Gastbeitrag: Deutschland, wir müssen reden!

Foto: Daiga Ellaby / unsplash.com

Frauen über 30 ohne Kinder werden auch in einem Deutschland des Jahres 2021 beäugt, bemitleidet oder gar als Provokation empfunden. Vor allem, wenn sie sich bewusst gegen Nachwuchs entscheiden. Werbung, Film und Fernsehen wollen ihnen einreden, mit ihnen stimme etwas nicht. Es ist höchste Zeit, die sehr persönliche Frage „Kind oder kein Kind?“ zu versachlichen. Andere Länder sind uns da weit voraus.  

Von Meike Mittmeyer-Riehl  

Deutschland, wir müssen reden. Du gibst dich immer gern so betont tolerant und weltoffen, dass man glatt meinen könnte, inzwischen sei so gut wie jeder individuelle Lebensweg gesellschaftlich toleriert. Auf dem Papier mag das so sein. Dass es mit dieser angeblichen Toleranz in der Realität nicht allzu weit her ist, davon können viele homosexuelle Paare, Regenbogenfamilien und Menschen mit anderer Hautfarbe ein Lied singen. Auch beim Thema Mutterschaft hat man in Deutschland manchmal eher das Gefühl, in grauer Vorzeit stehen geblieben zu sein. Frauen, die sich bewusst gegen Kinder entscheiden, werden nicht nur misstrauisch beäugt, sondern teilweise zum regelrechten Hassobjekt erklärt – aus dem linken und rechten politischen Spektrum gleichermaßen. Der beste Beweis dafür sind die fast durchweg hysterischen und unsachlichen Reaktionen auf die Bücher von Verena Brunschweiger.

Mit „Kinderfrei statt kinderlos“ im Jahr 2019 und „Die Childfree-Rebellion“ 2020 hat die 40 Jahre alte Lehrerin aus Regensburg dieses Tabu-Thema schonungslos offen dargelegt – im deutschsprachigen Raum in dieser Form ein Novum. Das Medienecho landauf, landab von „Bild“ bis „taz“ war vernichtend, wobei „Herzlos-Lehrerin“ noch die netteste Bezeichnung für die Autorin war. Dabei hat Brunschweiger in ihren Büchern keineswegs gefordert, kleine Kinder aufzufressen, ganz im Gegenteil. Sie ruft lediglich dazu auf, sich vor allem als Frau kritisch mit der Frage auseinanderzusetzen, ob man wirklich Nachwuchs haben möchte – oder ob es nur der gesellschaftliche Druck ist, der einen dazu bringt, „weil man das eben so macht“. Schließlich sind Kinder die wohl einschneidendste Lebensentscheidung überhaupt, und die sollte reiflich überlegt sein, allein schon des Kindeswohls wegen.

Keine Kinder – fürs Klima

Autorin Brunschweiger hat sich vor allem aus Klimaschutz-Gründen gegen eigene Kinder entschieden. Einer schwedischen Studie zufolge ist der Verzicht auf leiblichen Nachwuchs bzw. die Entscheidung für weniger Kinder gerade in unserer ressourcenhungrigen westlichen Welt sogar der wirkungsvollste Beitrag, den man für den Klimaschutz leisten kann – weit vor dem Verzicht auf Fliegen oder Autos oder einer rein pflanzlichen Ernährung. Zugegeben, das klingt für manch einen sicherlich provokant. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema hätte sich aber dennoch gelohnt, denn wir sollten die Augen vor dem Problem nicht verschließen. 

Es leben über 7,7 Milliarden Menschen auf der Erde, Tendenz steigend. Zwar könnte die Weltbevölkerung einer neuen Studie zufolge bis zum Jahr 2100 weniger stark wachsen als gedacht und dann sogar schrumpfen. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass unser Planet jetzt schon unter unserem unersättlichen Ressourcenhunger ächzt. In jedem Jahr verlagert sich der „Earth Overshoot Day“ weiter nach vorn, also der Tag, an dem die natürlichen Ressourcen des Planeten aufgebraucht sind (nur 2020 gab es durch die Corona-Krise diesbezüglich eine kleine „Delle“). Forscher warnen eindringlich davor, dass auch Zoonosen (also Krankheiten, die von Tieren auf Menschen überspringen) wie aktuell die Corona-Pandemie durch den Verlust von natürlichen Lebensräumen künftig immer häufiger auftreten werden, weil die Menschheit immer mehr Platz für sich beansprucht. Es ist nur verständlich, dass viele Länder im globalen Süden nach der gleichen Lebensqualität streben, die wir schon lange als selbstverständlich ansehen (und die uns vor allem auch durch die jahrzehntelange systematische Ausbeutung ärmerer Länder ermöglicht wurde): Auto fahren, grenzenloser Konsum, grenzenloses Reisen. Es ist also absehbar, dass sich der Ressourcenhunger der Menschheit noch weiter steigern wird. Angesichts dieser gigantischen Herausforderung erscheint es fast lächerlich, zu propagieren, man könne diese Mammutaufgabe schon bewältigen, wenn man ab und zu mal das Fahrrad statt des Autos nimmt oder hin und wieder auf ein Schnitzel verzichtet. Der frühere australische Labour-Politiker Kelvin Thomson hat das sehr treffend zusammengefasst: „Es ist ziemlich schwer, den CO2-Fußabdruck zu verkleinern, wenn man immer mehr Füße hinzufügt“.

Eine Welt kurz vor dem Klimakollaps

Immer mehr Menschen stellen sich vor diesem Hintergrund völlig zu Recht die Frage: Ist es wirklich verantwortungsvoll, Kinder in eine Welt zu setzen, die kurz vor dem Klimakollaps steht und die schon in wenigen Jahrzehnten in weiten Teilen unbewohnbar sein könnte?  Im englischsprachigen Raum ist die „Childfree“-Bewegung bereits sehr populär, auch die gesellschaftliche Diskussion verläuft dort eher konstruktiv statt hysterisch. In der Zeitung „The Guardian“ lässt sich derzeit eine hochinteressante Reihe zu diesem Thema verfolgen, die sich unter anderem kritisch mit dem Thema Fortpflanzung, Umwelt und Klima auseinandersetzt. Deutschland ist von diesem konstruktiven Diskurs leider noch weit entfernt.

Foto: Samuel Schwendener / unsplash.com

Hierzulande wird die eigentlich sehr intime Frage nach einem Kinderwunsch in anmaßender Art und Weise zu einem Politikum erklärt, befeuert von einer unterschwelligen, pronatalistischen Propaganda, die in Werbung, Film und Literatur zum Ausdruck kommt. Dort werden Frauen ohne Kinder wahlweise als karrieregeile, ich-zentrierte Egoistinnen oder als seltsame, verbitterte Eigenbrötlerinnen porträtiert, während die fürsorgende Mutter, die Job und Familie in aufopfernder Superheldinnen-Manier unter einen Hut bringt, als zu erreichendes Ideal hochstilisiert wird. Unzählige Filme und Bücher enden mit einem „Happy End“ aus Hochzeit und Babyglück, als wäre das die Lösung aller Probleme und der universalgültige Schlüssel zum Lebensglück. Dabei ist die Wahrheit doch deutlich vielschichtiger. Und Bewegungen wie „Regretting Motherhood“ beweisen, dass das universelle Glücksversprechen von Mutterschaft und Kleinfamilie nicht in jedem Fall aufgeht – viele Frauen bereuen ihre Entscheidung rückblickend (was natürlich nicht bedeutet, dass sie ihre Kinder nicht lieben!). Auch die Glücksforschung zeigt immer wieder, dass Elternschaft nicht automatisch zu größerer Zufriedenheit führt (https://www.pnas.org/content/111/4/1328.abstract).

Die hysterische Mehrheit

Erkenntnisse wie diese kommen in den Medien aber bestenfalls als Randnotiz vor und werden von einer hysterischen Mehrheit erbarmungslos niedergebrüllt. Kein Wunder also, dass Mädchen und junge Frauen die Möglichkeit, später selbst einmal Mutter zu werden, nicht als eine Option wahrnehmen, sondern als einzige Option, als logische Folge, vielleicht sogar eine Art Naturgesetz. Und dass viele von ihnen das Gefühl haben, etwas stimme nicht mit ihnen, wenn sie keinen Kinderwunsch verspüren. Politik, Gesellschaft, Kunst und Kultur vermitteln ihnen ja ständig: „Ihr könnt beides haben, Kinder und Karriere.“ Eine wirklich aufgeklärte, pluralistische Gesellschaft müsste ihnen doch aber ebenso mit auf den Weg geben: „Ihr könnt auch entweder oder haben. Oder weder noch. Darüber könnt ihr selbst entscheiden, denn es ist euer Körper.“ Stattdessen wird ein subtiler gesellschaftlicher Druck aufgebaut, mit Schauergeschichten wie: „Das wirst du noch bereuen, wenn du alt und allein bist“, „Ohne leibliches Kind wirst nie wissen, was bedingungslose Liebe wirklich bedeutet“ oder „Dann bist du doch keine richtige Frau“. Auch wenn es für all diese Behauptungen keine stichhaltigen Belege gibt, haben die meisten Frauen jenseits der 30 ohne Kinder solche Sprüche wohl schon einmal gehört.

Es mag sein, dass die Mutterschaft für viele Frauen eine wunderbare, vielleicht auch die beste Erfahrung ihres Lebens ist. Dieses Glück möchte ich auch niemandem absprechen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass nicht alle Frauen so empfinden – und dass es sehr viele Menschen gibt, die ohne Kinder ein glückliches, erfülltes Leben führen, ohne später Reue zu empfinden. Und dass trotzdem nicht jeder von ihnen ein Egoist und Kinderhasser ist, im Gegenteil: Viele Menschen ohne eigene Kinder sind ehrenamtlich sehr aktiv, unterstützen Familie und Freunde bei der Kinderbetreuung oder sind Mentor*innen für die Kinder anderer. Sich gegen leiblichen Nachwuchs zu entscheiden bedeutet ja nicht zwangsläufig, Kinder grundsätzlich aus seinem Leben zu verbannen. Leider wird dieses Vorurteil aber immer und überall kräftig gefüttert.

Die Fragerei muss aufhören!

Es ist also noch ein weiter Weg. Die Erwartungshaltung, dass man – insbesondere als verheiratete oder in einer Partnerschaft lebende Frau über 30! – gefälligst eine Familie zu gründen hat, ist omnipräsent. Das Einreden eines schlechten Gewissens, wenn man es dann eben doch nicht tut, natürlich inklusive. Für mich sind die ständigen Fragen à la „Wann ist es denn bei euch endlich soweit?“ oder „Was, immer noch kein Nachwuchs?“ schlimmstenfalls lästig, für andere Frauen – etwa solche mit unerfülltem Kinderwunsch oder der Erfahrung von Fehlgeburten – müssen sie schmerzhaft bis unerträglich sein. Diese übergriffige Fragerei muss endlich aufhören. Wir brauchen in Deutschland dringend eine sachliche gesellschaftliche Debatte, um den kinderlosen/kinderfreien Lebensstil zu entdämonisieren.

Zum Weiterlesen, -sehen und -hören

Bücher

Verena Brunschweiger: „Kinderfrei statt kinderlos: Ein Manifest“, ISBN 978-3963171482
Verena Brunschweiger: „Die Childfree-Rebellion: Warum zu radikal gerade radikal genug ist“, ISBN 9783963171963
Sarah Diehl: „Die Uhr, die nicht tickt – glücklich kinderlos“, ISBN 978-3716027202
Laura Carroll: „The Baby Matrix“, ISBN  978-0615642994
Laura Carroll: „Families of Two: Interviews with Happily Married Couples Without Children by Choice“, ISBN 978-0738822624

Podcasts

„The Childfree Girls“ https://childfreegirls.podbean.com/
„You Had Me At Childfree“ https://www.youmechildfree.org/

Filme

Maxine Trump: „To Kid or Not To Kid“ https://www.tokidornottokid.com/
David Attenborough: „A Life on Our Planet“ https://www.netflix.com/de/title/80216393

Organisationen

Population Matters: https://populationmatters.org/
Voluntary Human Extinction Movement: http://www.vhemt.org/

Über Meike Mittmeyer-Riehl

Meike ist Diplom-Journalistin und hat ein Buch über die Diagnose Schlaganfall geschrieben, das auf eigenen Erlebnissen beruht. Mehr über sie erfahrt Ihr auf ihrem Blog.

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