#gutenrutsch: Silvesterstille

Foto: Ian Schneider

Morgen ist Silvester – und mein Geburtstag. Deshalb ist der Jahreswechsel für mich immer das Stress-Highlight des ganzen Jahres. Oft hatten wir in 24 Stunden dreimal Gäste bei uns: Eine Geburtstagsparty zum Reinfeiern, ein Kaffeekränzchen mit der Familie und dann abends die klassische Silvesterparty mit Freunden, mit Fondue, Dinner for One, Zinngießen und natürlich Feuerwerk. Dazwischen immer wieder saubermachen, vorbereiten, die Spülmaschine lief im Dauerbetrieb. Danach brauchten wir immer Tage, um uns davon zu erholen.

Jahrelang träumte ich davon, das einfach mal nicht zu machen.

Und doch, kaum, dass Weihnachten vorbei war, verfiel ich wie von selbst in diesen Partyplanermodus. Nicht, weil ich es wollte, sondern weil mir schlicht und einfach ein alternatives Konzept fehlte.

Aber warum eigentlich? Warum nicht zum Beispiel einfach mal wegfahren an Silvester? Nun, zum einen möchte ich meine Familie um mich haben am Geburtstag. Und zum anderen macht man das einfach so, an Silvester Freunde um sich zu versammeln. Nicht zuletzt auch deshalb, weil man um Mitternacht ja fröhlich sein möchte. Wer will schon riskieren, ein neues Jahr deprimiert zu beginnen?

Dann kam die Pandemie. Und das erste Pandemie-Silvester.

Am 31. Dezember 2020 war kaum etwas erlaubt. Keiner war geimpft, es gab Kontaktbeschränkungen, die noch sehr viel strenger waren als jetzt. Nichts ging mehr, alle gesellschaftlichen Kontakte waren auf ein Minimum reduziert. Zum ersten Mal sagte mir der Staat, dass ich an meinem Geburtstag nichts machen durfte. Und weil es nicht meine eigene Entscheidung war, fiel es mir gar nicht schwer, das zu akzeptieren.

Damit wenigstens ein ganz klein wenig Geburtstagsgefühl aufkam, trafen wir uns nachmittags mit meiner Familie zu einem halb-legalen Spaziergang mit Walking-Kuchenpicknick. Es nieselte leicht, aber das war okay, denn irgendwie passte es zu dieser verratzten Zeit. Anschließend fuhren Björn und ich nach Hause und verbrachten den Abend zu zweit. Björn, der liebend gerne kocht, bereitete uns ein leckeres Dinner zu, anschließend schauten wir fern und sahen uns um Mitternacht aus dem Fenster das eigentlich verbotene Feuerwerk an. Und das war wundervoll.

Und dann fing ich an zu weinen. Und ich weinte lange.

Ist es ein schlechtes Omen, ins neue Jahr zu weinen?

Wir wussten beide, dass 2021 große Veränderungen bringen würde. Das zehnte Silvester in unserem Zuhause war zugleich auch das letzte Silvester dort – die Wohnung wurde verkauft, wir mussten umziehen, obwohl wir nicht wollten. Der Umzug war auf den 3. Februar terminiert, und langsam wurde es ernst. Ein schmerzhafter Abschied, der sich da am Raketenbeleuchteten Horizont abzeichnete.

Und ich weinte nicht nur deshalb: Außerdem spülten die Tränen den ganzen Pandemie-Frust, die ganze Verunsicherung dieses merkwürdigen Jahres 2020 aus mir heraus. Ärger mit dem Vermieter, der sich im Winter über Wochen geweigert hatte, die Heizung reparieren zu lassen, weshalb wir bei Minustemperaturen im Kalten saßen. Ein neuer Job, der mich gut forderte und in dem ich noch kaum wusste, was ich tat. Und das Sterben unseres alten Katers Tiger, dem ich ein Ende daheim ermöglichen wollte, in seinem eigenen Tempo.

All das machte mich bang.

Und es war gut, dass ich mich dem stellen konnte, ohne Ablenkung und ohne Party. Es war nötig, um abschließen zu können. Wenn ich in dem Moment Gäste gehabt hätte, hätte das Lachen und Anstoßen und Fröhlichsein doch wieder nur alles überdeckt. Und spätestens da, als ich um Mitternacht aufrecht meinen Dämonen begegnete, wusste ich, dass ich nie wieder würde Silvester feiern müssen.

Heute, 364 Tage später, sitze ich hier und betrachte das endende Jahr voller Dankbarkeit. Tiger durfte im Januar friedlich in seiner gewohnten Umgebung sterben, begleitet von zwei Menschen, die ihn sehr geliebt haben. Wir haben ihn einäschern lassen und er hat auch in der neuen Wohnung seinen Ort. Unser Umzug Anfang Februar lief, trotz Voll-Lockdown und den damit verbundene Problemen, sehr gut. Wir mögen unsere neue Wohnung und den Platz, den wir jetzt haben, sehr gerne. Nach zehn Jahren ohne Balkon haben wir unsere jetzt sogar zwei Balkone im Sommer liebend gerne genutzt – und freuen uns schon jetzt auf die ersten Sonnenstrahlen des Jahres 2022. Und seit dem Sommer ist unsere Familie mit den beiden Katzenkindern Joschi und Keoni nun wieder komplett. Und dann kam ja auch noch, wie aus dem Nichts, die wundervolle Überraschung eines Buchvertrags.

Wenn ich gewusst hätte, dass 2021 so viel Schönes für mich bereit hält, hätte ich zum Jahresanfang vielleicht nicht ganz so viele Tränen vergossen.

Wir werden das neue Jahr auch diemal wieder zu zweit begrüßen. In Stille, in Gedanken, voller Respekt und Zuversicht.

Vielleicht möchten wir Silvester irgendwann auch wieder feiern, alles ist möglich. Doch für jetzt ist diese Stille genau das, was ich mir wünsche.

Foto: Kelly Sikkema

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