Ankommen im neuen Zuhause: Wann ist es endlich genug?

Gewachsenes, lebeniges Chaos ist etwas Wundervolles. Foto: Liam McGarry / unsplash.com

Wer umzieht, kauft. Möbel. Deko. Bilder und Pflanzen, hübsche Teppiche und luftige Vorhänge. Auch wir sind gerade Stammkunden bei Amazon – und dank Click&Collect trotz des Lockdowns auch in Möbelhäusern. Sich neu einzurichten ist wundervoll, doch es kostet auch. Trotzdem ist es momentan mein liebstes Hobby, auf dem Handy stundenlang nach dem einen perfekten Stück für die eine bestimmte Ecke zu suchen, in die eben nur etwas ganz Spezielles passt. Ein Beispiel gefällig? Zwischen den beiden Bädern gibt es einen Wandvorsprung, der ziemlich kahl wirkt, doch er ist nur 20 cm tief. Die Lösung? Ein CD-Regal, 15 cm tief, in dem künftig die Badezimmer-Vorratsartikel wohnen sollen – nebeneinander drapiert ist es dafür tief genug. Und in dem Teil, der dank Glaseinsatz durchsichtig ist, kommen meine Nagellack-Fläschchen und eine kleine Pflanze gut zur Geltung.

Während ich mein Erspartes dahinschmelzen und den Pappkistenstapel wachsen sehe, frage ich mich: Warum brauchen wir eigentlich so viel? In unserer alten Wohnung waren wir doch vollständig eingerichtet und haben zehn Jahre bestens gelebt, ohne dass uns etwas gefehlt hätte. Warum können wir nicht einfach die Sachen nehmen, die wir haben, sie einigermaßen so arrangieren, dass es nach etwas aussieht, und es gut sein lassen?

Die Antwort darauf ist wie immer kompliziert.

Denn natürlich ist keine Wohnung geschnitten wie die andere. Wir haben uns um eineinhalb Zimmer verkleinert, doch die Quadratmeterzahl ist ungefähr gleich geblieben, so dass diese neuen drei Zimmer, zwei Bäder und Küche viel größer sind als die, die wir zurücklassen. Außerdem stellt die neue Wohnung ganz andere Anforderungen. Wir sind ja ein bisschen eigen (für alle, die das noch nicht wissen *g*) und mögen keine Dinge von der Stange – entsprechend spleenig ist auch die neue Wohnung. Sie hat merkwürdige Fenster, wie Gaubenfenster, aber oben und seitlich zusätzlich mit Glas. Das hat uns gleich gefallen, weil es die Wohnung wundervoll hell macht, doch an diese merkwürdigen Fenster passt keine normale Vorhangkonstruktion. Nach langem Grübeln habe ich nun eine Variante ausgetüftelt, wie wir trotzdem unsere geliebten edlen weißen Vorhänge wieder anbringen können. In der Hauptrolle: Drei weiße Teleskopstangen, die man normalerweise für Duschvorhänge nutzt, und diverses Gardinen-Zubehör. Das alles kostet. Nach zwei Wochen und vielen hundert Euro frage ich mich deshalb langsam:

Wann wird es genug sein?

Wo ist die Grenze? Habe ich überhaupt eine? Oder geht das jetzt immer so weiter? Was muss – und was ist purer Luxus? Vorhänge sind mit Sicherheit kein Luxus, da ich meine Privatsphäre schätze. Doch was ist mit der Ecke im Flur, in die wunderbar noch ein Schuhregal passen würde? Die Schuhe können auch auf dem Boden stehen, aber müssen sie das? Oder den Wäschekörben im Bad? Jahrelang waren die Kunststoff-Körbe auf der Waschmaschine gut genug, um die schmutzige Wäsche bis zum nächsten Waschgang zu sammeln. Doch nun stehen sie aus logistischen Gründen im großen Badezimmer – und mir haben schon immer solche geflochtenen Ethno-Körbe gefallen … Reiner Luxus, denn die Kunststoff-Dinger tun es genauso. Und doch sehne ich mich nach Ethno-Körben, als würde davon abhängen, ob ich mich in meiner neuen Wohnung daheim fühle oder nicht.

Besondere Dinge wollen gefunden werden. Foto: Stephanie Harvey / unsplash.com

Man könnte ja meinen, je mehr Vertrautes man um sich hat, desto eher gelingt es einem, in der neuen Umgebung anzukommen. Solang man noch in der alten Wohnung sitzt und bang den Umzug in die Fremde erwartet, fühlt sich das auch so an. Da klammert man sich an jede vertraue Erinnerung, an jedes emotional aufgeladene Teil, und sei es nur der Kunststoff-Wäschekorb – den hatten wir doch so lange auf der Waschmaschine stehen, dass er zum Leben dazugehört! Unvorstellbar, dass der mal nicht mehr da sein soll! Ist man dann im neuen Zuhause angekommen, packt man dann aus und fragt sich, warum es einem eigentlich so wichtig war, gerade an dem Wäschekorb festzuhalten, während man so vieles andere auf den Sperrmüll gebracht hat.

Plötzlich symbolisiert der Wäschekorb nicht mehr das Leben in der geliebten alten Wohnung, von dem man sich nur so schwer trennen kann. Er steht viel mehr für ein altes Leben, das zwar Licht-, aber auch Schattenseiten hatte. Man schaut ihn an, zum ersten Mal ohne vor Emotionen getrübten Blick. Und man stellt fest, dass er schon ganz schön zerkratzt ist.

In diesem Moment lässt man los.

Und shoppt gleich darauf die Ethno-Körbe, einfach weil die Erleichterung darüber, mit dem Schönen, das so weh tut, auch das Schlechte der alten Wohnung hinter sich zu lassen und nun in einem Leben angekommen zu sein, in dem man die schönen Körbe haben darf. Endlich das Alte fortschmeißen und sich mit Dingen umgeben, die besser zu einem passen! Endlich die sein, die ich sein will, und nicht mehr die olle Anne, die im alten Krempel schon halb erstickt ist. Her mit dem neuen Krempel! Her mit dem neuen Leben! Denn, ganz ehrlich, heute gefallen mir ganz andere Dinge als bei unserem letzten Umzug. Und ich kann mir, zum Glück, ganz andere Dinge leisten als damals. Also warum nicht den Schnitt machen und sich über den Neuanfang freuen?

Dieses ständige Kaufen plus die Corona-Situation sorgt gerade dafür, dass meine Gefühle Achterbahn fahren. Shoppen beruhigt, es erfreut, es gibt einem etwas, auf das man hinfiebern kann. Ja, es erneuert einen irgendwie. Ich kaufe schnell, nicht nur, um den Prozess des Umzugs zügig abzuschließen, sondern auch, um endlich mein normales Leben zurückzubekommen, das sich vollständig angefühlt hat. Mit Freunden, mit Reisen, mit Kolleginnen im Büro und lauten, lustigen Abenden in Restaurants. In einem Zuhause, das ich kenne, ja, aber auch in einer Welt, die nicht mehr so bedrohlich und still ist wie jetzt gerade. Doch schön langsam begreife ich, dass ich nicht einfach vorspulen kann. Und das ist auch okay, manchmal ist das Leben eben so, manchmal wird man halt ausgebremst.

Foto: JOSHUA COLEMAN / unsplash.com

Und dazu kommt, dass manches seine Zeit braucht. Ich liebe es, Dinge auf Flohmärkten und in Vintage-Möbelshops aufzuspüren oder einzigartige Kleinigkeiten von meinen Reisen mitzubringen. Vom Hippie-Markt auf Ibiza, von den Straßenständen in Mostar oder aus einem wundervollen kleinen Charity-Shop in Canterbury: Schätze wollen gefunden werden, zur richtigen Zeit.

Eine Wohnungseinrichtung muss zusammengelebt werden.

Erst das macht ein Zuhause unverwechselbar. Es wäre doch schade, wenn bis dahin bei uns alles so eingerichtet wäre, dass kein neues Teil mehr dazukommen kann.

Deshalb darf ich mich einfach entspannen und die Unvollständigkeit zulassen. Und erkennen, dass ich alles habe, was ich zum jetzigen Zeitpunkt brauche. Dass es reicht. Dass ich überhaupt viel mehr habe, als ich brauche, weil ja sowieso alles nur geliehen ist – und auch dieses Zuhause wahrscheinlich nicht mein letztes sein wird.

Ich möchte schließen mit einem Zitat aus einem intensiven Gedicht der jüdischen Schriftstellerin Mascha Kaléko, das meine Kollegin Barbara in unserem letzten Hausgottesdienst vorgetragen hat. Es inspiriert, loszulassen, und ja, es macht mich nachdenklich, ruhig, betroffen. „Rezept“ heißt das Gedicht:

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Aus „Rezept“ von Mascha Kaléko

Leider darf man es aus Urhebergründen nicht mehr ohne Genehmigung ganz wiedergeben, daher hier nur die ersten beiden Absätze. Auf dieser Webseite findet Ihr es in ganzer Länge.

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