Post-Minimalismus: Aufbruch in eine neue Zeit?

Foto: Philipp Berndt

Das Fortlassen des Unwesentlichen ist der Kern aller Lebensweisheit – das wusste der chinesische Philosoph Laozi schon im sechsten Jahrhundert vor Christus. Leider hat sich das bisher nicht herumgesprochen. Oder wir haben es einfach wieder vergessen.

Weglassen, weniger, frei – das sind Worte, die einen großen Frieden ausstrahlen. Deshalb fasziniert mich der sogenannte Minimalismus. Als ich vor gut zwei Jahren anfing, mich damit zu beschäftigen, bin ich auf eine große Community gestoßen, die einen fast endlosen Stream von Content produziert. YouTube-Channels, Blogs, Artikel – und ich bin eine dankbare Konsumentin. Ich kann mir stundenlang YouTube-Videos anschauen, in denen Menschen davon erzählen, wie sie den Großteil ihres Besitzes einfach losgelassen haben.

Dieses freiwillige Grenzen-Setzen hat eine unheimlich beruhigende Wirkung auf mich, selbst wenn ich nur von außen zuschaue. Ich glaube, mich fasziniert daran das Radikale. Ich bewundere Menschen, die ihr schönes, komfortables, weiträumiges Leben aufbrechen und infrage stellen. Aber auch, wenn man nicht sofort in ein Tiny House zieht, ist es doch ganz normal, irgendwann an einen Punkt zu kommen, an dem man nachkorrigiert. Mal überlegt, ob das alles noch so passt. Und sich aus der einen oder anderen Fessel befreit, wenn es nicht so ist.

Früher rümpften die Nachbarn dann die Nase und tuschelten, jemand habe wohl eine Midlife-Crisis.

Aber heute ist die Suche nach einem eigenen Weg, einem individuellen Lebensentwurf für sich und die, die man liebt, kein Grund mehr zum Naserümpfen. Sondern realistisch, klug und cool geworden. Die Sinnsuche ist heute fast schon eher die Regel als die Ausnahme. Und das ist sehr gut so.

Minimalismus ist sicher nicht für jeden das Richtige, hat aber dennoch eine riesige Fanbase. Wer sich damit beschäftigen möchte, mit weniger Besitz besser zu leben, findet auf YouTube eine unfassbare Menge an Content. Zu meinen Lieblingschannels gehören zum Beispiel Heal Your Living (sie lebt raw-vegan und möbelfrei), der Style-Vlog A Small Wardrobe (eine australische Mode-Bloggerin, die weniger als 20 Kleidungsstücke besitzt und ihre Garderobe extrem bedacht auswählt) oder auch diverse Micro-Apartment-Channels wie der von Kirsten Dirksen, in dem Menschen weltweit zeigen, wie sie auf wirklich sehr wenigen Quadratmetern (oft unter 20, manchmal nur um die 10) ein gemütliches Zuhause geschaffen haben.

Als ich 2019 damit anfing, mich mit Minimalismus zu beschäftigen, habe ich auch selbst Marie-Kondo-t, was das Zeug hält (eine Übersicht aller Blog-Artikel über meine Kon-Marie-Erfahrungen gibt es hier). Vor allem habe ich Bücher aussortiert (= verkauft, verschenkt und entsorgt) und außerdem meinen Kleiderschrank radikal reduziert. Bei der Kleidung durfte nur bleiben, was ich wirklich regelmäßig trage. Alles andere, zum Teil Fehlkäufe, an denen sogar noch das Preisschild hing, wurde in Kisten gepackt und im Keller verstaut. Nun sind die Kisten mit umgezogen und nehmen im neuen, viel kleineren Keller wertvollen Platz weg. In naher Zukunft muss ich mich mal damit auseinandersetzen, was mit den Sachen passieren soll. Aber eigentlich ist es fast schon klar. Denn das wenigste habe ich in den vergangenen zwei Jahren vermisst.

Foto: tu tu

Doch gerade merke ich, dass sich etwas verändert. In den letzten Wochen ertappe ich mich dabei, dass ich unheimlich viel in Online-Shops nach Klamotten stöbere. Ich kaufe nicht viel, noch nicht, aber ich frage mich:

Ist das das übliche Sehnen nach einer neuen Frühlingsgarderobe? Oder ist es mehr?

Ich erinnere mich noch genau daran, warum ich mich damals danach sehnte, mein Leben auszumisten: Die Welt überforderte mich. Alles um mich herum war zu laut, zu schnell, die Gesellschaft verlangte, dass alles immer noch schicker, noch teurer, noch ausgeflippter sein musste, um Beachtung zu finden. Klamottenmarken suggerierten, man brauche praktisch jede Woche neue Kleidung, um im Trend zu liegen. Jeder und jede reiste zwölf Monate im Jahr durch die Welt und postete wundervoll-ästhetische Bilder auf Insta. Alles war möglich, jederzeit, immer. Wachstum war alles, der Planet konnte sich kaum noch schneller drehen, die Welt kaum noch größer werden. Zu viele Reize, alles war zu laut, zu überstrahlt, zu hektisch. Mag sein, dass es Leute gibt, denen das gefällt. Aber für hypersensible Menschen wie mich ist das kein schönes Gefühl. Wenn man sich von äußeren Reizen schnell überfordert fühlt, ist diese Disney-World-Times-Square-Welt nicht leicht zu ertragen.

Deshalb habe ich, genau wie viele andere Menschen, das Bedürfnis, mein Leben wenigstens in den wenigen Bereichen, die ich komplett selbst beeinflussen kann, still zu gestalten. Langsamer zu leben. Für mich fühlt sich das so ein bisschen an, wie die Tür zuzumachen. In meinen eigenen vier Wänden (oder in meinem eigenen Körper) kann ich die Stille hegen. Ich meditiere. Ich umgebe mich mit sehr reduzierten Farben, um keine zusätzlichen, für mich sinnlosen Reize zu schaffen. Ich überlege genau, was ich esse und trinke, welche Filme ich anschaue und welche Gegenstände ich in meine Schränke stelle. Während draußen die Welt in Maßlosigkeit versinkt, mache ich mir drinnen meine eigenen Regeln. Das beruhigt.

Aber …

Jetzt ist etwas passiert, das nicht absehbar war. Die Pandemie hat die Spielregeln, zumindest vorübergehend, maßgeblich geändert. Die Erde dreht sich wieder langsamer, die Welt ist plötzlich wieder kleiner geworden. Reize fehlen. Und wir Zurückgezogenen spähen aus unseren Verstecken und fragen uns: Wenn die Welt insgesamt ruhiger ist, können wir es wohl wagen, die Lautstärkte in uns wieder etwas hochzudrehen? Hier und da mal einen Reiz von außen zuzulassen? Damit es nicht zu still wird?

Foto: Leo Manjarrez

Nun, ich glaube, dass die Welt nach Ende der Pandemie ziemlich schnell wieder in ihre alten, lauten, hektischen Muster zurückfallen wird. Deshalb werden Bewegungen wie der Minimalismus auch künftig dringend gebraucht. Aber vielleicht können wir ja etwas aus dem lernen, was wir erlebt haben. Etwas, das bleibt. Wie zum Beispiel, dass die Welt nichts von ihrer Schönheit verliert, wenn es ruhiger wird. Das wäre wahr und gut.

Ich würde mir wünschen, dass nach der Pandemie eine Art Post-Minimalismus anbricht. Eine Zeit, in der Verzicht keine Reaktion mehr auf ein Überangebot ist, sondern eine klug getroffene Lebensentscheidung. Was denkt Ihr, kann das gelingen?

Foto: NordWood Themes

5 Kommentare

  1. Schöner Artikel mit einem sehr klugen Gedanken zum Schluss. Das wäre schön, wenn der Post – Minimalismus käme… LG aus Hessisch-Sibirien, Thomas

  2. Wirklich schön geschrieben.
    Ich hoffe auch sehr, dass die Menschen erkennen, dass ein gewisser Verzicht sich positiv auf uns und den Planeten auswirkt, ohne etwas zu vermissen. Die Pandemie ist gerade eine Extreme, aber unser vorheriger Lebensstil war ein Extrem am anderen Ende der Skala. Die Mitte wäre wohl für alle ganz gut.

    1. Wahre Worte. Vielleicht brauchte es sogar so etwas wie eine weltweite Pandemie, weil sich unser Lebensstil kaum noch weiter aufblähen konnte? Aber ich fürchte, die Menschheit wird mit ihrer Dekadenz immer wieder an den Punkt kommen. 😐

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