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#kultur: Alcina – ein Gastbeitrag

Ein guter Freund war am Samstagabend in der Oper „Alcina“ in Bonn. Der intensiv-dichte Text, den er darüber geschrieben hat, hat mir so gut gefallen, dass ich ihn gefragt habe, ob er ihn auf meinem Blog veröffentlichen möchte. Ich wittere die Geburt eines Kulturjournalisten. :) Alcina – ein Gastbeitrag aus der Opernszene.

Von Timo Michael Keßler

Ein wundervoller Theaterabend in Bonn neigt sich dem Ende zu. Händels Oper über die Zauberin und Verführerin Alcina hat mich in dieser Inszenierung im Art-Déco-Stil gefesselt und erschreckend beeindruckt. Eine Art von „Babylon Berlin“-Femme fatale mit Kernmomenten aus unserer abgrundtiefen Zeitgeschichte. Als liebevoll wirkende Aggressorin zieht die Hauptfigur auch politisch einen Spannungsbogen bis hin zur Lage unserer weltweit fragilen politischen Gegenwart. Und sie bekommt in der Gesellschaft Ohr und Herz für ihr Gesäusel.

Szene aus „Alcina“. Foto: Bettina Stöß / Theater Bonn

Es fängt klein, verzückend und verzaubernd an im ersten Akt. Aus den grauen Straßen zieht ein Sog, ein Fingerwink, ein warm anmutendes Licht, das aus einer kalten Mauer scheint. Menschen werden wie Motten in einen monumentalen Raum angezogen. Es erwächst eine Ideologie, die schnell über Freiheit und Demokratie herrscht, ja sie beherrscht. Die als Liebe getarnte Manipulation und toxische Abhängigkeit fesselt den eben noch lebendigen Menschen. Der Blick scheint verwirrt, beschränkt sich darauf, dem Befehl der Herrscherin zu gehorchen: ein Sofa zu bewundern, anzubeten und schließlich selbst zum Teil der Einrichtung als Gegenstand zu werden, bewegungslos zu verharren.

Es wirkt vollkommen paradox und skurril. Lebensinhalt und Ausrichtung reduzieren sich auf Möbelstücke, eine vorgegebene Idee, die die Beherrschende nach ihrem Belang besetzt, versetzt, auf denen sie lebt und thront. Ein Personenkult mit faschistoiden Zügen im Irrsinn schafft eine absolut kontrollierte Isolation, an deren Weltenrändern nur aus aufrechter Beziehung, Vertrauen und wahrer Liebe der Drang nach Freiheit bis zum Aufbruch wächst. Mit dem Bruch des Banns verschwinden die Möbelstücke nach und nach und Natur wächst wieder im zuvor kalten Treppenhaus.

Das Stück endet im vorletzten Bild auf einer grauen Straße der Realität und Erkenntnis im Regen, nachdem die Illusion von Alcinas Paradies langsam zerfallen ist. Mit einem kleinen Regenschirm, denen sich die Selbstbefreiten teilen und unter denen sie näher rücken und Halt suchen. Ein wenig erinnerten mich Szenen an Sequenzen des Films „Matrix“, im Einsetzen von stilistischen Elementen genauso wie in der thematischen Aufarbeitung. Im letzten Bild öffnet sich jedoch erneut ein Spalt in der Wand und scheint auf jene, die versteinert im Regen plötzlich stehen bleiben. #niewieder

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Über dezembra

Anne: Frau, über 40, Redakteurin, Buchautorin, kinderlos und verliebt ins Leben, bloggt über Zwischenmenschliches und Psychosoziales, über Frauenthemen und Arbeitsdinge, übers Reisen und das Leben ohne Schilddrüse.

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