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#seele: Sich riskieren

Vor vielen Jahren, wenige Monate, bevor ich Björn kennenlernte, ist meine damalige Beziehung zerbrochen. Damals hatte ich ganz, ganz üblen Liebeskummer und schrieb darüber ein Gedicht, das ich „Blu Tack“ nannte. Ich lebte damals in England und dort gab es diesen Klebstoff namens Blu Tack, das ist so ein kaugummiartiges blaues und sehr klebriges Plastikzeug, das man in England gerne benutzt, um Dinge quick and dirty festzukleben. Damals, in meinem Liebeskummer, stellte ich mir vor, dass ich damit auch mein zerbrochenes Herz wieder zusammenfügen könnte, quick and dirty, sehr grob, die Brüche überdeutlich sichtbar. Nicht Kintsugi, nicht mit feinstem Gold die Bruchstellen akzentuieren. Sondern so richtig räudig und eklig zusammenpampen, überall steht blauer Kleber raus, alles ist schief und krumm, kein Vergleich mehr zu vorher, nie mehr – und am Blu Tack kleben Haare und Fussel, Fliegen, alles mögliche.

Leider finde ich das Gedicht nicht mehr, ich weiß nur noch, dass es anfing mit den Worten „This f*cking weather suits my mind“. Heute Morgen, als es regnete und ich dem Schneegriesel zuhörte, der aufs Dachfenster fiel, ist mir diese Zeile wieder eingefallen. Und der Gedanke mit dem Blu Tack. Denn gerade könnte ich es wieder gebrauchen, um einen ziemlich tiefen Riss in meinem Herzen zusammenkleben. Auch sichtbar. Es gibt Risse, die will man möglichst verstecken, und dann gibt es welche, die einen verändert haben und die man, obwohl es schmerzhaft ist, gerne tragen möchte. Wie eine Narbe. Um sich daran zu erinnern, dass es da etwas gab, das so wertvoll war, dass es f*cking weh getan hat, als es zerbrochen ist.

Eine Freundschaft. Einige Jahre eine fröhlich-leichte Bereicherung, zuletzt etwas, das mir ernsthaft wichtig geworden ist und das ich tief im Herzen getragen habe. Und das jetzt nicht mehr im Herzen getragen sein möchte.

Das zu respektieren tut weh. Denn so liebe ich nicht. Meine Freunde, mein Partner, meine Familie – das sind unzerbrechbare Bindungen. Es ist fast egal, was passiert, es ist fast egal, was mir jemand antut, ich bleibe. So lange, bis es wirklich wirklich wirklich nicht mehr anders geht. Das ist meine Art zu lieben. Wahrscheinlich bin ich in dieser Hinsicht ein Resultat davon, dass mein Vater uns verlassen hat, als ich ein Kind war. Das ist alles so lange her, doch es hat mich geprägt. Mir ist schon klar, dass mein Anspruch an Freundschaf, an Liebe gefährlich hoch ist, vor allem gefährlich hoch für mich, und dass ich vieles, das ich bereitwillig aushalte, nicht aushalten müsste. Aber so war es schon immer. Wen ich liebe, will ich in meinem Leben, egal um welchen Preis.

Björn und andere Vertraute, die mir beim Leben zuschauen, sagen, ich lasse Menschen zu nah an mich heran. Darüber denke ich heute nach. Es stimmt, wenn ich jemanden an mich lasse, dann bis ins Blut. Aber wie ginge das anders? Damit es mir auch etwas bedeutet, muss es tief sein. Und ich will, dass es etwas bedeutet, immer.

Das Bistum Limburg, für das ich arbeite, erfindet sich gerade in vielen Teilen neu – und ein Take, um das Why zu fassen, war mal der Satz: „Wir riskieren uns“. Diesen Satz habe ich sofort gefühlt. Denn das ist es, was ich auch tue, ich riskiere mich. Ich schleudere mein Herz offen in die Welt und vertraue darauf, dass die, die es auffangen, verantwortungsvoll damit umgehen werden. Ich tue das nicht dauernd, aber wenn ich es tue, dann so, nur so. Meist täuscht mich meine Menschenkenntnis nicht und mein Herz wird gut verwahrt. Aber natürlich nicht immer. Wenn ich verletzt werde, zurückgewiesen werde, stumm geschaltet werde wie jetzt, dann geht das tief, geht es bis ins Blut.

Am Ende des Jahres werde ich 42. Und natürlich habe ich mittlerweile viele Risse im Herzen. Aber ich werde mich wieder riskieren. Denn am Ende ist mir ein gerissenes, mit Blu Tack geklebtes Herz richtiger als ein taubes. I’m a lover, not a fighter.

2 Antworten zu „#seele: Sich riskieren“

  1. Hallo du Liebe, und genauso bist du richtig. Fight with love ♡ und bleib so. Ganz liebe Weihnachtsgrüße!

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Über dezembra

Anne: Frau, über 40, Redakteurin, Buchautorin, kinderlos und verliebt ins Leben, bloggt über Zwischenmenschliches und Psychosoziales, über Frauenthemen und Arbeitsdinge, übers Reisen und das Leben ohne Schilddrüse.

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