Der Zoom Survival-Guide für Hochsensible

Foto: Prudence Earl

Vor Weihnachten ist in allen Unternehmen viel zu tun. Und in der katholischen Kirche, für die ich nun schon das zweite Jahr arbeite, naturgemäß auch. Kombiniert mit der Tatsache, dass die Pandemie-Zahlen hoch sind und wir größtenteils im Homeoffice sitzen, bedeutet das: Ich wohne praktisch im Zoom. Wem geht es gerade auch so?

Allein am Dienstag hatte ich vier Video-Meetings, die alle zwischen einer und zweieinhalb bis drei Stunden dauern. Das bringt mich in Bedrängnis, weil die eigentliche Arbeit liegen bleibt. Aber es stresst auch deshalb, weil das digitale da-Sein und doch-nicht-da-Sein echt anstrengend ist. Einerseits habe ich das Gefühl, ich konsumiere ein Video, doch zugleich sehen die Anderen mich ja auch – und sie sehen mich und meine Augenringe je nach Licht noch deutlicher, als wenn ich ihnen persönlich gegenüber sitze. Dieses Beobachtet-Werden mag ich gar nicht. Da fühlt es sich an wie ein Kurzurlaub, wenn man in großen Meetings die Kamera mal ausmachen kann. Darüber hinaus finde ich Zooms auch körperlich unangenehm, gerade dann, wenn ein Meeting dem nächsten folgt.

Weil ich mir vorstellen kann, dass es gerade auch anderen sensiblen oder hochsensiblen „Teleworkern“ so geht, habe ich einen kleinen Survival-Guide zusammengestellt. Die Tipps sind nirgendwo abgeschrieben, sondern basieren auf meinen Erfahrungen – und ich konnte sie am grauenhaften Zoom-Dienstag auch gleich einem Reality-Test unterziehen. Hier kommen sie also. Ich hoffe, sie helfen Euch, und freue mich über weitere Ideen.

Pausen blocken: Da man zwischen Zooms und Telefonkonferenzen keine Räume wechseln oder gar ins Auto steigen muss, ist die Versuchung groß, sich Meetings nahtlos zu legen. Und oft genug wird es auch erwartet. Das geht vielleicht bei zweien direkt hintereinander noch einigermaßen, aber alles, was darüber hinaus geht, wird kritisch. Kleine Pausen sind wichtig – und ich spreche hier nicht von gemütlichen Frühstückspausen, Mußestunden oder Spaziergängen im Sonnenschein, sondern von so ganz elementaren Dingen wie Pipi-Machen, frischen Kaffee kochen, mal kurz in die Mails schauen, Rückrufe erledigen und vielleicht sogar auch noch schnell das nächste Meeting vorbereiten. Damit das einigermaßen gelingt, versuche ich, mir zwischen den Zooms 30 Minuten Leerlauf zu schaufeln. In dem Fall kann man das Meeting noch fünf Minuten überziehen, wenn es nötig ist – aber dann auch wirklich gehen. Ich versuche es, wohlgemerkt. Etwas, das sich als praktisch herausgestellt hat, ist, direkt am Anfang zu sagen, wann man gehen muss. Falls es dann noch Beratungsbedarf gibt, können die Anderen noch weiterreden. Ich muss ja nicht bei allem dabei sein.

Wichtig: Kurze Pausen dazwischen schaffen, auch wenn es schwer fällt. Foto: Samantha Gades

Blick- und Luftveränderung einplanen: Im Büro rennt man an einem stressigen Tag vielleicht von einem Meetingraum zum nächsten, doch im Homeoffice sitzt man oft wie festgetackert auf dem Stuh und starrt auf den Bildschirm. Da kann es helfen, mal die Blickachse zu wechseln, sich woanders hinzusetzen oder wenigstens den Laptop um 90 Grad zu drehen. Das ist auch für die Augen gut (siehe unten), die sich über eine leicht variierte Aussicht freuen. Ein Muss ist, zwischen den Meetings zu lüften, egal, wie kalt es ist. Denn im Büro möchte man auch nicht den ganzen Tag im selben Meeting-Dunst sitzen.

Sich kurz mal selber spüren: Wer digital lebt, fühlt sich körperlich oft nicht so gut. Im wahrsten Sinne. Nach einem langen Tag voller Zoom-Meetings komme ich mir vor wie eine leere Hülle oder wie ein Luftballon, der ohne Kontakt zum Boden davonschwebt. Das liegt daran, dass das digitale Dasein einen ein Stück weit entkörperlicht. Wichtig ist, zwischendrin kurze sensorische Pausen einzubauen. Mir hilft es, mir zum Beispiel die Haare zu kämmen, mich zu zwicken oder sonst wie körperlich zurückzuholen. Darüber gibt es hier sogar einen ganzen Blog-Artikel, nämlich „15 Tipps, um sich sofort aus der Lockdown-Starre zu befreien“.

Andere Zeitachse reinbringen: Klingt superweird, ich weiß. Aber wenn ich von einem Zoomraum direkt in den nächsten springe, erscheint mir der Tag wie in einem starren Raster, das mir die Luft abschnürt. Dieses Zeit-Korsett aufzubrechen ist gar nicht so einfach. Ich habe bemerkt, dass parallel laufende Zeitachsen, wie zum Beispiel die Waschmaschine, die 90 Minuten läuft und dann piepst, das etwas leichter erträglich machen. Und einem verdeutlichen: Es gibt auch noch eine Welt außerhalb des Zoom-Raums, außerhalb der Meeting-Zeiten. Man kann sich auch den Timer auf eine völlig krumme Zeit stellen und sich vornehmen, sich, wenn er klingelt, für zwei Minuten aus dem Zoom herauszuziehen. Das geht, zumindest bei Massenmeetings, ja doch recht problemlos. Kamera kurz ausmachen, durchschnaufen, Mirco-Meditation – und dann wieder rein ins Vergnügen.

Ganz bewusste Offline-Zeiten schaffen: Meine Freizeit ist stark digital geprägt. Ich surfe im Internet, spiele mein Lielings-Modespiel Covet Fashion in der App, mache Online-Yoga oder streame Serien. Doch grade an einem Tag, der randvoll ist mit Zooms, merke ich, dass ich jetzt einfach mal ausschalten muss. Dann tue ich auch genau das, ich schalte das Handy aus und stöpsele den Fernseher ab (ich kann leider das Geflirre des Stroms hören, und das stresst). Einfach mal in der echten Welt sein, einen Spaziergang ohne Ablenkung unternehmen, eine Katze streicheln und ein Buch tut an solchen Abenden nicht nur gut, es ist einfach schlichtweg nötig.

Tipps gegen „viereckige Augen“: Etwas, das meine Mutter immer sagte, wenn wir Kinder stundenlang vor der Glotze hingen, war: „Ihr habt doch schon ganz viereckige Augen.“ In der Tat fühlt sich das manchmal so an, wenn man zu lang auf einen rechteckigen Bildschirm gestarrt hat. Dagegen helfen viele Dinge. Augentropfen, sich ein Kirschkernkissen in der Mikrowelle warm (nicht heiß) machen und aufs Gesicht legen, den Blick regelmäßig in die Ferne schweifen lassen oder eine spezielle Bildschirmbrille tragen. Außerdem gibt es auf YouTube Augen-Yoga (siehe zum Beispiel hier) oder Augen-Akkupressur (siehe zum Beispiel hier). Und ja, auch das ist wieder digital, schon klar. Aber wenn man sich gemerkt hat, wie es geht, kann man die Übungen das nächste Mal offline machen. Und, was auch super ist: Sich eine Topfpflanze direkt neben den Computer stellen. Das allein wirkt schon Wunder.

Körperliche Schmerzen ernst nehmen: Nach einem Zoom-Tag tut mir alles weh – Rücken, Nacken, ja sogar die Haut im Gesicht. Neben der Augenhygiene (siehe vorheriger Punkt) entspannt mich dann zum Beispiel eine ph-neutrale Gesichtsmaske. Aber es gibt auch supergute kurze Yoga-Sessions, die speziell für das Ende eines langen Arbeitstags gedacht sind. Ganz speziell ein Video von Sarah Beth Yoga (auf Englisch) möchte ich Euch empfehlen, das mir wirklich immer hilft: 15 minute Relaxing Yoga Stretches to UNWIND After Work.

Falls Ihr weitere Tipps habt, immer her damit. :)

2 Kommentare

    1. Danke, das sind sie in der Tat. Wobei wahrscheinlich das Hauptproblem die vielen, vielen Meetings selbst sind. Denn auf zahlreiche könnte man auch einfach verzichten. 🙄

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