#meditation: Was wir im Nichts suchen

Foto: Michal Matlon

Meditation – das klingt so … groß. Ich glaube, deshalb zögern viele Menschen, sich darauf einzulassen. Natürlich hat die Mediation eine Jahrtausende lange Geschichte, sie spielt zum Beispiel im Buddhismus eine wichtige Rolle. Wenn man bei einem Tempelbesuch oder im Fernsehen mal meditierende Mönche gesehen hat, wird einem schnell klar: Der Weg zur Erleuchtung ist lang – und er muss selbst gegangen werden.

Doch um anzufangen, muss man weder ins Kloster ziehen, noch die Geschichte der Meditation studieren. Ja, man braucht im Grunde nicht mal Internet. Denn auch wenn es auf YouTube (und vielen anderen Video- und Audioplattformen) mittlerweile eine fast unendliche Zahl an geführten Meditationen gibt, die einem helfen sollen, ins Thema zu finden, ist das alles gar nicht nötig. Und vielleicht sogar ein bisschen hinderlich. Geht es doch beim Meditieren darum, den Kopf vorübergehend völlig leer zu machen, Gedanken loszulassen und einfach mal nur zu existieren.

Natürlich ist das alles andere als einfach, das weiß jeder, der schon einmal meditiert hat.

Oft bauen sich die Gedanken, die ungelösten Probleme, die vielen Aufgaben, die es zu erledigen gilt, ausgerechnet dann im Kopf auf wie eine Welle.

Kenne ich alles. Ich meditiere seit mehr als zwei Jahren täglich – und noch immer gibt es viele Tage, an denen mir das Freimachen überhaupt nicht gelingt. Aber das ist ganz normal, so geht es allen Menschen, die sich auf dieses spannende Experiment einlassen.

Der Grund dafür, dass ich schon so lang so gewissenhaft dabei bin, ist, dass sich die Meditation gut in meinen morgendlichen Ablauf integrieren lässt. Ich mache jeden Morgen Yoga, zehn bis 20 Minuten. Und wenn ich fertig bin, bleibe ich auf meiner Matte sitzen, stelle mir den Handy-Timer auf meist fünf, manchmal zehn Minuten, schließe die Augen und mache meinen Kopf frei. Das ist alles. Ich wälze keine Bücher über die Kunst und die verschiedenen Arten der Meditation, ich brauche keine CDs, Apps oder Videos (mehr, habe ich natürlich auch alles mal probiert). Ich mache auch keine besonderen Atemübungen. Ich gebe mir nur die Zeit, einfach mal da zu sein – und schaue, was passiert.

Und immer wieder wundere ich mich darüber, wie viele Antworten mir mein Geist in nur fünf Minuten an die Oberfläche spült – selbst wenn ich gar keine konkrete Frage stelle. Denn der leere Kopf ist nur der Anfang, anschließend entwickelt sich daraus eine Art fantastischster Film, dem ich nur zusehen muss. Ich lehne mich zurück und lasse einfach mal zu, dass mein Geist wandert, rennt, tanzt, taucht und sich anschließend wild auf dem Boden im Staub wälzt. Das ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch wundervoll ertragreich, denn er bringt Dinge mit von diesen Ausflügen ins Unterbewusste. Wissen. Erkärungen.

Das ist eine Erfahrung, die wahrscheinlich viele Menschen machen:

Es ist alles da.

Jede Antwort, jede Lösung ist schon in uns. Die eigene Seele hat immer einen Rat, man muss sie nur fragen.

Wie ein Buch, das die richtigen Antworten zu allen Aufgaben enthält, die jemals gestellt werden können. Wenn wir in der Schule die Gelegenheit gehabt hätten, an so ein Buch heranzukommen, hätten wir doch sicher nicht nein gesagt, oder? Warum nutzen dann immer noch wenige Menschen die Möglichkeit, einen Blick in ihr eigenes Lösungsbuch zu werfen? Nun, ich kann mir vorstellen, woran das liegt.

Wer sich auf den Weg zur eigenen Seele macht, riskiert, etwas zu finden, das ihm nicht gefällt. Doch was immer es ist – es lohnt sich, sich dem zu stellen und hindurchzuwaten, um zu dem zu kommen, was darunter liegt: Wissen. Kraft. Licht. Wenn dieser Weg allein zu schmerzhaft ist, darf man auch ruhig Hilfe annehmen (zum Beispiel in Form einer Psychotherapie).

Aber es geht nicht allein um die Weisheit und den Rat der Seele. Es ist auch einfach eine wundervolle Erfahrung, zu erleben, dass die Welt sich weiterdreht, wenn wir mal nicht aktiv an ihr mitdenken. Es ist okay, die Verantwortung einmal abzugeben, loszulassen, zuzuschauen. Wenn wir meditieren, wird nichts von uns erwartet. Diese Minuten sind ein geschützter Raum, in dem alles okay ist, in dem andere die Arbeit machen und wir wirklich einfach nur sein dürfen. Atmen. Existieren. Ohne Meinung, ohne Urteil, ohne Pflicht. So wie damals, als wir neugeboren waren und andere sich um alles gekümmert haben.

Die Verantwortung abgeben – das hat sehr viel von Religion, von Glauben.

Dieser Gedanke kam mir heute morgen beim Meditieren plötzlich in den Kopf. Wer an Gott glaubt, weiß zwar, dass er eine Verantwortung hat, christliche Nächstenliebe in die Welt zu bringen und Gutes zu tun, um anderen zu helfen. Aber unterm Strich legt er sein Leben in Gottes Hand und vertraut darauf, dass eine höhere Macht lenkt und alles fließen lässt.

Foto: Tehzeeb Kazmi

Ich war in meiner Jugend fasziniert von weißer Magie und habe einige Bücher dazu gelesen. Bei der weißen Magie geht es darum, Rituale zu wirken, um anderen zu helfen. Die Intention dahinter ist, Gutes zu schaffen. Was also soll daran schlecht sein? Und doch hat das Christentum eine mehr als nur gestörte Beziehung zur sogenannten „Hexerei“. In der Geschichte ist die „Hexenverfolgung“ eins der ganz besonders düsteren Kapitel. Wie wir alle wissen, wurden Frauen im Namen des Christentums terrorisiert, verschleppt, gefoltert und auf grausamte Weise ermordet. Verrat und Hass, Schmerzen und Tod, Neid, Missgunst, Aberglaube – welch schreckliche Taten damals im Namen eines Gottes verübt wurden, macht mich sehr traurig. Dass die Hexerei lediglich eine Ausrede war, um unbequeme Menschen zu verfolgen, ist natürlich klar. Oft langte es schon, als Frau eine Meinung zu haben, einen Mann abzuweisen oder den Neid einer Nachbarin auf sich zu ziehen, um der Hexerei beschuldigt zu werden.

Lange habe ich mich gefragt, warum das Christentum so empfindlich auf das Thema „Hexerei“ reagiert.

Natürlich ging es darum, Frauen einzuschüchtern und mundtot zu machen. Aber heute, viele Jahre später und da ich selbst für ein katholisches Bistum arbeite, glaube ich, dass mehr dahinter steckt. Vielleicht hat mancher Kirchenmann den Gedanken, selbst Einfluss nehmen zu können, als bedrohlich empfunden. Gegen den eigenen Glauben, ja, aber auch als gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedrohung. Denn wer bräuchte die Kirche noch, wenn die Menschen – und dann auch noch Frauen – überzeugt wären, den Lauf der Dinge selbst ändern zu können?

Auf Gott zu vertrauen, heißt im kirchlichen Sinne, ihn (oder sie, sage ich jetzt mal) machen zu lassen und das Ergebnis hinzunehmen. Sich zu fügen. Ein Stück weit passiv zu sein. Selbst Rituale zu wirken, um den Lauf der Dinge zu beeinflussen, selbst steuern zu wollen steht dem natürlich entgegen.

Ihr merkt schon, heute morgen ist es mir beim Meditieren gut gelungen, meinen Kopf freizumachen, wenn sich daraus ein solch spannender Film entwickelt hat. :) Ich kann Euch nur empfehlen, auch damit zu experimentieren und einfach mal zuzulassen, was sich entwickelt. Es gibt nichts Schöneres, als voller Freude dabei zuzusehen, wie der eigene Geist frei und wild tanzt. Und sich überraschen zu lassen.

Gerne möchte ich von Euch wissen: Habt Ihr schon einmal meditiert? Oder meditiert Ihr regelmäßig? Ich freue mich, wenn Ihr Eure Erfahrungen mit mir teilt. :)

8 Kommentare

  1. Hi, ich habe mal einen VHS Kurs zur Zen-Meditation besucht und auch versucht es in meinen Alltag zu intgrieren. Leider nehme ich mir nicht mehr die Zeit dazu.
    Viele Grüße

      1. Dann wäre es spannend, zu erfahren, warum du dennoch nicht dabei geblieben ist. Offenbar hat der Nutzen den Aufwand doch nicht aufgewogen.

      2. :) Typischer Fall von Prioritäten. Ich fang um 6:30 Uhr an zu arbeiten und stehe dafür gegen halb sechs auf. Fertig machen und ab zu Arbeit. Noch früher aufzustehen um die Meditation einzubauen, hab ich früher gemacht. Aber um fünf aufzustehen ist schon hart. Dann lieber noch 30 Minuten schlafen. ;)

  2. Hallo, schön von dir zu lesen :) Ich meditiere auch regelmäßig, und habe erwähnte Kanäle etc nach geführten Meditationen durchstöbert. Einige kenne ich so gut, die sind tröstlich und leicht, wenn ich Stille brauche. Zuletzt habe ich probiert, Mantras zu hören (nach der Arbeit) und zu meditieren, klappte ganz gut. Aktuell nehme ich mir morgens wie du nach dem Yoga und Dankbarkeitstagebuch 5 Minuten Stille für mich. Diese 5 Minuten sind herrlich, und ich hoffe, ich kann sie beibehalten!

    1. Das klingt schön, so ähnlich geht es mir auch. Ich glaube, es ist alles eine Frage des Ablaufs. Wenn das einmal fest einkalkuliert ist, ist es wie Zähneputzen morgens. Liebe Grüße! 🙃

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