Mitt-Pandemische Enttäuschungen

Foto: Edu Lauton

Gerade fühlt es sich fast an wie ein normaler Sommer und Spätsommer. Nachdem wir den ganzen Winter hindurch daheim geblieben sind, uns von anderen fern gehalten haben und davon träumten, endlich wieder in Freiheit leben zu dürfen, genieße ich diese kleine und wahrscheinlich vermeintliche Normalität ganz besonders.

Vor allem, bei einer Taufe am vergangenen Wochenende meine große Familie endlich einmal fast vollständig wiedersehen zu dürfen hat sich angefühlt wie ein Geschenk. Normalerweise sehen wir uns alle paar Monate, herzen und streiten, feiern den Geburtstag meiner Oma im Januar und den Geburtstag meines verstorbenen Opas im Oktober zusammen, gehen Gans-Essen im Winter und Äppler trinken im Sommer und treiben die Kellner gutbürgerlicher Restaurants der Region fast in die Berufsunfähigkeit, wenn wir alle unser Schnitzel mit irgendwelchen Sonderwünschen bestellen. Schön ist das immer und irgendwie auch schrecklich, weil wir alle laut, rechthaberisch und emotional sind, ein Kopp und ein Arsch, wie der Hesse sagt, und alle unser Herz auf der Zunge tragen. Björn und andere, die von außen in diese Familie gekommen sind, ächzen immer betont laut über uns, lieben uns aber trotzdem und insgeheim vielleicht sogar ein bisschen deshalb.

Weil ich aus einer solchen Familie komme, haben sich die Pandemie und die damit einhergehenden Kontaktbeschränkungen angefühlt wie ein kalter Entzug. Und dazwischen war ja auch immer meine fast 90-jährige Oma, die im ersten Corona-Jahr natürlich auch noch nicht geimpft war und die nicht verstanden hat, warum die Enkel nur noch unterm Balkon stehen und winken, statt hochzukommen und ihr den Kühlschrank leerzufuttern.

In all diesen stillen, komischen, leeren Monaten habe ich mir ausgemalt, wie es sein würde, meine Familie wiederzusehen. Und meine Freundinnen und Freunde. Wieder ganz selbstverständlich bei anderen in der Wohnung und am Tisch zu sitzen, Leute hierher einzuladen und sie zu bekochen.

Natürlich, so dachte ich den gesamten Winter hindurch, würde es einfach toll sein. Für das große Wiedersehen mit meiner Familie nahm ich mir eins vor: Wir würden ein aktuelles Familienfoto machen, mit Björn, der beim letzten Foto fehlte, allen Kindern, die zwischenzeitlich geboren und gewachsen waren, und mit meiner Oma als Mittelpunkt der Großfamilie.

Foto: Simone Pellegrini

Ich weiß auch noch genau, wie ich mit zwei Freundinnen im Frühling per WhatsApp unser Wiedersehen geplant habe. Wir haben genau ausgerechnet, wann wir alle fertig geimpft sein würden, und uns für diesen Tag Ende Juni in einem Frankfurter Biergarten verabredet. Dieser Tag X schien uns so weit weg – und würde in meiner Vorstellung so glänzend perfekt werden, weil dann endlich alles wieder gut wäre.

Doch natürlich wurde er nicht perfekt. Erst einmal verschoben wir das Treffen kurzfristig auf mein Drängen hin um einen Tag nach hinten, da EM war und ein kurzer Anruf in dem Biergarten bestätigte, dass das Spiel („natürlich!!!“, sagte der Kellner am Telefon entrüstet auf meine Frage) dort gezeigt werden würde. Das passte so gar nicht zu der Vorstellung eines gemütlichen Sommerabends, an dem wir uns nach so langer Zeit wiedersehen und endlich, endlich einmal wieder Zeit zum reden haben wollten. Wir verschoben also um 24 Stunden – und am nächsten Tag, dem Tag des Treffens, regnete es. Gut, dass der Biergarten ein mobiles Dach hatte und wir dennoch im Trockenen sitzen konnten, aber natürlich war es nicht so idyllisch, wie ich es mir vorher ausgemalt hatte.

Ich gebe zu: Dass meine Erwartungen nicht erfüllt wurden war ein bisschen enttäuschend.

Aber: Es war trotzdem schön. Sehr schön sogar.

Trotzdem hat mich diese erste Post-Lockdown-Enttäuschung nachdenklich gemacht. Denn vor der Pandemie wurde ich selten enttäuscht, weil ich meine Erwartungen gut im Griff hatte. Ich nahm die Dinge einfach so, wie sie kamen und freute mich daran. Doch dann kam Corona. Und ich habe diese Gelassenheit, dieses „Es wird schon alles gut werden“ allein mit Björn daheim verlernt. Kein Wunder, immerhin gab es ja in diesen Monaten kaum eine Möglichkeit, sich vom echten Leben überraschen zu lassen.

Ohne es zu merken, habe ich in dieser Zeit meine Erwartungen an eine sonnige, fröhliche, friedliche Zeit danach regelrecht aufgebaut. Ähnlich wie in der Vorweihnachtszeit, deren spektakulärer Höhepunkt, der Heilige Abend, kaum eine Chance haben kann, die unrealistischen Ansprüche zu erfüllen.

Vielleicht schmunzelt Ihr jetzt, wenn ich Euch sage, dass das groß geplante Familienfoto auch nicht so geworden ist, wie ich es mir vorgestellt habe. Meine Mutter fehlt, weil sie schon mal in die Küche vorgegangen ist, um beim Kuchenschneiden zu helfen. Der Täufling ist drauf, dafür fehlen zwei andere Kinder. Und mein Onkel ist gar nicht erst bei der Feier gewesen, weil er schon Urlaub gebucht hatte, den er nicht verschieben konnte.

Foto: Simon Maage

Aber so ist es, das Leben. Wahrscheinlich werde ich meine Familie niemals komplett auf ein Foto kriegen. Und wahrscheinlich geht das Leben trotzdem weiter.

Vielleicht nehme ich als Kompensation für das lückenhafte Familienfoto einfach die Erfahrung mit, dass ich gar kein Foto brauche. Sondern nur das Wissen, dass auch eine monatelange Kontaktsperre uns nicht auseinander bringen kann.

Gerne möchte ich von Euch hören: Habt auch Ihr diese kleinen Enttäuschungen erlebt? Oder wart Ihr einfach froh, dass im Sommer vieles wieder möglich wurde?

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