** Ein Text ohne Umlaute: Diesen Text habe ich auf einer amerikanischen Tastatur geschrieben, das heisst, er enthaelt keine Aes, Oes, Ues oder SZs – und vermutlich einige Tippfehler. Da ich momentan keinen Zugang zu einer europaeischen Tastatur habe, hoffe ich, Ihr seht es mir nach und gebt mir ein Extra-Sternchen fuer Engagegement. ;) **
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Vor einigen Tagen habe ich ein Township hier besucht. Townships sind teils illegal gebaute Staedte, in denen Menschen aermliche Huetten aus allem errichten, was sie so finden koennen: Wellblech, Steine, Lehm. Fuer Suedafrika leider wenig ueberraschend ist, dass dort so gut wie nur coloured und black people leben. Die Weissen haben, weil die Apartheid erst Mitte der 90er Jahre abgeschafft wurde, ueber Jahrzehnte nicht nur Reichtum aufgebaut, komfortable Haeuser errichtet und Golfplaetze angelegt, sondern auch sehr von der Ausbeutung der unterdrueckten schwarzen Bevoelkerung profitiert – und tun es mit grosser Selbstverstaendlichkeit noch immer. Besuche in Townships sind nicht unumstritten, denn natuerlich moechte man die Menschen dort nicht anglotzen, bemitleiden oder sonstwie herabwuerdigen. Andererseits spuelen diese Besuche Geld in die Kassen der Community Center, die Besucher:innen spenden anschliessend noch fleissig – und die nette junge Frau, die uns unter anderem dort herumgefuehrt hat, findet es unterm Strich gut, dass Menschen von ausserhalb sich fuers echte Leben der Leute in den Townships interessieren.
Ich befinde mich am Western Cape, also rund um die Region Kapstadt, die als reich und relativ sicher, landschaftlich wunderschoen und deshalb bei Touristen beliebt gilt. Mein Vater lebt hier in einem bewachten Estate namens Pearl Valley, was schon Sinn macht, wenn man bedenkt, dass auch hier die armutsbedingte Kriminalitaet gross ist. Im Township Langrug bei Franschhoek, etwa 15 Minuten mit dem Auto vom reichen Estate Pearl Valley entfernt, leben ungefaehr 10.000 Menschen in schlimmen Verhaeltnissen, es gibt Kindergaerten, Schulen, Kirchen, Supermaerkte (sogenannte Superettes) und so gut wie keine Baustandards fuer die Huetten, die deshalb regelmaessig einstuerzen und auch abbrennen. Es gibt kein fliessendes Wasser, nur oeffentliche Toiletten, die Menschen waschen sich und ihre Kleidung in Waschzubern mit kaltem Wasser. Wer warmes Wasser moechte, muss es mit teurem Strom im Wasserkocher erhitzen. Die Menschen bekommen vom Staat immerhin 1000 Units Strom im Monat zur Verfuegung gestellt, wenn die leer sind, muss zugekauft werden oder man sitzt im Dunkeln.
Und trotzdem … laecheln die Menschen. Lachen. Machen Witze. Strahlen richtig. Das ist Suedafrika – die Menschen hier wissen einfach, dass das Leben ist, wie es ist, und dass sie es gut oder schlecht gelaunt leben koennen. Und sie waehlen das Laecheln. Das beeindruckt mich so tief und ich frage mich, warum uns das in Deutschland nicht gelingt. Jeder Taxifahrer hier, jede Maid, jede Supermarktkassiererin strahlt eine Waerme und eine Menschlichkeit aus, waehrend bei uns in Deutschland die saeuerliche Miene sowas wie eine Einheitsuniform ist. Die allermeisten Leute hier in Suedafrika haben es hart. So hart, wie wir uns das in unseren wildesten Traeumen nicht vorstellen koennen. Ich weiss nicht, welche Entschuldigung es fuer uns geben sollte, immer so mies drauf zu sein. Arbeit, Arbeit, Arbeit – Pflichtbewusstsein, Papierkram, Karriere, Geld. Das ist alles, was uns interessiert in Deutschland. Irgendwas laeuft bei uns massiv falsch.
Suppe für 400 Kinder
In Langrug ist mir A.J. begegnet, ein 29-jaehriger strahlender Suedafrikaner, der im Township aufgewachsen ist und dort jetzt mit anderen das Community Centre organisiert. Dort wird unter anderem jeden Samstag fuer 400 Kinder Suppe gekocht. An Schultagen bekommen die Kinder ihre Mahlzeiten von der Regierung in der Schule, aber am Wochenende muessen die bettelarmen Familien sich selbst versorgen. Weil die Leute groesstenteils so arm sind, kann man in den Supermaerkten im Township nicht nur ganze Packungen kaufen, Kaffee, Brot, Windeln, sondern auch einzeln abgepackte Portionen von etwas, zum Beispiel loeslichen Kaffee. So kann man sich hin und wieder eine Tasse Kaffee leisten, muss aber nicht das Geld fuer ein ganzes Glas aufbringen.
A.J., den ich aussergewoehnlich charismatisch und interessant fand, hat uns herumgefuehrt und uns eine Gegend in Langrug gezeigt, in der richtige, gemauerte Haeuser stehen. Sie sind im Zuge des Mandela Housing Projects entstanden, das eigentlich jeder Familie ein gemauertes Haus zur Verfuegung stelle moechte, sogar kostenlos. Aber es gibt viel zu wenige Haeuser, viel zu wenig Baumaterial, viel zu wenig Geld, um das fuer alle zu realisieren. Deshalb wird es immer Menschen geben, die in den aermlichen Huetten leben muessen, glaubt A.J. Er selbst gehoert auch dazu und kennt es nicht anders. Ich habe ihn gefragt, ob er denn hofft, irgendwann so ein Haus zu bekommen und dann ein besseres Leben zu haben. Mit einem nachdenklichen Laecheln gab er zurueck: „It’s still the same life, isn’t it?“
Seine Antwort hat mich umgehauen. Denn ja, man kann sie so verstehen, dass auch die Gluecklichen, die ein Haus bekommen, noch im Township leben, jeden Tag in die reichen Gegenden zur Arbeit gehen und Entbehrungen hinnehmen muessen. Aber man kann sie auch so verstehen, dass es ein Leben ist, egal ob arm oder bessergestellt oder reich. Dass man immer mit sich selbst klarkommen muss. Dass man nicht besser oder schlechter ist als Mensch, nur weil man mehr oder weniger besitzt. Ein Leben ist ein Leben, der eine hat Glueck, der andere hat keine eigene Toilette, aber das eine muss nicht besser sein als das andere, und mit dem Leben an sich hat das im Grunde gar nichts zu tun, das Leben ist einfach Zeit, die man hier auf der Erde hat.
So etwas von einem Mann gesagt zu bekommen, der nachts hunderte von Metern zwischen aermlichsten Haeusern hindurch zur oeffentlichen Toilette laufen muss, macht einfach nur demuetig. Solche Begegnungen sind es, die mich an Suedafrika faszinieren und beruehren. Und die mich, wie ich hoffe, auch veraendern.



























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