Das Zeitalter des Übergangs ist angebrochen

Foto: Toa Heftiba

Langsam wird es eng im Kalender. Scheint, als sei der alte Wahnsinn zurück. Es ist nur … Ich möchte das nicht! Aus verschiedenen Gründen, nicht zuletzt, weil ich in der Vergangenheit bei sozialen Verpflichtungen über meine Kraft gelebt habe. Aber auch, weil ich mich in den vergangenen Monaten an ein freies, geruhsames und vor allem selbstbestimmtes Leben gewöhnt habe, in dem es okay ist, zu sagen, wenn sich etwas nicht richtig anfühlt.

Während dieser stillen Phasen der letzten Monate hatte ich den Eindruck, so mancher hätte die Zeit genutzt, um das eigene soziale Verhalten zu reflektieren. Und für sich den Entschluss gefasst, es künftig ruhiger angehen zu lassen. Doch vielleicht war das nur eine vorübergehende Pandemie-Verwirrung. Momentan wirkt es auf mich, als wäre alles, was wir daraus lernen wollten, längst vergessen. Der Hunger nach Verabredung, nach Spaß ist riesengroß. Natürlich kann man das verstehen, aber was ist mit der inneren Einkehr, der neuen Balance, dem erhofften Post-Minimalismus, den Vorteilen des Rückzugs ins Private, die zumindest für mich auch unendlich viele Vorteile hatten?

Gerade spüre ich sehr deutlich, dass die Schonzeit vorbei ist.

Die Menschen fordern voller Entschlossenheit und Trotz ein, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht: Die Zeit anderer Leute. Mitunter meine Zeit. Aber ich bin nun klüger als vor der Pandemie (hoffentlich) und sträube mich, wenn ich nicht will.

Foto: Caroline Hall

Deshalb sage ich momentan oft Nein – oder ich sage gar nichts, gerade bei in Gruppen geplanten Verabredungen, weil ich mir gern offen halten möchte, ob ich dann dazu komme oder nicht. Das Nein-Sagen, das Offen-Halten kommt nicht gut an, aber das war schon früher so. Damit muss man leben lernen. Wie mit so manchem.

Denn nun kommt eine neue Phase, die wir so noch nicht kennen: Der Übergang. Uns steht eine interessante, chaotische Zeit bevor, beruflich und privat, in der eine große Unsicherheit herrschen wird. Warum?

Weil die gesellschaftlichen Regeln aktuell sehr unklar sind.

Solange früher alles ging, ging alles, darauf konnte man sich verlassen. Natürlich traf man sich in Präsenz zum Meeting, wie denn sonst? Und privat? Ging immer!

Als dann nichts mehr ging, ging nichts mehr, darauf konnte man sich verlassen. Natürlich fand das Meeting digital statt, wie denn sonst? Und privat? Ging gar nichts, war halt leider so!

Doch nun, im Übergang, geht manches, und manches geht nicht. Das heißt, es ist mehr Kommunikation, mehr Klärung und Verhandlung nötig. Zum Beispiel eröffnen sich dadurch im Beruf zahlreiche neue Fragen: Kommt die Kollegin heute ins Büro? Oder nicht? Und was bedeutet es, wenn ich jemanden nicht persönlich im Büro antreffe? Dass er im Homeoffice ist? Oder dass er frei hat / krank ist / gekündigt hat / gerade in dieser Minute heiratet / auf dem OP-Tisch liegt / mit dem Rucksack durch Europa reist [oder ähnliches] – und mein Anruf auf dem Handy krass unpassend wäre? Im Grunde muss man immer erstmal eine Mail schicken, um zu sehen, ob ein Abwesenheitsassistent kommt. Ich glaube, dass leere Mails mit dem Betreff „Will nur mal sehen, ob du im Dienst bist“ in den nächsten Monaten ganz normal sein werden.

Foto: Nick Fewings

Und was bedeutet diese halbe Rückkehr zur Normalität fürs Private? Definitiv, dass wir klarer kommunizieren müssen. Dazu gehört an vorderster Stelle, dass wir öfter Nein sagen müssen und manchmal Vielleicht.

Aber auch, dass wir damit leben lernen müssen, wenn Menschen wegen des Vielleicht sauer sind.

In der Übergangsphase werden wir uns an ein Stück Unsicherheit gewöhnen müssen, das wir in Deutschland, dem Land der Pünktlichkeit und Verbindlichkeit, so bislang nicht kannten. Dazu gehört generell auch, längerfristige Pläne mit einem Unsicherheitssternchen zu verstehen. Zum Beispiel, wenn man mit etwas Vorlauf einen Urlaub bucht. Momentan ist für mich persönlich die Unsicherheit noch zu groß, es drängt mich nicht, eine Flugreise zu buchen oder eine große Feier zu planen, wenn ich nicht weiß, wie die Situation dann sein wird. Aber irgendwann werde ich mich trauen müssen, wenn ich mal wieder reisen oder etwas feiern möchte. Andere tun es ja auch.

Eine gewisse Flexibilität gehört zu dieser neuen Normalität dazu. Das muss sich im Beruf erst einspielen und im Privaten auch. Ich bin gespannt und hoffe, dass wir in dieser Phase nachsichtig miteinander bleiben.

1 Kommentar

  1. Hallo Anne,
    ich kann das total nachvollziehen. Im Privaten hatte ich mich schon vor Corona damit beschäftigt, wie viele Verabredungen ich verkrafte. Auch wenn das „nein“ sagen, nicht immer klappte. Im Moment schiebe ich immer Corona vor, dass wird noch akzeptiert. Mal sehen wie lange. Ein „vielleicht“ mag ich so gar nicht. Weder von mir noch von anderen. Ich brauche Klarheit und ärgere mich, wenn andere sich nicht entscheiden können. Lieber bekomme ich ein „nein“ als ein „vielleicht“.

    Beruflich wird es schwieriger mit dem „nein“. Bei uns läuft es sehr hierarchisch. Wenn Präsenz gewollt ist, habe ich gefälligst in Präsenz Anwesend zu sein. Kommt keine vierte Welle im Herbst, werde ich Corona nicht mehr vorschieben können. Auch Argumente, dass es sich bei diesem Thema anbieten würde auch digital (Hybrid) teilzunehmen oder ähnliches, werden bei übergeordneten Entscheidungen nicht gelten. Leider.

    Ich wüsche dir, dass deine Übergangsphase wenig holprig verläuft.

    Viele Grüße
    Jenny

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