
Das Fortlassen des Unwesentlichen ist der Kern aller Lebensweisheit – das wusste der chinesische Philosoph Laozi schon im sechsten Jahrhundert vor Christus. Leider hat sich das bisher nicht herumgesprochen. Oder wir haben es einfach wieder vergessen.
Weglassen, weniger, frei – das sind Worte, die einen groĂen Frieden ausstrahlen. Deshalb fasziniert mich der sogenannte Minimalismus. Als ich vor gut zwei Jahren anfing, mich damit zu beschĂ€ftigen, bin ich auf eine groĂe Community gestoĂen, die einen fast endlosen Stream von Content produziert. YouTube-Channels, Blogs, Artikel – und ich bin eine dankbare Konsumentin. Ich kann mir stundenlang YouTube-Videos anschauen, in denen Menschen davon erzĂ€hlen, wie sie den GroĂteil ihres Besitzes einfach losgelassen haben.
Dieses freiwillige Grenzen-Setzen hat eine unheimlich beruhigende Wirkung auf mich, selbst wenn ich nur von auĂen zuschaue. Ich glaube, mich fasziniert daran das Radikale. Ich bewundere Menschen, die ihr schönes, komfortables, weitrĂ€umiges Leben aufbrechen und infrage stellen. Aber auch, wenn man nicht sofort in ein Tiny House zieht, ist es doch ganz normal, irgendwann an einen Punkt zu kommen, an dem man nachkorrigiert. Mal ĂŒberlegt, ob das alles noch so passt. Und sich aus der einen oder anderen Fessel befreit, wenn es nicht so ist.
FrĂŒher rĂŒmpften die Nachbarn dann die Nase und tuschelten, jemand habe wohl eine Midlife-Crisis.
Aber heute ist die Suche nach einem eigenen Weg, einem individuellen Lebensentwurf fĂŒr sich und die, die man liebt, kein Grund mehr zum NaserĂŒmpfen. Sondern realistisch, klug und cool geworden. Die Sinnsuche ist heute fast schon eher die Regel als die Ausnahme. Und das ist sehr gut so.
Minimalismus ist sicher nicht fĂŒr jeden das Richtige, hat aber dennoch eine riesige Fanbase. Wer sich damit beschĂ€ftigen möchte, mit weniger Besitz besser zu leben, findet auf YouTube eine unfassbare Menge an Content. Zu meinen Lieblingschannels gehören zum Beispiel Heal Your Living (sie lebt raw-vegan und möbelfrei), der Style-Vlog A Small Wardrobe (eine australische Mode-Bloggerin, die weniger als 20 KleidungsstĂŒcke besitzt und ihre Garderobe extrem bedacht auswĂ€hlt) oder auch diverse Micro-Apartment-Channels wie der von Kirsten Dirksen, in dem Menschen weltweit zeigen, wie sie auf wirklich sehr wenigen Quadratmetern (oft unter 20, manchmal nur um die 10) ein gemĂŒtliches Zuhause geschaffen haben.
Als ich 2019 damit anfing, mich mit Minimalismus zu beschĂ€ftigen, habe ich auch selbst Marie-Kondo-t, was das Zeug hĂ€lt (eine Ăbersicht aller Blog-Artikel ĂŒber meine Kon-Marie-Erfahrungen gibt es hier). Vor allem habe ich BĂŒcher aussortiert (= verkauft, verschenkt und entsorgt) und auĂerdem meinen Kleiderschrank radikal reduziert. Bei der Kleidung durfte nur bleiben, was ich wirklich regelmĂ€Ăig trage. Alles andere, zum Teil FehlkĂ€ufe, an denen sogar noch das Preisschild hing, wurde in Kisten gepackt und im Keller verstaut. Nun sind die Kisten mit umgezogen und nehmen im neuen, viel kleineren Keller wertvollen Platz weg. In naher Zukunft muss ich mich mal damit auseinandersetzen, was mit den Sachen passieren soll. Aber eigentlich ist es fast schon klar. Denn das wenigste habe ich in den vergangenen zwei Jahren vermisst.

Doch gerade merke ich, dass sich etwas verÀndert. In den letzten Wochen ertappe ich mich dabei, dass ich unheimlich viel in Online-Shops nach Klamotten stöbere. Ich kaufe nicht viel, noch nicht, aber ich frage mich:
Ist das das ĂŒbliche Sehnen nach einer neuen FrĂŒhlingsgarderobe? Oder ist es mehr?
Ich erinnere mich noch genau daran, warum ich mich damals danach sehnte, mein Leben auszumisten: Die Welt ĂŒberforderte mich. Alles um mich herum war zu laut, zu schnell, die Gesellschaft verlangte, dass alles immer noch schicker, noch teurer, noch ausgeflippter sein musste, um Beachtung zu finden. Klamottenmarken suggerierten, man brauche praktisch jede Woche neue Kleidung, um im Trend zu liegen. Jeder und jede reiste zwölf Monate im Jahr durch die Welt und postete wundervoll-Ă€sthetische Bilder auf Insta. Alles war möglich, jederzeit, immer. Wachstum war alles, der Planet konnte sich kaum noch schneller drehen, die Welt kaum noch gröĂer werden. Zu viele Reize, alles war zu laut, zu ĂŒberstrahlt, zu hektisch. Mag sein, dass es Leute gibt, denen das gefĂ€llt. Aber fĂŒr hypersensible Menschen wie mich ist das kein schönes GefĂŒhl. Wenn man sich von Ă€uĂeren Reizen schnell ĂŒberfordert fĂŒhlt, ist diese Disney-World-Times-Square-Welt nicht leicht zu ertragen.
Deshalb habe ich, genau wie viele andere Menschen, das BedĂŒrfnis, mein Leben wenigstens in den wenigen Bereichen, die ich komplett selbst beeinflussen kann, still zu gestalten. Langsamer zu leben. FĂŒr mich fĂŒhlt sich das so ein bisschen an, wie die TĂŒr zuzumachen. In meinen eigenen vier WĂ€nden (oder in meinem eigenen Körper) kann ich die Stille hegen. Ich meditiere. Ich umgebe mich mit sehr reduzierten Farben, um keine zusĂ€tzlichen, fĂŒr mich sinnlosen Reize zu schaffen. Ich ĂŒberlege genau, was ich esse und trinke, welche Filme ich anschaue und welche GegenstĂ€nde ich in meine SchrĂ€nke stelle. WĂ€hrend drauĂen die Welt in MaĂlosigkeit versinkt, mache ich mir drinnen meine eigenen Regeln. Das beruhigt.
Aber …
Jetzt ist etwas passiert, das nicht absehbar war. Die Pandemie hat die Spielregeln, zumindest vorĂŒbergehend, maĂgeblich geĂ€ndert. Die Erde dreht sich wieder langsamer, die Welt ist plötzlich wieder kleiner geworden. Reize fehlen. Und wir ZurĂŒckgezogenen spĂ€hen aus unseren Verstecken und fragen uns: Wenn die Welt insgesamt ruhiger ist, können wir es wohl wagen, die LautstĂ€rkte in uns wieder etwas hochzudrehen? Hier und da mal einen Reiz von auĂen zuzulassen? Damit es nicht zu still wird?

Nun, ich glaube, dass die Welt nach Ende der Pandemie ziemlich schnell wieder in ihre alten, lauten, hektischen Muster zurĂŒckfallen wird. Deshalb werden Bewegungen wie der Minimalismus auch kĂŒnftig dringend gebraucht. Aber vielleicht können wir ja etwas aus dem lernen, was wir erlebt haben. Etwas, das bleibt. Wie zum Beispiel, dass die Welt nichts von ihrer Schönheit verliert, wenn es ruhiger wird. Das wĂ€re wahr und gut.
Ich wĂŒrde mir wĂŒnschen, dass nach der Pandemie eine Art Post-Minimalismus anbricht. Eine Zeit, in der Verzicht keine Reaktion mehr auf ein Ăberangebot ist, sondern eine klug getroffene Lebensentscheidung. Was denkt Ihr, kann das gelingen?





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