
Ich weiß nicht warum, aber heute macht mich der Lockdown fertig. Die ganzen letzten Tage habe ich ganz gut damit gelebt. Björn und ich arbeiten ja seit Wochen beide im Homeoffice, er ausschließlich, ich war bis vor kurzem noch zweimal die Woche im Büro und ansonsten auch mit Laptop am Esstisch. So gehen die Arbeitstage ins Land, wir sitzen im Wintergarten, klappern beide vor uns hin, erzählen uns von dem, was gerade so abgeht und bringen einander frischen Kaffee aus der Küche mit. Das ist, in aller Extremsituation, witzig und auch schön, denn wir sehen uns jetzt so viel mehr als früher. Abends hängen wir auf der Couch rum, gehen spazieren oder machen jeder unser Ding. Gut ist das, heimelig, wir haben hier unseren Work-Life-Kosmos, und in dem ist alles okay.
Aber heute ist der erste Tag, an dem wir frei haben seit dem Lockdown.
Streng genommen habe ich seit heute eigentlich auch Weihnachtsurlaub, aber ich muss nächste Woche noch ein paar Stunden weitermachen, ein paar Dinge abarbeiten. Heute ist also der erste Tag ohne Arbeitsablenkung – und ich fühle mich nicht wohl, gar nicht. Ich fühle mich benommen und irgendwie leer. Hoffnungslos. Perspektivlos. Verloren. Natürlich versuche ich, mir selbst zu sagen, dass das vorbei gehen wird, dass dies gerade eine Ausnahmesituation ist, dass ja schon die Impfungen vorbereitet werden und schon bald alles wieder so sein wird, wie wir es vorher kannten.
Aber warum fühle ich mich heute so ausgelaugt und irritiert? Nun, das hat mit Sicherheit auch etwas damit zu tun, dass ich die letzten drei Wochen so absurd viel gearbeitet habe. Klar, dass man danach in ein Loch fällt. Es war ja schon früher nicht so leicht für mich, am Wochenende runterzukommen, schon, als die Welt noch normal war (darüber habe ich zum Beispiel hier geschrieben: Hilfe, ich bin ein Wochenend-Versager!). Und in dieser neuen Welt nach so einer harten Phase einen Gang runterzuschalten ist nochmal eine ganz andere Herausforderung.
Aber das ist es nicht, nicht nur. Da ist diese eine philosophische Frage nach dem Kern meines Seins. Wenn ich nicht shoppen gehen und mich mit Konsum betäuben kann (außer online, aber das ist nicht ganz das Gleiche), wenn ich mich nicht mit einer Freundin im prallen Leben auf der Berger Straße zum Frühstück treffen kann, wenn ich nicht die nächste Rucksackreise planen oder einfach ins Auto springen und übers Wochenende irgendwohin düsen oder wenigstens schwimmen oder ins Restaurant gehen oder Kultur konsumieren kann – was ist dann unter all dem? Was bleibt übrig von mir, wenn ich mich selbst nicht mehr mit Spaß überpinseln kann? Wie sieht dieser Kern aus, der gerade freigelegt wird? In letzter Instanz: Wer bin ich?
Eine harte Frage, der ich schon einmal ziemlich nah gekommen bin.
Im Herbst 2018, ich hatte gerade bei der Ärzte Zeitung gekündigt und ein paar Wochen frei, bevor ich beim wdv anfangen würde, mietete ich für eine Woche ein kleines Apartment direkt am Meer in Zandvoort (Holland). Ich liebe Zandvoort, daher hielt ich es für eine gute Location für meine Erholungswoche. Die Wohnung war toll, modern und süß und vor allem unglaublich gut gelegen. Von allen Fenstern aus hatte ich direkten Meerblick auf die stürmischen Winterwellen, auf den windgepeitschten Sand und die Leere am Strand, über den nur ab und zu mal ein Spaziergänger mit Hund lief. Das Meer war nur wenige 100 Meter vom Haus entfernt – perfekt für meine Zwecke.
Mein Plan: Eine Woche lang drinnen bleiben und mich komplett von allen Strapazen des vorherigen Jobs erholen. Denn daheim kam ich nie dazu, mal einfach nur zu lesen, einfach nur rumzuhängen, immer war da irgendwer, der etwas von mir wollte, Ansprüche stellte.
Diese Woche in Zandvoort sollte nur mir gehören.
Ich hatte meinen Laptop dabei und wollte an einem neuen Buch arbeiten, ich hatte stapelweise Bücher eingepackt und kaufte am ersten Tag ganz viel Essen ein, so dass ich mich selbst versorgen konnte und nicht dauernd wieder einkaufen gehen musste. Ich richtete mich ein und wartete, dass die Erholung beginnen würde. Doch sie kam nicht. Stattdessen mähte mich die Einsamkeit fast um. Stundenlang starrte ich von meiner Couch aus auf den Horizont, gefangen in einer Art Ur-Angst, die ich einfach nicht abschütteln konnte. Und immer die Frage: Warum passiert das? Wovor habe ich solche Angst? Herzrasen, Bauchschmerzen, ein Gefühl der Isolation – ich fühlte mich, als würde ich allein in einem Boot sitzen und vom Ufer weggetrieben werden. Statt endlich einmal in Ruhe zu spüren, wer ich eigentlich bin und was ich eigentlich suchte im Leben, hatte ich das Gefühl, mich in der Stille aufzulösen wie in Säure.
Mehr als einmal war ich kurz davor, meine Sachen zu packen und nach Hause zu fahren. Doch ich blieb. Allerdings wurde mir klar, dass mein dämlicher Plan, mich alleine in der Wohnung zu erholen, nicht aufgehen würde. Also begann ich, rauszugehen, lief am einsamen Strand entlang und genoss die Gischt auf meinen kalten Wangen. Ich machte Ausflüge und erkundete neue Städte in der Umgebung, ich googelte Second-Hand-Läden und stöberte in den lustigen und lausigen Dingen dort. Ich freute mich, wenn ich unterwegs etwas Spannendes, Interessantes oder Kurioses entdeckte. Ich spürte, wie die Dinge, die ich sah, die Fremden, die mir zulächelten, meine Seele nährten – und mir die Erinnerung daran zurückbrachten, wer ich bin. Und ich begriff: Der Mensch kann nicht alleine sein auf Dauer, denn er verliert sich in der Einsamkeit, er fasert aus und löst sich schließlich auf.
Vielleicht fühle ich mich gerade so irritert und erschlagen, weil ich Angst habe, wieder an diesen Punkt zu kommen. Nur, dass wir diesmal alle gleich isoliert sind.
Vielleicht ist es ein Trost, sich das bewusst zu machen.
Klar vermisse ich meine Freunde und die Reisen und die Welt, wie ich sie kannte – auch wenn sie mich in ihrer Trägheit und Unbremsbarkeit auch oft genug nervte. Aber wenn ich so darüber nachdenke, was mir in Corona jetzt gerade am allermeisten fehlt, sind es die kleinen Kuriositäten des Alltags, diese Seelennahrung, die mich in diesem Winter in Holland gerettet hat. Dieses lust- und humorvolle, hungrige Sich-Überraschen-Lassen von der Welt. Und das will ich wiederhaben. Denn das bekommt man einfach nicht, wenn man im Homeoffice arbeitet und niemandem begegnet außer Tag ein, Tag aus dem gleichen Gegenüber, das genau wie man selbst langsam blass und fett wird, immer die gleiche Jogginghose trägt und Pickel bekommt.
Deshalb lohnt es sich, jetzt mal daheim zu bleiben. Dafür halte ich noch ein bisschen durch. Wofür haltet Ihr durch?






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