Was, wenn ich nichts bin?

Foto: Sharon McCutcheon / unsplash.com

Wir Frauen Mitte 30 könnten eigentlich zufrieden mit uns sein. Wir haben immer unser Bestes gegeben, denn das haben wir von klein auf so gelernt. Wir haben uns angestrengt, um, je nach Familienkonstellation, wahlweise die hohen Erwartungen unserer Eltern zu erfüllen oder ihnen zu beweisen, dass wir es weiter bringen als sie. Wir haben die Zähne zusammengebissen, haben gelernt und studiert, haben Praktikum um Praktikum gemacht, nur um uns danach sagen zu lassen, dass es leider keine Aussicht auf eine Anstellung gibt. Aber wir haben weitergemacht, weiterprobiert, weitergestrampelt – und irgendwann, bestimmt erinnert jede sich noch an ihren ganz persönlichen Moment – haben wir eine Chance bekommen. Und die eine Chance hat uns dorthin gebracht, wo wir heute sind.

Wir Mädels Mitte 30 sind nicht mehr am Anfang. Wir haben vielleicht mittlerweile Karriere gemacht. Oder wir sind irgendwann abgebogen und haben uns umentschieden. Einfach nochmal auf Neubeginn, diesmal ganz bewusst. Oder wir haben beschlossen, eine Familie zu gründen und beruflich vorübergehend oder dauerhaft kürzerzutreten. Vielleicht gelingt uns sogar beides, auch wenn das manchmal heftig ist. Aber welchen Weg wir auch gegangen sind, wir können stolz auf uns sein. Oder besser gesagt: Wir könnten.

Denn so richtiger Stolz auf diesen steinigen, steilen Weg will sich nicht einstellen. Viele von uns fühlen sich nicht, als ob wir das aus eigener Kraft geschafft hätten. Kennt Ihr das auch – dieses Gefühl, irgendwie nur Glück gehabt zu haben? Härter gesagt, eine Hochstaplerin zu sein? Dafür gibt es sogar einen Begriff, man nennt es das Hochstapler-Syndrom oder Impostor-Syndrom. Frauen sind davon sehr viel häufiger betroffen als Männer. Wer daran leidet, glaubt tief im Innern, keine Ahnung zu haben, und leidet unter der ständigen Angst, die anderen könnten es bemerken.

Vor allem Glück gehabt

Die Betroffenen, zu denen laut einem Artikel auch die Schauspielerin Kate Winslet gehört, sind überzeugt, dass sie vor allem Glück gehabt haben und dass dieses Glück allein dafür verantwortlich ist, dass sie so weit gekommen sind. Wenn also der Erfolg auf Glück beruht und nicht selbst erarbeitet wurde, ist er zufällig, wir haben nichts dazu beigetragen. Mit anderen Worten: Wir wissen kaum, wie wir dorthin gekommen sind, wo wir uns jetzt befinden. Und glauben deshalb, dass wir das alles gar nicht verdient haben.

Und es ist auch nicht Glück allein. In meinem Umfeld sehe ich das am laufenden Band. Das Studium? Nur durch Ausdauer geschafft, nicht durch Kompetenz. Den guten Job? Bekommen, weil halt grade kein besserer Bewerber da war, weil man überschätzt wurde oder auf einer Wellenlänge mit der Personalerin lag. Durch Sympathie erschlichen, praktisch. Und wenn das so war, wieso ist man dann nicht spätestens zum Ende der Probezeit entlassen worden? Na weil die Chefs keine Lust hatten, schon wieder jemand Neuen einzuarbeiten. Und das grandiose Projekt, das wir initiiert haben? Naja, da hat die erfahrenere Kollegin schon beratend zur Seite gestanden.

Mit anderen Worten: Ist man davon überzeugt, eine Hochstaplerin zu sein, hat man für jeden Erfolg eine Ausrede. Das ist so traurig. Vor allem, weil es hier nicht darum geht, sich nach außen hin bescheiden zu präsentieren, wie man meinen könnte. Sondern es handelt sich um die tiefe innere Überzeugung, dass das Erreichte nur den Umständen zu verdanken ist und nicht der eigenen harten Arbeit.

Keine echte Autorin

Ich schließe mich da ganz bewusst ein. Ich habe zwei Bücher veröffentlicht – und wer mich kennt, weiß, dass ich seit meinem zwölften Lebensjahr hart dafür gearbeitet habe. Aber bis heute bezeichne ich mich selbst nur zögerlich als Autorin. Denn Autoren, das sind andere. Inspirierende, erfolgreiche, hochproduktive Menschen. Ich hatte lediglich die nötige Ausdauer, nicht die Qualität. Und ja verdammt, ich hatte Glück. Zweimal.

Und diese Tiefstapler-Haltung betrifft nicht nur das Berufliche, sie macht auch an der Grenze zum Privaten nicht Halt. Björn und ich haben gestern festgestellt, dass wir im Oktober 13 Jahre zusammen sind. Und doch, wenn ich auf unseren Weg zurückblicke, sehe ich keinen selbst geschaffenen Beziehungserfolg wie vielleicht andere, die von außen auf uns schauen. Sondern ich sehe und spüre die ganze Planlosigkeit, die wir in unserer Beziehung oft empfinden. Das gemeinsame Weitergehen und Weiterdenken und Weitertaumeln von Tag zu Tag, ohne das große Ganze wirklich begreifen zu können. Das Glück, das eine Rolle spielt, aber auch das Ausharren in schlechten Momenten, das gar keine bewusste Entscheidung für die Beziehung, sondern nur gegen eine Veränderung ist. Ja, im Grunde glaube ich sogar, wir sind vor allem deshalb in so mancher Phase zusammen geblieben, weil wir beide das ganze Generve der räumlichen Trennung gescheut haben. :D Und ich bin davon überzeugt, so geht es vielen, verheiratet oder unverheiratet, auch wenn sie es sicher nicht öffentlich zugeben würden. Um all das wissend, wer wäre ich, meine lange Beziehung als selbst erarbeiteten Erfolg anzusehen?

Schwanger oder Hochstaplerin?

Vor einiger Zeit sagte mir eine schwangere Freundin aus der Schulzeit, es fühle sich komisch für sie an, die Neuigkeit anderen zu erzählen. Denn was, wenn alles ein Fehler sei und sie in Wirklichkeit gar nicht schwanger war? Sogar sie, die längst im Ultraschall den Herzschlag ihres Babys gesehen hatte, fühlte sich wie eine Hochstaplerin, weil sie sich zur Schwangerschaft gratulieren ließ. Ist das nicht bemerkenswert?

Foto: Sharon McCutcheon / unsplash.com

Über dieses Syndrom ist schon viel geschrieben worden (hier zum Beispiel ein interessanter Artikel des Unternehmer-Magazins IMPULSE von 2020). Und auch über die Ursachen. Die liegen zum Beispiel zu einem frühkindlich eingeimpften Perfektionismus, heißt es in einem Artikel der WirtschaftsWoche, in dem die Pädagogin Valerie Young, Expertin fürs Hochstapler-Syndrom, zitiert wird. Denn wenn die Eltern ihrem Kind dauernd sagen, wie klug es ist, spornt es sich selbst immer wieder an, glaubt, es müsse immer noch mehr erreichen, und ist nie mit den eigenen Leistungen zufrieden.

Die Kompetenz in Person ist meistens männlich

Dazu kommt, dass es im beruflichen Umfeld immer Spezialisten gibt, oft sind es Männer, die keine Ahnung von nichts haben, aber gekonnt darüber hinwegspielen und den Eindruck erwecken, die Kompetenz in Person zu sein. Und wenn das auffliegt? Macht nichts, bloß nicht aus der Rolle fallen. Sowas stößt mich ab, deshalb wähle ich, wie viele andere Frauen, von vornherein lieber einen bescheideneren Kurs und trumpfe nur mit dem auf, von dem ich wirklich überzeugt bin, es zu können. Und wenn ich eben Selbstzweifel habe, erscheint das nach außen hin als nur sehr wenig.

Dazu kommt, das ist meine Ergänzung als Nicht-Expertin, auch noch die kindliche Vorstellung vom Erwachsensein. Wenn ich mir als Kind vorgestellt habe, wie es sich anfühlen würde, eine eigene Wohnung zu haben, im Berufsleben zu stehen, Lesungen zu halten, habe ich immer gedacht, ich würde mich dann selbstbewusst und gut fühlen. Doch oft ist das Gegenteil der Fall. Nehmen wir die Lesung als Beispiel: Da fühle ich mich oft heftig unsicher. Ich denke nur daran, was alles schief gehen kann, an die Schwachstellen in meinem Buch und daran, ob wohl jemand am Ende ein Exemplar kaufen wird – oder ob alle kopfschüttelnd den Raum verlassen und raunen: „Die will eine Autorin sein? Das ist ja lachhaft!“ Zu dieser Angst kommen dann noch nervige kleine Dinge wie die drückenden Schuhe, die rutschende Strumpfhose, die laufende Nase. Das führt zu einem Gesamtpaket, das meinen kindlichen Träumen vom Autorinnendasein so gar nicht entspricht. Und so schließe ich daraus, dass der Moment, in dem ich mich als Autorin erwachsen und gut und selbstbewusst fühle, bestimmt noch kommen wird. Ich bin einfach zu früh dran, ich habe mir dieses Label vor der Zeit ergaunert. Und jetzt? Fake it till you make it, etwas anderes bleibt ja gar nicht übrig.

Fake it. Das ist der Zauberbegriff.

Daher stammt die tiefe innere Überzeugung, ich sei zu Unrecht und verfrüht in die Position gekommen, aus meinem eigenen Buch vorzulesen. Noch habe ich das Lob einer gerührten Leserin oder den Applaus des Publikums gar nicht verdient, irgendwann vielleicht, aber noch nicht jetzt. Etwas liebevoller formuliert könnte man auch sagen: Ich muss in diese Rolle vielleicht erst noch hinein wachsen. Wenn man es so betrachtet, ist das alles gar nicht mehr so schräg.

Ja, vielleicht, und jetzt kommt der Clou dieses ziemlich langen Textes, beschreibt dieser Imposter-Ausdruck eigentlich nur etwas gänzlich Normales. Vielleicht geht es dabei einfach um die ja völlig zutreffende Einschätzung, dass wir alle nur durch die Summe vieler Faktoren an den heutigen Punkt gekommen sind und eigentlich niemand so recht weiß, welchen Anteil die eigene Leistung dabei hat. Fest steht: Ich hätte meine Bücher nicht veröffentlicht, wenn ich nicht an die richtigen Lektoren gekommen wäre – und wenn meine Manuskripte sie nicht überzeugt hätten. Ich kann der Personalerin so sympathisch sein, wie es nur menschenmöglich ist – doch ohne die richtige Ausbildung wäre ich gar nicht erst eingeladen worden. Alles ist immer alles. Toller Satz, oder? Alles ist die Summe seiner Teile.

Wenn wir uns bewusst machen, dass sich wahrscheinlich jeder und jede mal unsicher fühlt, wird es vielleicht einfacher, das offen zuzugeben. Und dann können wir auch dazu stehen, dass wir wirklich, trotz aller Ausbildung und aller Erfahrung, oft nicht wissen, was wir tun. Dass wir nur aus Instinkt und, wenn wir Glück haben, aus Erfahrung handeln, aber dass es deshalb noch lange keine Garantie dafür gibt, dass wir damit auf dem richtigen Weg sind.

Halbblind durch die Welt tasten

Während ich das schreibe, muss ich an Angela Merkel und ihr Eingeständnis denken, dass die Idee einer Osterruhe ein Fehler war. Das hat mir gezeigt: Auch diese Mädels und Jungs wissen nicht wirklich, was sie tun, auch Angela Merkel wacht vielleicht morgens auf und denkt sich: „Wann fliegt auf, dass ich echt gar keine Ahnung habe?“ Und doch macht sie einen guten Job, weil sie versucht, in jeder Situation abzuwägen und die bestmögliche Entscheidung zu treffen. Diese Entscheider tasten sich genauso halbblind durch die Welt wie wir anderen auch. Natürlich wünschte ich, ich könnte mich darauf verlassen, dass die wissen, was sie tun. Aber das weiß doch niemand. Alle tun ihr Bestes, und vielleicht muss das eben genügen.

„Tu dein Bestes und vertrau darauf, dass es schon werden wird“: Wenn wir das unseren Kindern sagen, können wir vielleicht darauf hoffen, dass wir irgendwann kein Syndrom mehr aus einer völlig normalen Sache machen müssen. Dass wir irgendwann alle genau so Autorin, Bundeskanzlerin oder Mitarbeiterin sein dürfen, wie wir eben sind: unperfekt, tastend, noch nicht ganz angekommen. Das wird schon noch. Vielleicht. Irgendwann.

Foto: Brendan Church / unsplash.com

2 Kommentare

  1. Liebe Anne, weißt Du was noch seltsamer ist? In dem Moment, wo Du merkst, das alle anderen auch nur mit Wasser kochen, ist das Berufsleben fast schon vorbei. Zwischen „zu jung“ und „zu alt“ für etwas ist nur ein Wimpernschlag – und den verpasst man leicht. Aber an sich selbst zu zweifeln ist trotzdem wertvoll und der Antrieb für alles.

    1. Oh, ich habe noch gut 30 Jahre Berufsleben vor mir. Da kann ich diese Erkenntnis noch hinreichend auskosten. 😉 Aber ja, stimmt schon, Selbstzweifel lassen einen vorsichtig bleiben. Und wenn ich mir so manchen männlichen Kollegen in meinen bisherigen Jobs so ansehe, ist es auch wichtig, dass es zwischen den vorgeblich Perfekten uns laute Zweifler gibt, die sich den Blick nicht verstellen lassen. Wir sind sowas wie die Whistleblower der Aufrichtigkeit.

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