Südafrikanische Menschen sind schön. Das ist mit das Erste, das auffällt, wenn man in Kapstadt oder anderswo landet. Wie überall gibt es sie in allen Größen, Formen und Farben, aber was viele eint und was sie so schön macht, ist ein ganz besonderes Lächeln. Breit, strahlend – als ob eine Lampe angehen und das Gesicht von innen heraus erleuchten würde. Das liebe ich, dieses Lächeln ist das allerschönste Accessoire, das man tragen kann und ein nicht unwesentlicher Teil, warum mich dieses Land so magisch anzieht.
Wenn das Lächeln da ist, ist der Rest fast schon egal. Könnte man meinen. Aber nein, gerade südafrikanische Frauen sind weltmeisterlich darin, sich zu kleiden. In wunderschönen intensiven Farben, aber auch mit Schnitten, die ihre Kurven betonen. Und das ist mitunter atemberaubend.
Ich lerne hier so viel über Schönheit, ich könnte von morgens bis abends darüber schreiben. Denn Schönheit ist ein Mindset, das mir, fürchte ich, daheim irgendwie abhanden gekommen ist. Sie hat ganz viel mit Selbstvertrauen zu tun, mit der Lust, auch unperfekte Stellen schön zu verhüllen und sich strahlend gut damit zu fühlen. Wie das gelingt, konnte ich wieder am Wochenende beim Franschhoek Champagne Festival beobachten. Frauen, so unterschiedlich wie Gott uns alle geschaffen hat, in wunderschönen, bunten, extrovertierten Blumenkleidern (der Dresscode war Flower), mit Busen, Popo, Bäuchen, die alles andere als perfekt waren und deshalb umso mehr Ausstrahlung hatten. Fotografiert werden ist bei solchen Events ganz wunderbar normal und alle Frauen auf den Bildern haben ihr Einverständnis gegeben, deshalb zeige ich Euch hier ein paar Fotos:





Geballte Schönheit, geballte Freude, geballtes Selbstbewusstsein. Wer einen großen Busen hat, trägt tief ausgeschnitten, wer einen tollen Popo hat, dreht sich um und lässt sich in der Rückenansicht fotografieren. Wer Dellen an den Oberarmen hat, versteckt sie nicht schamhaft unter Ärmeln. Und alle, wirklich alle machen sich gegenseitig Komplimente, die Luft vibriert von einem positiven Vibe, so dass auch ich mich traue, zu einer Wildfremden im Vorbeigehen zu sagen: „You look stunning!“ Beim Anschauen der tollen Leute ist mir einmal mehr bewusst geworden, dass auch ich ein weibliches Schönheitsideal habe – aber dass es gar nicht dem entspricht, was ich von mir selbst mit meinen endlosen Diäten und ewigen Körperbildverzerrungen erwarte. Nein, ich finde mollige Frauen schön. Übrigens nicht nur in Südafrika, auch daheim. Letztens habe ich eine Bekannte wiedergetroffen, die ich länger nicht gesehen hatte und die, wie sie mir erzählte, in der Zwischenzeit ein paar Kilo zugenommen hat. Als ich sie umarmt habe, dachte ich bei mir, wie toll sich das anfühlt, jemanden im Arm zu halten, der so wunderschön weich und weiblich ist. Wenn ich Frauen lieben würde, würde ich mir ganz sicher eine mollige Frau wünschen, ich kann jeden Menschen verstehen, dem es genauso geht. :)
Warum also gelingt mir dieses Mindset bei mir selbst nicht?
Ich habe ja schon früher an der einen oder anderen Stelle davon erzählt, dass meine paar Extrakilos mich zutiefst deprimieren, vor allem der Speck am Bauch und an den Oberarmen. Der Kampf gegen meine Kilos war schon immer schwer für mich, weil sie sehr hartnäckig sind, erst recht seit meiner Schilddrüsen-OP. Am liebsten kaschiere ich meinen Körper, meine Rundungen, Kleidung macht mir fast gar keinen Spaß, also zumindest nicht im Alltag. Da drückt immer irgendwas und Klamotten sind eine Notwendigkeit, keine Klaviatur, auf der ich spielen möchte. Im Sommer geht es noch und besonders gut gelingt es mir bei formellen Events, da macht mir das Schön-Anziehen Spaß. Aber im Alltag und dann auch noch im Winter fühle ich mich oft überhaupt nicht wohl in meinen Sachen. Und ja, als mollige Frau bekomme ich in Deutschland auch von ganz vielen Seiten gespiegelt, ich sei nicht in Ordnung so und müsse meinen Körper endlich optimieren. Endlich diese paar Extrakilos loswerden. Endlich richtig werden, damit ich in die Klamotten passe, die mir im Laden angeboten werden. Und nicht umgekehrt.
Ich fühle mich nicht repräsentiert!
Eine kurze Internetrecherche ergibt, dass laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2024 die durchschnittliche Damenkonfektionsgröße in Deutschland 42 bis 44 ist. Ich trage Größe 44 – aber ich fühle mich überhaupt nicht repräsentiert damit. Meistens passen mir die Sachen in der Durchschnittsabteilung nicht und ich muss gleich bei den Übergrößen schauen. Warum ist das so? Warum wird mir im Laden das Gefühl gegeben, ich gehöre zu einer Minderheit, die sich gefälligst schämen soll und deshalb ganz hinten im dunklen Teil des Ladens versteckt werden muss, während ich eigentlich die Durchschnittsfrau repräsentiere?
Ich verstehe das nicht – weil es unfair ist, aber auch unklug, denn wir Durchschnittsfrauen haben Kaufkraft und Lust, uns gut zu fühlen beim Shoppen. Online-Modemarken wie Bonprix, meine geliebte Strumpfhosenmarke Snag Tights und viele andere haben längst erkannt, dass es viel mehr Sinn macht, inklusiv zu denken und das gleiche Kleidungsstück von sehr klein bis sehr groß anzubieten, statt getrennte Sortimente, die ausgrenzen und in Schubladen einsortieren, die gesellschaftlich als eher unschön definiert werden. Da möchte ich explizit auch all die einschließen, die eben gar nicht viele Kilos haben und sich vielleicht nicht kurvig oder weiblich „genug“ fühlen. Auch sie sollen bitte endlich als richtig anerkannt werden. Und ich möchte auch Männer einschließen in diesen Gedanken – denn Mannomann, der Körperdruck ist auch für sie enorm. Seitdem ich letztens mit meinem Freund für eine Hochzeit einkaufen war, weiß ich, dass auch Männer im Geschäft das deprimierende Gefühl vermittelt bekommen, nicht richtig zu sein so wie sie sind, weil bei Hemden und Hosen von der Stange genau ihre Körperform nicht mitgedacht wurde. Wir alle sind gemeint, jede Art von Körper. Ist es denn so schwer, Kleidung für echte Menschen in ihrer wunderschönen Unterschiedlichkeit zu machen?
Nicht hier in Südafrika, da ist das nicht schwer. Hier bin ich mit Größe 44 einfach eine willkommene Kundin, die auch noch ein breites Lächeln bekommt. Die Sachen sind anders geschnitten, Busen und Bäuche und Popos werden hier mitgedacht beim Design, denn sie gehören halt nun einmal zum Körper dazu. Und ich fühle mich sauwohl, wenn ich ein Kleidungsstück in M anprobiere und es mir passt und ich mich im Spiegel in der Umkleidekabine bewundere, statt gleich darüber nachzudenken, dass das Abendessen besser ausfallen sollte.
Ihr Lieben, mir bleibt nur ein Schluss: Deutschland hat ein toxisches Körperbild. Wie ändern wir das endlich?





Hinterlasse einen Kommentar