Was von mir übrig bleibt – und was mir am meisten fehlt

Foto: Liza Pooor / unsplash.com

Ich weiß nicht warum, aber heute macht mich der Lockdown fertig. Die ganzen letzten Tage habe ich ganz gut damit gelebt. Björn und ich arbeiten ja seit Wochen beide im Homeoffice, er ausschließlich, ich war bis vor kurzem noch zweimal die Woche im Büro und ansonsten auch mit Laptop am Esstisch. So gehen die Arbeitstage ins Land, wir sitzen im Wintergarten, klappern beide vor uns hin, erzählen uns von dem, was gerade so abgeht und bringen einander frischen Kaffee aus der Küche mit. Das ist, in aller Extremsituation, witzig und auch schön, denn wir sehen uns jetzt so viel mehr als früher. Abends hängen wir auf der Couch rum, gehen spazieren oder machen jeder unser Ding. Gut ist das, heimelig, wir haben hier unseren Work-Life-Kosmos, und in dem ist alles okay.

Aber heute ist der erste Tag, an dem wir frei haben seit dem Lockdown.

Streng genommen habe ich seit heute eigentlich auch Weihnachtsurlaub, aber ich muss nächste Woche noch ein paar Stunden weitermachen, ein paar Dinge abarbeiten. Heute ist also der erste Tag ohne Arbeitsablenkung – und ich fühle mich nicht wohl, gar nicht. Ich fühle mich benommen und irgendwie leer. Hoffnungslos. Perspektivlos. Verloren. Natürlich versuche ich, mir selbst zu sagen, dass das vorbei gehen wird, dass dies gerade eine Ausnahmesituation ist, dass ja schon die Impfungen vorbereitet werden und schon bald alles wieder so sein wird, wie wir es vorher kannten.

Aber warum fühle ich mich heute so ausgelaugt und irritiert? Nun, das hat mit Sicherheit auch etwas damit zu tun, dass ich die letzten drei Wochen so absurd viel gearbeitet habe. Klar, dass man danach in ein Loch fällt. Es war ja schon früher nicht so leicht für mich, am Wochenende runterzukommen, schon, als die Welt noch normal war (darüber habe ich zum Beispiel hier geschrieben: Hilfe, ich bin ein Wochenend-Versager!). Und in dieser neuen Welt nach so einer harten Phase einen Gang runterzuschalten ist nochmal eine ganz andere Herausforderung.

Aber das ist es nicht, nicht nur. Da ist diese eine philosophische Frage nach dem Kern meines Seins. Wenn ich nicht shoppen gehen und mich mit Konsum betäuben kann (außer online, aber das ist nicht ganz das Gleiche), wenn ich mich nicht mit einer Freundin im prallen Leben auf der Berger Straße zum Frühstück treffen kann, wenn ich nicht die nächste Rucksackreise planen oder einfach ins Auto springen und übers Wochenende irgendwohin düsen oder wenigstens schwimmen oder ins Restaurant gehen oder Kultur konsumieren kann – was ist dann unter all dem? Was bleibt übrig von mir, wenn ich mich selbst nicht mehr mit Spaß überpinseln kann? Wie sieht dieser Kern aus, der gerade freigelegt wird? In letzter Instanz: Wer bin ich?

Eine harte Frage, der ich schon einmal ziemlich nah gekommen bin.

Im Herbst 2018, ich hatte gerade bei der Ärzte Zeitung gekündigt und ein paar Wochen frei, bevor ich beim wdv anfangen würde, mietete ich für eine Woche ein kleines Apartment direkt am Meer in Zandvoort (Holland). Ich liebe Zandvoort, daher hielt ich es für eine gute Location für meine Erholungswoche. Die Wohnung war toll, modern und süß und vor allem unglaublich gut gelegen. Von allen Fenstern aus hatte ich direkten Meerblick auf die stürmischen Winterwellen, auf den windgepeitschten Sand und die Leere am Strand, über den nur ab und zu mal ein Spaziergänger mit Hund lief. Das Meer war nur wenige 100 Meter vom Haus entfernt – perfekt für meine Zwecke.

Mein Plan: Eine Woche lang drinnen bleiben und mich komplett von allen Strapazen des vorherigen Jobs erholen. Denn daheim kam ich nie dazu, mal einfach nur zu lesen, einfach nur rumzuhängen, immer war da irgendwer, der etwas von mir wollte, Ansprüche stellte.

Diese Woche in Zandvoort sollte nur mir gehören.

Ich hatte meinen Laptop dabei und wollte an einem neuen Buch arbeiten, ich hatte stapelweise Bücher eingepackt und kaufte am ersten Tag ganz viel Essen ein, so dass ich mich selbst versorgen konnte und nicht dauernd wieder einkaufen gehen musste. Ich richtete mich ein und wartete, dass die Erholung beginnen würde. Doch sie kam nicht. Stattdessen mähte mich die Einsamkeit fast um. Stundenlang starrte ich von meiner Couch aus auf den Horizont, gefangen in einer Art Ur-Angst, die ich einfach nicht abschütteln konnte. Und immer die Frage: Warum passiert das? Wovor habe ich solche Angst? Herzrasen, Bauchschmerzen, ein Gefühl der Isolation – ich fühlte mich, als würde ich allein in einem Boot sitzen und vom Ufer weggetrieben werden. Statt endlich einmal in Ruhe zu spüren, wer ich eigentlich bin und was ich eigentlich suchte im Leben, hatte ich das Gefühl, mich in der Stille aufzulösen wie in Säure.

Mehr als einmal war ich kurz davor, meine Sachen zu packen und nach Hause zu fahren. Doch ich blieb. Allerdings wurde mir klar, dass mein dämlicher Plan, mich alleine in der Wohnung zu erholen, nicht aufgehen würde. Also begann ich, rauszugehen, lief am einsamen Strand entlang und genoss die Gischt auf meinen kalten Wangen. Ich machte Ausflüge und erkundete neue Städte in der Umgebung, ich googelte Second-Hand-Läden und stöberte in den lustigen und lausigen Dingen dort. Ich freute mich, wenn ich unterwegs etwas Spannendes, Interessantes oder Kurioses entdeckte. Ich spürte, wie die Dinge, die ich sah, die Fremden, die mir zulächelten, meine Seele nährten – und mir die Erinnerung daran zurückbrachten, wer ich bin. Und ich begriff: Der Mensch kann nicht alleine sein auf Dauer, denn er verliert sich in der Einsamkeit, er fasert aus und löst sich schließlich auf.

Vielleicht fühle ich mich gerade so irritert und erschlagen, weil ich Angst habe, wieder an diesen Punkt zu kommen. Nur, dass wir diesmal alle gleich isoliert sind.

Vielleicht ist es ein Trost, sich das bewusst zu machen.

Klar vermisse ich meine Freunde und die Reisen und die Welt, wie ich sie kannte – auch wenn sie mich in ihrer Trägheit und Unbremsbarkeit auch oft genug nervte. Aber wenn ich so darüber nachdenke, was mir in Corona jetzt gerade am allermeisten fehlt, sind es die kleinen Kuriositäten des Alltags, diese Seelennahrung, die mich in diesem Winter in Holland gerettet hat. Dieses lust- und humorvolle, hungrige Sich-Überraschen-Lassen von der Welt. Und das will ich wiederhaben. Denn das bekommt man einfach nicht, wenn man im Homeoffice arbeitet und niemandem begegnet außer Tag ein, Tag aus dem gleichen Gegenüber, das genau wie man selbst langsam blass und fett wird, immer die gleiche Jogginghose trägt und Pickel bekommt.

Deshalb lohnt es sich, jetzt mal daheim zu bleiben. Dafür halte ich noch ein bisschen durch. Wofür haltet Ihr durch?

Foto: Luther.M.E. Bottrill / unsplash.com

14 Kommentare

  1. Durchhalten, ja auch das ist wichtig, vielleicht sogar eine ganz wichtige Prüfung. Auf das Ergebnis, die Selbstfindung, am Ende kommt es an. Positiv dazu eingestellt bleiben, ohne Angst. Wer durchhält, dem geht es hinterher besser, und er/sie versteht dann auch andere Menschen besser; denn in dem Punkt sind wir alle ziemlich ähnlich.😊

    1. Das ist sehr wahr. Und auch man selbst versteht sich anschließend besser, im Alltag, aber vor allem in der nächsten Krise. Von daher können wir gerade alle nur dazulernen. ⭐

  2. Hallo, danke für deinen blog. Du hast wunderschön beschrieben, was in mir drin ist und was ich in den letzten Tagen nicht greifbar machen konnte, und dafür möchte ich dir danken. Auch ich bin der beängstigenden WER BIN ICH Frage und der Angst begegnet, und tue es immer wieder. Und ich hab keine Lösung, wer hat die schon?! Ich frag mich jedoch lieber Wer will ich sein? Ich wünsche dir frohes Aushalten, Momente der Freude und schöne Weihnachten!

    1. Danke für deine lieben Worte. Ich frage mich aber schon, warum es so beängstigend ist, dem eigenen Kern zu begegnen. Eigentlich habe ich immer versucht, ein anständiges Leben zu leben, ich glaube an Karma und habe keine großartigen Traumata erlebt. Also was sollte ich denn dort finden, dem ich nicht begegnen möchte? Hast du darauf eine Antwort für dich?

      1. Das ist jetzt nicht meiner Weisheit letzter Schluss, aber vielleicht ist es so beängstigend, weil es diesen Kern, dieses Ur-Selbst, nach dem Menschen sich in Selbstfindungsbemühungen verrenken, nicht gibt. Kein Kern. Ein Spritzer Ursuppe, der eigentlich wieder zu sich selbst (zum Ganzen) zurückkehren möchte. Ja, wir brauchen die Anderen. Sie sind ein Teil von uns – oder besser: wir sind, ebenso wie sie, ein Teil von etwas viel Größerem. – Aber was ich eigentlich hatte sagen wollen: Ein sehr guter Text mit viel Denkstoff. Danke.

      2. Nun ja, aber dieses Nichts ist eben doch nicht Nichts. Wir kultivieren den Individualismus. Das macht die Dinge schwierig, doch andererseits macht es vielleicht einiges erst möglich. Diese Spannung auszuhalten, ist nicht immer leicht. Mir scheint, Du bist auf einem guten Weg zur Erkenntnis. Das ist mehr als Selbsterkenntnis. – Auch ich bin ja nur auf dem Weg. Und, nein, ich komme jetzt nicht mit dem Spruch „Der Weg ist das Ziel“. Der Weg ist der Weg. Ob es ein Ziel gibt, wissen wir nicht.

      3. Ich glaube zum einen, dass die grundlegende Erkenntnis vom Alleinsein ist, dass wir irgendwann alleine sterben, und niemand weiß, ob oder wie die, die wir lieben, uns folgen oder wiederbegegnen. Für mich hängt das iwie zusammen. Andererseits frage ich mich wie du, warum mich mein Kern an sich ängstigen sollte…? Ich kenne meinen Kern, und meine Traumata, wie du es nennst, und ich würde sagen meine Schattenseiten, denn ich bin ihnen schon begegnet… von daher frage ich mich auch, wenn auch aus anderen Gründen, warum diese Angst? Ist da vielleicht noch mehr Dunkles oder Tiefes……?😏Meine Antwort ist Meditation und alleine reisen, und aktuell: Alleinsein aushalten, statt mich abzulenken.. ich weiß nicht, ob das für jeden ein Weg ist?

  3. Ich verstehe es sehr gut, dieses Gefühl, in ein Loch zu fallen. Wenn man es nicht wie sonst mit Reisen, Kultur, Unternehmungen aller Ort sofort stopfen kann. Ich habe auch fast Angst vor den Ferien, die jetzt beginnen. Solange wir mit unserer Arbeit (im Homeoffice seit Anfang März) und dem über lange Zeit zu betreuenden Distanzunterricht der Kinder beschäftigt waren, war alles fast kein Problem. Aber Ferien daheim, zuhause und im eigenen kleinen ziemlich langweiligen Ort, den wir nicht verlassen dürfen über die Feiertage. Ich selbst, allein, hätte kein Problem, ich würde lesen, schreiben, fernsehen, spazieren oder laufen gehen. Aber alle Interessen der Familie unter einen Hut zu bringen, wenn man nur so eingeschränkte Möglichkeiten hat, das ist schon ein Experiment. Dem wir uns stellen (müssen und wollen)!

    1. Ich bewundere alle Eltern, vor allem wegen des Homeschoolings, das sie mal eben so nebenher schaffen sollen, aber vor allem, weil sie es aushalten müssen, gelangweilte Kinder um sich herum zu haben. Und weil sie so im Stich gelassen werden von der Politik und trotzdem weitermachen (müssen) – es bleibt ihnen ja nichts anderes übrig. Dagegen sind meine „Leiden“ gering, das weiß ich wohl. Ich glaube, wenn man Kinder hat, klingt dieses „Luxuslangeweileproblem“ doch sehr begehrenswert. ;)

  4. Ist erster Linie halte ich für meine Angehörigen durch, die Risikopatienten sind, für die Menschen, von denen man noch nicht weiß, dass sie Risikopatienten sind und für mich selbst, da ich es für mich ja auch nicht ganz ausschließen kann. Damit stehe ich mental schon mal mit einem großen Haufen an Menschen in Verbindung, so dass ich mich null alleine fühle.
    Dann finde ich immer mehr raus (hauptsächlich zwischen den Lockdowns), wer oder was mir wirklich wichtig ist. Frei nach dem Motto: Ist dir das so wichtig, um eine Ansteckung zu riskieren? Bei dieser Frage fiel Etliches hinten runter. Auch Menschen, die keine Rücksicht nahmen.
    Und zu Hause wechsle ich häufiger die Jogginghose – gerne sehr bunte, ähnlich wie der Second-Hand-Laden :D

    1. Jogginghosen sind das Beste am Lockdown. 😁 Danke für deine Gedanken, in der Tat ist man ja mit all den Menschen, für die man durchhält, in Verbindung, das ist eine schöne Vorstellung und macht gleich weniger einsam. Frohe Weihnachten!

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