Mein Name ist Anne und ich bin Bezieholikerin

Foto: Hannah Morgan

Zum ersten Mal seit langer Zeit gibt es in der Corona-Krise sowas wie Hoffnung. Die Restaurants haben wieder offen, man kann ohne Test und ohne Termin in die Läden – und vielleicht auch bald wieder ins Büro. Dass sich gerade etwas verändert, merke ich auch an meinem Terminkalender. Denn der füllt sich. Schnell.

Vielleicht erinnerst du, liebe Leserin, lieber Leser, dich noch an die Zeit vor der Pandemie, als es hier sehr viel um die Frage ging, wie ich mir mehr Zeit für mich selbst schaffe. Falls nicht, hier nochmal grob umrissen meine Situation: Ich habe keine Kinder, ich arbeite nicht jeden Tag bis spätabends und auch nicht jedes Wochenende, ich pflege niemanden, zumindest nicht richtig. Mit anderen Worten, eigentlich habe ich im Vergleich zu anderen jede Menge freie Zeit. Doch die ist permanent verplant, weshalb ich für die Dinge, die ich wirklich gerne tun würde, keine Kraft habe.

Vor Corona und bevor ich angefangen habe, die Notbremse zu ziehen (hier lesen: Warum ich mich nicht mehr für ‚in zwei Monaten‘ verabrede), war ich oft an vier, fünf Abenden unter der Woche verabredet. Diese Abende waren in der Regel wunderbar und ich konnte nicht genug bekommen von den tollen Gesprächen mit meinen Freunden. Doch dann kam ich spätabends heim, stelle fest, dass ich wieder keine Zeit für mich hatte, dass ich Björn gefühlt seit Tagen nicht gesehen habe, ja dass ich nicht mal was Sauberes zum Anziehen habe, weil ich wieder nicht gewaschen habe (wann auch?) – und dann weinte ich mich in den Schlaf, weil ich mich so dermaßen ausgebrannt fühlte. Und am nächsten Tag? Ging’s wieder zur Arbeit und danach zur nächsten Verabredung. Und am Abend? Selbes Spiel. Mit viel Spaß mitten hinein in Isolation und Katastrophe.

Foto: Mateo Giraud

Nebeneffekte von diesem für mich schädlichen Verhalten: Ich war ständig pleite, weil es teuer ist, dauernd in Restaurants zu gehen. Ich nahm zu, weil Restaurantessen nun mal mehr Kalorien hat als Selbstgekochtes. Ich konnte (und kann noch immer) keine gute Freundin sein, weil ich nicht genug Kraftkapazität habe, für alle dazusein. Am Wochenende lag ich deprimiert auf der Couch – und wehe, einer wollte sich mit mir verabreden. Das sorgte bei meinen Freundinnen und Freunden regelmäßig für Irritation: Warum will sie sich unter der Woche treffen, aber nicht am Wochenende, wenn wir mal richtig Zeit hätten? Tja, weil es mich am Wochenende schon genug anstrengt, die Wohnung zu saugen und endlich die Wäsche zu waschen, die die ganze Woche liegengeblieben ist. Ich schreibe das alles in der Vergangenheitsform, weil es vor Corona war, aber im Grunde könnte ich es genauso gut im Präsens oder im Futur schreiben, denn es ist noch so. Und wenn es mir nicht gelingt, eine ganz massive Veränderung zu schaffen, wird es auch so bleiben.

Jetzt fragst du dich, liebe Leserin, lieber Leser, bestimmt, was eigentlich mein fucking Problem ist.

Ich könnte ja auch einfach aufhören, mich so viel zu verabreden. Ja, stimmt. Und ein Alkoholiker könnte auch einfach aufhören, Alkohol zu trinken. Ein Depressiver könnte aufhören, immer so traurig zu sein. Tut er aber nicht. Kann er nicht. Das ist das Problem bei psychischen Krankheiten.

Da ist sie, eine Wahrheit, die ich nun, nach Monaten der reduzierten Kontakte, endlich beim Namen nennen kann: Ich glaube, ich habe ein Suchtproblem. Ich bin süchtig nach Freundschaften, nach dem Zauber tiefer Gespräche, nach dem Verstandenwerden und Verstehen. Ich weiß nicht, ob es das überhaupt gibt im Regelbuch der Psychologie, aber nach jahrelanger Selbstanalyse ist das mein Ergebnis.

Die Alte spinnt, denkst du jetzt vielleicht.

Und wahrscheinlich hast du recht. Aber das macht es nicht weniger wahr.

Seit Jahren frage ich mich, was das eigentlich für ein destruktiver Kreislauf ist. Ich lerne permanent neue Leute kennen, alle sind wundervoll – und aus vielen Kontakten entwickelt sich eine tolle neue Freundschaft. Wenn ich mit meinen neuen und alten Freunden zusammen bin, wenn wir endlich mal über die echten Fragen des Lebens reden, uns gegenseitig Mut zusprechen und Pläne machen, ist das das schönste Gefühl auf der Welt (vielleicht sowas wie mein Schuss). Aber danach bin ich regelrecht verkatert, weil ich wieder zu viel Seele, zu viel Zeit (jetzt und später, Stichwort Pläne), zu viel Geld gegeben habe.

Freundschaften sind etwas Großartiges, Lebensnotwendiges. Und es liegt nicht an meinen Freunden, dass das passiert. Im Gegenteil, wenn das nicht alles so tolle Menschen wären, wäre ich in diesen Suchtkreislauf ja gar nicht gerutscht. Aber ich muss aufhören, immer noch mehr und noch mehr Leute in mein Leben zu quetschen. Denn ich kann ihre Freundschaftserwartungen nicht erfüllen. Menschen sind keine Objekte, die man sammelt. Und einmalige Kaffeeverabredungen bleiben nie beim Einmaligen, schnell keimen daraus neue Verbindungen, die tiefer gehen möchten, als ich es zu leisten in der Lage bin.

Anne mit ihren 26 allerbesten Freunden (19 nicht im Bild) – oder so ähnlich. Foto: Duy Pham

Das führt zu merkwürdigen Situationen. Zweimal in den letzten Jahren musste ich neue Freundschaften ablehnen. Beides sind sehr liebe Frauen – und beide wollten unsere lose Bekanntschaft jeweils auf eine tiefere Ebene ziehen, indem sie zahlreiche Vorschläge gemacht haben, was wir alles mal gemeinsam unternehmen könnten. Beide Male musste ich mich retten und wirklich klar und deutlich ablehnen, weil ich wusste, dass ich wahrhaftig einfach keine Kraft mehr übrig hatte. Beide reagierten verletzt. Natürlich war meine ablehnende Reaktion auf die Frage: „Magst du mal mit mir spazieren / essen / einen Kaffee trinken gehen / eine E-Bike-Tour machen?“ ja auch unverhältnismäßig heftig. Klarer Fall von: „Es liegt wirklich nicht an dir.“ War ja auch so. Es lag nicht an ihnen. Sie waren und sind toll. In einem anderen Leben wären diese Frauen sicher gute Freundinnen geworden.

Das Problem bei einer Sucht nach Freundschaft ist vor allem, dass man ohne menschliche Kontakte nicht leben kann.

Ich stelle mir das ähnlich vor wie bei einer Essstörung, denn auch das Essen kann man nicht komplett streichen, der Körper ist ja darauf angewiesen. Deshalb wird kein Weg daran vorbei führen, dieses Suchtverhalten aufzuarbeiten und in den Griff zu bekommen.

Die Pandemie hat dabei übrigens nur bedingt geholfen. Klar waren diese bundeseinheitlich angeordneten Kontaktsperren irgendwie ein Geschenk für Menschen wie mich, weil wir quasi per Gesetz gezwungen wurden, uns von unserem Suchtstoff fernzuhalten. Cold Turkey, sozusagen. Aber je mehr Lockerungen kommen, desto mehr merke ich, dass ich das Problem in der Zwischenzeit halt auch nicht besiegt habe, sondern es immer noch da ist.

Und dass ich gerade an einem Breaking Point stehe.

Es frustriert mich, dass ich zwar mittlerweile die richtigen Fragen zu stellen scheine, aber immer noch keine Antworten darauf habe. Spätestens jetzt sollte ich doch wissen, wie ich mich neuerlichen Verabredungsanfragen gegenüber verhalten werde. Ich weiß es aber nicht. Momentan bin ich auch hin und her gerissen. Auf der einen Seite habe ich wahnsinnige Angst, dass es wieder so wird wie vor der Pandemie. Auf der anderen Seite vermisse ich ja die vielen lieben Freunde sehr und möchte sie gerne sehen. Vielleicht kann ich, wie jede gute Süchtige, Zeitregeln aufstellen. Nur noch eine Verabredung pro Woche treffen.

Nein, meine Veränderung muss tiefgreifend sein. Ich darf mich nicht mehr „buchen“ lassen (denn so fühlt es sich manchmal an), nur weil „wir uns schon sooo lange nicht mehr gesehen haben“ und wir uns „unbedingt mal wieder treffen müssen“. Stattdessen muss ich aktiver und bewusster werden bei der Frage, mit wem ich mich überhaupt noch treffen werde. Mit wem ich meine Zeit verbringen und wem ich meine Kraft schenken möchte. Wer mir gut tut – und wer mich nur ausbluten lässt. Corona könnte und sollte eine Zäsur sein.

Foto: Alexander Schimmeck

Hart, aber wahr: Ich glaube, es führt kein Weg daran vorbei, alte Freunde loszulassen. Im Guten. Im Besten. Indem wir einander respektvoll verbunden bleiben und uns gegenseitig jederzeit helfen werden, wenn es nötig ist. Aber uns einfach nicht mehr regelmäßig treffen. Damit ich wieder Zeit habe für die, mit denen ich mich wirklich treffen möchte.

Denn nur so – und hier kommt nochmal „Das Café am Rande der Welt“ ins Spiel – habe ich noch genug Kraft, mit der Welle zu schwimmen, wenn sie kommt. Und dafür, mein Leben noch mehr als bisher nach dem Zweck meiner Existenz auszurichten. Ich mache mir keine Illusionen, dass das ein täglicher Kampf wird – davon hat ja auch die Bloggerin carasmelody in einem Kommentar unter meiner Buchbesprechung zum „Café“ ganz kurz berichtet. Aber es ist an der Zeit, diesen Kampf aufzunehmen.

15 Kommentare

  1. Ein „Like“ machen? Nein, doch lieber nicht. Das wäre nicht ehrlich und auch nicht hilfreich. Der Schreibstil ist zwar gut und das Bild vom Karussel passend zum Inhalt. Mir Selbstkritik wird nicht gespart. Ist das nun etwas Lobenswertes – oder sogar etwas Verachtenswertes?( naja, von einem „Wert“ kann man ja nicht sprechen). Und danach folgt die Depression, und das „Karussel“ dreht sich endlos weiter…Soll ich damit Mitleid haben?? – Kann dabei überhaupt jemand helfen? —

    1. Ich brauche kein Mitleid und auch kein Like, es muss ja nicht alles gefallen. 🤷🏼‍♀️ Der Text dient vor allem dazu, meine eigenen Gedanken zu dem Thema zu ordnen. Danke trotzdem fürs Lesen.

  2. „Beziehungsholikerin“ – als Wortschöpfung – macht es auch nicht besser. Allerdings macht diese „Selbsterkenntnis“ auch nachdenklich: Was davon befindet sich auch in m i r ?? 😐 Sollte ich vielleicht auch einmal über mich selbst nachdenken, über meinen „Wert“, und ob ich mir da vielleicht „etwas vormache“?

    1. Ja, natürlich. Alles spielt sich nur in mir ab – und natürlich überschätze ich meine eigene Bedeutung für andere maßlos. Aber trotzdem muss ich einen normalen Umgang mit menschlichen Beziehungen finden, in einer Dosis, die gesund ist und auch die anderen nicht überfordert, befremdet oder sogar abstößt. Viele Grüße.

      1. Diese Antwort ist wiederum maßlos übertrieben in punkto Selbstkritik. Soooo hatte ich es ja auch ganz und gar nicht gemeint. Im Gegenteil: Ich hatte es überhaupt nicht als Kritik gemeint, sondern ich wurde auf einmal (im 2. Teil) gaaanz still und lauschte in mich s e l b s t hinein.👂

      2. Ach so, dann habe ich das falsch verstanden. Kritik ist dennoch willkommen. Aber ich bleibe trotzdem dabei und meine das auch wirklich ernst: Ich weiß, dass meine Freunde ihr eigenes Leben haben und mir bei Weitem nicht so viel Bedeutung zumessen, wie ich glauben möchte. 😉 Die Übersteigerung des Ganzen findet in mir selbst statt. Auf jeden Fall ist es immer gut, Theorien in Bezug auf sich selbst an- und auszuprobieren. Viele Grüße.

  3. Hallo, danke für deine Ehrlichkeit im Teilen deiner Gedanken. Für mich ist das alles sehr gut nachvollziehbar, und ebenso schwer. Ich hoffe, du schaffst es hin zu einer Einstellung, in der du nur noch das tust, was du willst, und in erster Linie auf dich und deine Bedürfnisse achtest :) Und – gute Freunde sehen geht oft auch spontan, und schafft weniger Druck. Ganz liebe Grüße!

    1. Danke für deinen Beitrag. Naja, ich versuche ja, mir Zeit für alle zu nehmen und sie höher zu stellen als meine eigenen Bedürfnisse. Das geht aber leider ganz oft über meine Kraftreserven hinaus. Und ja, auch das kann in Freundschaften passieren. Von daher ist es nicht so leicht, zu sagen, wen ich eigentlich ausbeute – vielleicht mich selbst.

  4. Freundschaft, die an Terminkalenderschwierigkeiten scheitert, ist keine Freundschaft. Was auch immer das ist, ich glaube, du missbrauchst diese Menschen. Egal, ob du dich hinter dieser Süchteligkeit versteckst, oder nicht. Haben die wahrscheinlich nicht verdient.

  5. Du sprichst mir aus dem Herzen Anne. Jetzt erst verstehe ich Dich. Wundervoller, ehrlicher Beitrag. Dazu gehört Mut. Danke.🦋🍀👍

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