2020: Ein Jahr, fünf Arbeitgeber

Foto: Arièle Bonte / unsplash.com

Wenn das Jahr morgen zu Ende geht, blicke ich zurück auf beruflich extrem turbulente Monate. Unglaublich, aber wahr: 2020 habe ich von sage und schreibe fünf verschiedenen Stellen Gehalt bekommen. Wahnsinn.

Wenn ich so auf dieses merkwürdige Berufsjahr zurückblicke, befällt mich eine gewisse Sprachlosigkeit, einfach, weil so viel passiert ist und manches so dermaßen komisch und verletzend war. Trotzdem möchte ich nochmal zurückblicken, einfach, um dieses befremdliche 2020 ein für allemal abzuschließen und hinter mir zu lassen. Dazu habe ich auch ein paar Fotos rausgesucht und erzähle Euch die dazugehörigen Geschichten.

wdv: Der „All-or-nothing-Tag“

Der Arbeitgeber, mit dem ich ins Jahr 2020 startete, war der wdv-Verlag in Bad Homburg. Ein renommiertes Unternehmen, das 2018, als ich dazu kam, bereits jahrzehntelang für die AOK die Mitgliederzeitschrift(en) produziert hatte und wie ein unsinkbares Schiff im Strom des Corporate Publishing dahin glitt. Bis, ja bis eines Tages die Ankündigung der AOK kam, den Auftrag öffentlich auszuschreiben. Eine ziemliche Katastrophe für den wdv, der von der AOK komplett abhängig war. Trotzdem hatte man durchaus das Selbstbewusstsein und die Hoffnung, den anstehenden Pitch zu gewinnen. Und man gab alles – es wurden Task Forces gebildet, Beratungsagenturen beauftragt, ein riesiges neues Konzept erstellt, das mit viel Tamtam präsentiert wurde. Mit anderen Worten: Alle gaben alles. Aber es reichte nicht.

Dass der wdv die AOK verlor, erschütterte die Fundamente des Verlags – und schnell wurde allen Beteiligten klar, dass eine ganze Menge Mitarbeiter würden gehen müssen. Trotzdem war lange unklar, ob mich das persönlich auch betreffen würde. Denn ich arbeitete in einer Abteilung, die mit der AOK eigentlich nichts zu tun hatte. Doch das half mir nichts: Ende Februar 2020 wurde ich, gemeinsam mit vielen, vielen weiteren Kolleginnen und Kollegen, zu einer Art All-or-nothing-Tag vorgeladen. An dem sollte man mitgeteilt bekommen, ob man weiterhin beschäftigt oder entlassen würde.

Eigentlich ein düsterer Tag, den man fürchten sollte. Aber auf dem Weg zu diesem Datum gab es dermaßen viele Enttäuschungen, Kränkungen und vehementes Totschweigen, dass ich froh war, als der große Termin endlich gekommen war. Und mehr noch, irgendwie hoffte ich fast, gekündigt zu werden. Denn den Gekündigten winkte eine Transfergesellschaft – und einige Monate Freizeit, die ich mir sehr wünschte. Im Team verabredeten wir, einen kleinen Umtrunk zu organisieren, um danach anstoßen und beisammen sein zu können – egal, wer welche Mitteilung erhalten würde.

Der Tag kam, ich packte Sekt, Kuchen und andere Leckereien ein und fuhr zur Arbeit. Und dann kam die Veranstaltung. So etwas Merkwürdiges wie das habe ich noch nie zuvor erlebt. Wir mussten in einer langen Schlange anstehen, die durchs ganze Foyer reichte. Vorne angekommen wurden wir nach Nachnamen-Buchstaben sortiert und bekamen je einen Brief überreicht, in dem wir über Kündigung oder Weiterbeschäftigung informiert wurden. Die Meisten wurden gekündigt, das war klar. Ich nahm den Brief mit in mein Büro und riss ihn auf, überflog die ersten Worte und musste mich erstmal setzen. Doch dann kamen die ersten Menschen durch die Türen, wir umarmten uns (vor Corona) und begriffen nach und nach, dass das Elend der Ungewissheit nun ein Ende hatte. Und dann feierten wir unsere Kündigung. Ich glaube, auf dem Foto unten links sieht man ziemlich genau, wie widersprüchlich meine Gefühle an diesem Tag waren.

Die Transfergesellschaft: Feind oder Freund?

Wenn ein Unternehmen eine Transfergesellschaft beauftragt, stehen die Mitarbeiter dem erst einmal skeptisch gegenüber. So war es auch bei uns. Bevor ich die Chefin der Transfergesellschaft PRM zum ersten Mal traf, stellte ich sie mir irgendwie bedrohlich vor. Doch als ich sie dann auf einer Veranstaltung erlebte, war ich überrascht, wie sympathisch sie war und wie geduldig sie unsere aufgebrachten Fragen beantwortete. Empathisch, muss man fast sagen. Immer wieder wurden wir schon vor der Kündigung mit der Chefin und den Beratern zusammengeführt, ein bisschen wie Käfigtiere, die sich an einen neuen Gefährten gewöhnen sollten. Nach und nach begriffen wir, dass diese Leute uns nichts Böses wollten, sondern uns bei der Suche nach einem neuen Job unterstützen würden, während wir weiter unser Gehalt bekamen – nur dann von ihnen. Und tatsächlich waren diese Beratungsgespräche hilfreich. In den Monaten, die ich bei der Transfergesellschaft angestellt war, fuhr ich immer wieder nach Bad Homburg zu einem Termin mit meiner Beraterin, einer netten, cleveren Dame, die ansonsten als Business-Coach arbeitete. Schließlich freute ich mich sogar richtig auf die konstruktiven, oft sogar ein bisschen psychologischen Gespräche mit ihr. Und am Ende bezahlte mir die Transfergesellschaft sogar ein interessantes zweitägiges Seminar in Köln („Kommunikationstraining für Frauen“), das ich mir sonst niemals hätte leisten können. Ich muss sagen, im Nachgang war die Betreuung durch die PRM eine der überraschendsten und angenehmsten Erfahrungen in diesem Jahr.

Agentur: Ein zweiwöchiger Fehlstart

Am 2. Mai hatte ich meinen ersten Arbeitstag bei einer Kommunikationsagentur an der Messe. Ich dachte, jahrelange Tätigkeit hart an der Grenze zwischen Journalismus und Corporate Publishing hätten mich darauf vorbereitet, doch das war eine Fehleinschätzung. Auf dem heimlichen Selfie, das ich am ersten Tag an meinem neuen Arbeitsplatz mitten in einem Corona-bedingt leergefegten Großraumbüro machte, sieht man schon, dass ich mich etwas fehl am Platz fühlte. Was dann passierte, darüber habe ich ja hier („Warum ich meinen neuen Job nach nur zwei Wochen gekündigt habe“) groß und breit geschrieben – und noch heute, mehr als ein halbes Jahr später, denke ich überwältigt an die vielen lieben Zuschriften und Kommentare, die ich auf den Text bekommen habe. Im Rückblick bin ich sehr froh, dass ich damals so ehrlich zu mir selbst war, schon nach kurzer Zeit Konsequenzen zu ziehen und mich wieder zu verabschieden. Auch wenn das Risiko, erstmal nichts Neues zu finden, in Corona-Zeiten natürlich hoch war.

Arbeitsagentur: Ganz schön abgefuckt

Da war ich nun – zum ersten Mal in meinem Leben wirklich so richtig arbeitslos. Ein ziemlich abgefucktes Gefühl. Aber auf der anderen Seite war ich auch dankbar, so weich zu fallen und in einem Land zu leben, in dem ein paar Monate Arbeitslosigkeit nicht gleich den finanziellen Ruin bedeuten. Zum allerersten Mal musste ich einen Antrag auf Arbeitslosengeld stellen. Ein ganz schöner Papierkrieg, das habe ich mir leichter vorgestellt. Doch ansonsten ließ das Arbeitsamt mich in Ruhe und äußerte auch nicht den Wunsch, mich zu beraten. Wegen Corona hatte ich nur ein kurzes telefonisches Gespräch, ansonsten durfte ich mich bewerben, wo und wie ich wollte. Und tat das auch fleißig, denn schön langsam machte mir das Nichtstun keinen Spaß mehr. Zum Glück konnte ich mich nach nur einem Monat auch schon wieder abmelden vom Arbeitslosengeld, juhu. Denn …

Bistum Limburg: Mein Happy End

… ich bekam die Zusage für einen Job, auf den ich mich schon im Februar beworben hatte. Und zwar als Redakteurin für das Haus am Dom und die katholische Stadtkirche Frankfurt. Ich? Zur Kirche? Nicht wenige haben schallend angefangen zu lachen, als ich das erzählte. Immerhin bin ich ja ein eher kritischer Mensch, wundere mich oft laut über die Ehe und sage frei und laut, wie ich die Dinge sehe. Übrigens auch im Bewerbungsgespräch. Aber sie haben mich trotzdem eingestellt – und es passt, ein bisschen auch zu meiner eigenen Verwunderung, sehr sehr gut. Es ist ein toller Job, der mir so viel Spaß macht, der mir genau die richtigen Themen vor die Füße wirft und viel Stoff zum Nachdenken gibt. Das ist ein ganz anderes, tieferes, ernsteres Umfeld als eine Agentur; am ehesten noch vergleichbar mit einer Lokalredaktion, da bei mir den ganzen Tag Geschichten einlaufen. Vielleicht passt es ja gerade deshalb, weil ich eben keine bin, die aus dem direkten kirchlichen Umfeld kommt und viele Dinge auch mal hinterfragt, die in den Gemeinden schon gar nicht mehr wahrgenommen werden. Ich sehe mich ein bisschen als Brücke zwischen der Kirche und den Normalmenschen, die mit Glauben nicht viel zu tun haben. Vor allem aber bin ich immer noch begeistert, dass das große Risiko, das ich im Mai mit meiner Kündigung eingegangen bin, zu diesem ganz persönlichen Happy End geführt hat. :) Wer mehr darüber wissen möchte: Hier habe ich nach den ersten drei Monaten Bilanz gezogen -> „Über die ersten 100 Tage im neuen Job und mobiles Arbeiten“.

7 Kommentare

  1. Danke für das Update aus deinem Leben, immer sehr spannend. 🙂 Ich finde es immer wieder witzig, wie anders und gleichzeitig wie nah dran unsere Leben verlaufen an dem, was wir uns als Teenager erträumt und vorgestellt haben.

    1. Ja oder? Und wie anders es sich zum Teil anfühlt, wenn genau das Erhoffte passiert. Vielleicht sollte ich mir etwas Stabilität für 2021 beim Universum bestellen? 😉

Schreibe eine Antwort zu family4travel Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s