Unbeobachtet träumen – ein paar Quadratmeter Glück

Foto: Artur Aleksanian / unsplash.com

Heute vor genau zwei Monaten sind wir umgezogen – aus unserer alten Wohnung, die wir sehr mochten, in ein neues Zuhause. Für mich, die ja alles gern zerdenkt, zerfühlt und zerfasert, war es gar nicht so einfach, eine neue Umgebung als „meinen“ Ort anzunehmen. Zehn Jahre haben wir in unserer ersten gemeinsamen Wohnung im Dachgeschoss gewohnt, geliebt, gestritten und uns zehn Sommer lang die Haare gerauft, wie sich Räume nur so aufheizen können.

Denn die Wohnung hatte zwar vier Zimmer, zwei Bäder mit Marmorboden, einen hellen Wintergarten und ein Extra-Räumchen für meine Handtaschensammlung – aber keinen Balkon. Das war ein Mangel, unter dem wir jedes Jahr mehrere Monate lang sehr litten. Während Björn seine Freunde beneidete, weil die gemütlich auf ihren Balkonen, Terrassen, in ihren Loggien und Gärten grillen konnten, ging der Psycho-Stress bei mir viel tiefer.

Die Wohnung lag im dritten Stock und grenzte genau an einen schönen alten Friedhof mit tollem Baumbestand, schattigen Ecken und dem großen Schweigen, das von Friedhöfen immer ausgeht.

Sie war so geschnitten, dass man vom Wintergarten, von der Küche, von beiden Bädern und vom Schlafzimmer auf den Friedhof schaute. Im Sommer stand ich oft morgens nach dem Aufstehen in der Küche und betrachtete, während der Kaffee in die Tasse lief, die schöne Aussicht auf den Friedhof. Ich spürte, dass die Wohnung bereits begann, sich für den Tag aufzuheizen, und ich beobachtete die schattigen Fleckchen unter den Bäumen. Oft beschloss ich dann, dass ich es in unserem ganz persönlichen Backofen keine Sekunde länger aushalten konnte. Dann packte ich hektisch meine Kaffeetasse, eine Decke, mein Handy, ein Buch und meinen Schlüssel ein und stürmte die Treppe hinunter auf den Friedhof – ein bisschen fühlte sich das immer wie eine Flucht an. Dort suchte ich mir mit meiner Decke dann ein Eckchen, das einigermaßen blickgeschützt war, trank meinen Kaffee und dachte über die Welt nach.

Ja, richtig gehört – ich ging zum Kaffeetrinken auf den Friedhof. Und zwar zehn Sommer lang.

Der Friedhof war sowas wie mein persönlicher, halblegaler Garten. Vor allem deshalb, weil er nicht mehr aktiv war, das heißt, es wird dort schon seit Jahren nicht mehr bestattet, nur die Bestandsgräber sind noch da, und auch die werden nach und nach abgeräumt. Deshalb trifft man dort auch nur sehr selten Angehörige.

Zehn Sommer lang saß ich da und fragte mich trotzdem, ob es eigentlich okay ist, dass ich dort bin. Ich habe vor ein paar Jahren mal (auf dem Friedhof sitzend) in einer Insta-Story eine kleine Umfrage gestartet, wie meine Follower die Sache einschätzen. Und eine frühere Schulfreundin, die beim Grünflächenamt arbeitet, antwortete: Klar, der Friedhof ist auch für die Lebenden gedacht.

Obwohl ich das eigentlich auch so sah – und ich mich ja ohnehin ganz besonders respektvoll und still verhielt – blieben immer leise Zweifel, ob es nicht total schräg ist, seine Sommertage auf dem Friedhof zu verbringen. Ich tat es trotzdem jedes Jahr wieder. Ab und zu ging ich auch in den Park.

Aber der Park und ich, das war nichts.

Kelkheims Stadtpark, die „Sindlinger Wiesen“, waren praktisch um die Ecke. Aber nachdem ich das ein paarmal gemacht hatte, zog es mich nicht mehr dort hin. Denn im Park war’s mir zu voll, zu viele Leute kamen vorbei, manchmal auch welche, die ich kannte und die ein paar freundliche Worte wechseln wollten. Hunde beschnupperten mich (das war schön) und verrichteten ihr Geschäft direkt neben meiner Decke (weniger schön). Kinder kickten ihren Ball über die Wiese. Alles gut und schön, ein ganz normaler Sommertag im Park eben. Aber ich war ja nicht dorthin gekommen, um Kontakt zu anderen Menschen zu suchen, sondern um meine Ruhe zu haben. Und die fand ich dort nicht. Auch wenn ich mich wirklich anstrengte, gelang es mir bis zuletzt nicht, einen Ort im Park zu finden, an dem ich mich nicht permanent bestarrt fühlte. Deshalb zog ich den Friedhof vor, denn dort konnte ich mich besser verstecken. Doch selbst da kamen ab und zu Leute vorbei – und wunderten sich, wer da auf dem Friedhof saß.

Das war überhaupt der Hauptstress daran, keinen Balkon zu haben: draußen immer in der Öffentlichkeit zu sein und sich zur Umwelt verhalten zu müssen.

Ich gehe nicht in den Park, um angesprochen zu werden, um Bekannte zu treffen und Smalltalk halten zu müssen. Ich gehe in den Park (oder auf den Friedhof), um in Ruhe mein Buch zu lesen und dabei Vogelgezwitscher und frische Luft genießen zu können. Aber das klappt leider nicht. Menschen, die wie ich eher introviert sind und viel stille Zeit für sich selbst brauchen, werden – außer im Wald – keinen Ort finden, an dem sie wirklich entspannen können.

Manchmal, wenn ich wirklich Ruhe brauchte, blieb ich also einfach zu Hause auf der Couch.

Ich starrte durchs offene Fenster nach draußen in den Sonnenschein und wünschte, alles wäre anders. Ich wäre anders. Denn das Hauptproblem, das war mir schon klar, war meine tief verwurzelte Abneigung dagegen, an der Parköffentlichkeit teilzunehmen.

Nun, da es draußen wärmer wird, denke ich oft an dieses blöde Gefühl zurück. Dabei kann ich das nun eigentlich hinter mir lassen und vergessen. Denn, tada, Ihr werdet es nicht glauben: Unsere neue Wohnung hat nicht nur einen, sondern gleich zwei Balkone. Einen Kleinen zum Innenhof raus, den man vom Wohnzimmer aus betritt, und einen Großen mit Blick aufs Kloster. Das kommt nicht ganz von ungefähr, denn als wir Anfang des Jahres auf Wohnungssuche gingen, waren wir bereit, bei vielen Punkten Abstriche zu machen – aber nicht mehr bei einem eigenen Außenbereich. Und als wir sahen, dass diese Wohnung zwei Balkone hat, waren wir hingerissen.

Unser großer Balkon – hier verbringe ich nun die Sonnenstunden des Wochenendes.

Nun habe ich bereits die ersten warmen Nachmittage auf den Balkonen verbracht. Vor allem auf dem Großen, der nach Art einer Dachterrasse kein Obendrüber hat, mitten ins Leben hinaus geht und der in den richtigen Stunden des Tages sonnenbeschienen ist. Und den wir uns mit Weidenmatten so richtig schön abgeschirmt haben. :D Ich kann nur sagen, mir fehlen fast die Worte, wie wundervoll das ist, draußen und doch zuhause zu sein. Ein Zwischenzustand, der mich so glücklich macht – und zugleich so demütig, weil ich eben weiß, wie lange ich mich genau nach diesen wenigen Metern frische Luft, Himmel und Steinplatten gesehnt habe. Keine Spaziergänger, die mich interessiert beobachten. Keine Hundehaufen, keine Ballspielenden Kinder, keine Öffentlichkeit. Stattdessen Kaffeemaschine, Klo und Kühlschrank in wenigen Metern erreichbar.

Nun liege ich im Liegestuhl, den meine Mutter mir vor einigen Jahren mal etwas übereilt gekauft hat, schaue in den Himmel und denke darüber nach, wie sehr mir das gefehlt hat.

Deshalb ist es Zeit, mal danke zu sagen – dafür, dass ich es jetzt so gut habe, aber auch dafür, dass ich es zu schätzen weiß.

Um die wunderbare Erfindung des Balkons zu feiern, habe ich für Euch ein paar Unsplash-Fotos von besonderen Balkonen zu einer kleinen Bilderstrecke zusammengefasst. Alles Orte, an denen es sich bestimmt grandios unbeobachtet träumen lässt. Viel Spaß beim Durchklicken. :)

3 Kommentare

  1. Sehr schöner Artikel – ich kann das sehr gut nachvollziehen – hab in meiner Nähe auch einen Friedhof, den ich gerne besuche – wegen der Ruhe und den wenigen Menschen, die dort zu finden sind (zumindest die Lebenden)

    1. Gehst du dort spazieren? Sitzt auf einer Bank? Oder gleich das volle Programm mit Buch und Kaffeetasse auf der Decke? 🙃 Danke für die lieben Worte.

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