#health: Was sich in einem Jahr ohne Schilddrüse bei mir geändert hat

6. Februar – heute vor genau einem Jahr wurde mir im Bürgerhospital in Frankfurt die Schilddrüse entfernt. So wirklich wussten das nur meine Familie, meine engsten Freunde und natürlich die damaligen Kollegen, denn ich wollte so etwas Persönliches nicht unbedingt an die große Glocke hängen. Und erst recht nicht in Social Media breittreten. Allerdings wissen es mittlerweile fast alle, die mit mir regelmäßig persönlichen Kontakt haben, denn seit dem Tag trage ich eine dünne, rötliche, erst langsam verblassende und ungefähr drei Zentimeter lange Narbe mitten auf meinem weißen Hals.

Der Aufenthalt im Krankenhaus war bemerkenswert kurz für so eine lebensverändernde Operation. Ich ging am Vorabend rein, am OP-Tag selbst war ich gleich morgens um sieben die Erste. Von meiner kranken Schilddrüse blieb nichts übrig – wie komplett sie herausgetrennt wurde und wie absolut perfekt sie direkt nach der OP erhalten war, konnte ich später auf einem Foto sehen, das im Bürger wohl zum Standard-Service gehört. Man sagt immer, die Schilddrüse würde aussehen wie ein Schmetterling. Mich hat sie eher an ein Cordon bleu erinnert. :) Trotzdem habe ich lieber einen Schmetterling als ein Cordon bleu gemalt, um diesen Blogtext zu bebildern.

IMG-20190205-WA0003.jpgDashier ist kein medizinischer Artikel. Ich bin keine Ärztin und kann nicht über die Notwendigkeit vom kompletten Schilddrüsen-Operationen urteilen. Ich kann auch nur subjektive Ratschläge geben und von meinen persönlichen Erfahrungen berichten. Das mache ich auch echt gerne, zum Beispiel in Foren, in denen präoperative Schilddrüsenpatienten sich sorgen, wie es ihnen danach wohl gehen wird. Mir hat damals eine liebe Kollegin sehr geholfen, die Jahre zuvor die gleiche OP hatte, und ich empfinde es als meine Pflicht, ihrem Beispiel zu folgen, andere zu trösten und ihnen Mut zu machen.

Ich muss ehrlich sagen, für mich war die OP im wahrsten Sinne ein Einschnitt. Aber im besten Sinne, mir geht es so viel besser als vorher. Zur Feier des Tages habe ich für Euch fünf Dinge aufgeschrieben, die seit meiner Schilddrüsen-Entfernung passiert sind und die mich überrascht haben. Vielleicht kennen das ja auch andere Betroffene aus eigener Erfahrung.

1. Jemand hat den Ton ausgeschaltet

Meine Erkrankung wurde im Frühjahr 2016 diagnostiziert. Vorher hatte ich keinen Namen dafür, dass mir permanent unfassbar heiß war und ich übertrieben schnell ins Schwitzen kam. Ich wusste nicht, warum ich nachts oft nicht einschlafen konnte, obwohl ich total erschöpft war, und warum ich an freien Tagen oder im Urlaub so überhaupt keine Ruhe fand. Und ich hatte vor allem keine Ahnung, warum es sich anfühlte, als ob alles viel zu laut, viel zu hektisch sei. Als ich nach der OP aus der Narkose aufwachte, erwischte es mich wie ein Schlag: Ich war innerlich plötzlich so ruhig! Ich kann das kaum beschreiben – es fühlte und fühlt sich noch immer so an, als ob irgendjemand in meinem Leben plötzlich einfach den Ton ausgeschaltet hätte. Nach jahrelangem Dauerdröhnen eine große, wunderbare Erleichterung.

2. Ich musste den Ton selbst langsam wieder hochdrehen

Nach der ersten Begeisterung habe ich eine Phase der leisen Enttäuschung durchgemacht. Denn ich hatte mich über Jahre daran gewöhnt, alles extrem zu empfinden, intensive Freude, intensive Traurigkeit, intensive Unsicherheit, einfach alles übersteigert. Plötzlich wirkte mein ganzes Fühlen sehr zahm – für mich ein ungewohntes Level. Vor allem spürte ich, dass es in meinen zwischenmenschlichen Beziehungen in der Zeit direkt nach der OP plötzlich knirschte. Denn alle um mich herum hatten sich  natürlich ebenfalls daran gewöhnt, wie ich vorher war – und in manchen Beziehungen stimmte die Chemie nicht mehr. Das musste ich gemeinsam mit meinem Umfeld nach und nach neu austarieren und feinjustieren. Außerdem war ich meinen Gesprächspartnern früher emotional immer sehr nah, egal ob Freundin, Familie oder Fremden, die ich für die Zeitung interviewte. Auch das veränderte sich schlagartig, ist aber mittlerweile glücklicherweise zum Teil zurückgekehrt.

3. Ich musste mich selbst erstmal kennenlernen

Wer bin ich überhaupt? Bin ich wirklich ein nervöser, überdrehter Mensch – oder war das die Krankheit? Bin ich eine geborene Journalistin – oder war das nur die Krankheit, die mich so outgoing hat sein lassen? In den Monaten nach der OP habe ich vieles hinterfragt und auch einige sehr interessante Antworten erhalten. Die OP lag mitten in meiner Lesetour für glueckskind, ich hatte direkt davor schon zwei Lesungen (Kelkheim und Schwalbach) gehalten und für die Zeit danach schon jede Menge weitere Termine zugesagt. Doch ehrlich gesagt merkte ich nach der OP, dass ich nicht auf die Bühne will. Meine erste post-operative Lesung in Frankfurt im März fühlte sich mehr als ungewohnt an, als ob ich in eine Jacke schlüpfen würde, die mir zu eng geworden ist. Nach längerem Nachdenken entschied ich, dass ich die restlichen Lesungen machen würde – aber keine neuen vereinbaren möchte. Zum Glück habe ich mit Micha einen wundervollen Bühnenpartner, der mir die Sache ohne es zu wissen sehr, sehr erleichtert hat. Alleine wäre es sicher um ein Vielfaches schlimmer gewesen, das durchzuziehen.

4. Ich habe zugenommen

Apropos zu enge Jacke … Fünf Kilo habe ich seit dem Tag meiner OP zugenommen. Schaut man in Schilddrüsenforen, stellt man schnell fest, dass das eher im unteren Bereich dessen liegt, was andere Menschen nach der Schilddrüsen-Entfernung so zulegen. Meine frühere Endokrinologin meinte, das könne damit nichts zu tun haben. Das sehe ich anders.

5. Ich habe Konsequenzen gezogen

Also habe ich die Endokrinologin gewechselt. Überhaupt habe ich mein Leben ziemlich radikal umgestellt seit meiner OP. Es ist, als ob ich plötzlich sehr klar sehen würde. Ich habe mir eingestanden, dass mein stressiger und aufgrund von menschlichen Unwuchten sehr fordernder Job mich nicht glücklich macht – also habe ich ihn gekündigt und einen neuen gefunden. Ich habe Menschen aus meinem Leben geschmissen, man muss es wirklich so sagen. Menschen, die mich ausgenutzt haben und die mir nicht gut taten. Das gab an manchen Stellen ganz schön Drama, aber so ist das halt, lieber ein Ende mit Schrecken und so. Das radikale Ausmisten ist eine weitere Konsequenz, die sich für mich aus dem Klarsehen ergeben hat, ebenso wie die Tatsache, dass ich bei einer Ernährungsberaterin war, die mir hilft, mich zurück zu meiner alten Figur zu kämpfen.

Der Jahrestag meiner Schilddrüsen-OP ist für mich ein Feiertag, denn ich kann seitdem normal leben. Und ich werde heute Abend darauf anstoßen. Bestimmt ist eine komplette Entfernung nicht für jeden das Richtige, aber ich bin sehr froh, dass ich mich auf den Rat meiner Ärzte verlassen habe – und fühlte mich im Frankfurter Bürgerhospital sehr gut aufgehoben. Wer selbst in der Situation ist und sich darüber austauschen möchte, kann mich gerne direkt kontaktieren: anne.zegelman(at)web.de.

 

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