleiben: Keine Option. Was kommt: kann nur besser werden (lest dazu auch den Artikel „Wenn du eine Entscheidung treffen musst, stell dir diese eine Frage“).

Und ein bisschen ist es auch jetzt so. Noch ist die Wohnung nicht verkauft, und selbst wenn, haben wir neun Monate Kündigungsfrist, weil wir schon so lange hier wohnen. Doch die will ich nicht abwarten. Plötzlich denke ich: Los jetzt, Veränderung. Wir sind bereit für dich. Denn für alles Gute, das wir hinter uns lassen, lassen wir auch alles Schlechte zurück. Und mischen die Karten neu.

Foto: Alex Block / Unsplash

Ja, Veränderungen können einem fucking Angst machen. Aber die Vorstellung, dass alles für immer so bleibt wie jetzt ist ebenfalls beängstigend. Vielleicht ist es einfach das Leben, das einem Angst machen kann. Darauf muss man sich einlassen, das ist okay. Und es ist auch okay, diese Erkenntnis gehabt zu haben und in den stillen, dunklen Nachtmomenten trotzdem wieder traurig und ängstlich zu werden. Wenn wir hier irgendwann ausziehen, ob früher oder später, wird es unendlich hart werden, dieses Zuhause der letzten zehn Jahre zurückzulassen. Unser erstes gemeinsames Zuhause. Aber hey, das ist gut – im Gegenteil, es ist sogar wichtig. Denn nicht traurig zu sein würde doch nur bedeuten, dass es nichts gibt, um das es sich zu trauern lohnt. Und das wäre wirklich deprimierend.

5 Kommentare

  1. Gut gesprochen. Dank „lieber“ Nachbarn haben mein Mann und ich auch unsere Gemeinewohnung aufgegeben – wir wollen Ruhe haben, näher am Grün sein und die erste Besichtigung war gleich ein Volltreffer 🙂 noch sind wir am Übersiedeln.

    Ich kann dir aber versichern, wenn du das nächste findest, weißt du, warum du gehst.

    Veränderungen machen Angst – aber der Mut ist doch genau das, was es heißt, Angst haben und sich ihr stellen. Also Dezembra, damit bist du mutiger als jene, die keine Angst haben.

    Toi-toi-toi für deine Suche.

    1. Vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Der macht Mut! Ich finde auch, Angst hat ja ihre Funktion und Berechtigung. Ohne Angst hätte man keine Gelegenheit, mutig zu sein, da hast du völlig recht.
      Euch ganz viel Erfolg bei der Übersiedlung.

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