// dezembra.blog

#lyrik: Selbstportrait

Wenn ich mich selbst
hätte bauen können
würde ich vermutlich anders
aussehen.

Ich wäre größer, schlanker,
meine Nase wäre schmaler und
meine Haare nicht so zauselig.

Ich hätte meine Stimme heller gewählt
und meine Wangen nicht ganz so rosig
und mein linkes Auge nicht dauerentzündet.

Ich hätte meine Schilddrüse gesund gewählt
und meine Waden so, dass sie in Stiefel passen.
Weniger Sommersprossen und Leberflecke,
stattdessen glatte Haut, na klar.

Wenn ich mich selbst
hätte bauen können
wäre ich vermutlich
selbstbewusster.

Ich würde nicht alles
so zerdenken, stattdessen
ruhig überdenken.

Ich würde nicht so viel
Wert auf das geben, was
andere Menschen von mir denken

und selbstbewusster zu dem
stehen, was ich will.
Schön wär’s, wenn ich anders wäre.

Aber dann wäre ich doch nicht
die Meine.

(Anne Zegelman)

2 Antworten zu „#lyrik: Selbstportrait“

  1. Ich lese gerade die letzten zwei Zeilen des Gedichts und finde, dass sie alles aussagen:
    wenn wir uns selbst erschaffen würden, um so zu sein, wie wir sein wollen, dann ist das ja Perfektion. Aber wenn wir alle perfekt wären, so gäbe es ja nichts mehr, auf das wir uns freuen könnten. Ich denke, dass wie eine gewisse Inperfektion brauchen, um lebenswert zu leben.
    Viele Grüße

  2. Ich denke, die letzten zwei Zeilen fassen alles sehr gut zusammen. Ich denke, wenn wir uns so formen würden, wie wir sein wollen, dann wäre das Perfektion. Aber ich denke, dass ohne eine gewisse Inperfektion nichts mehr interessant wird.

Hinterlasse eine Antwort zu Jona Lenze Antwort abbrechen

Über dezembra

Anne: Frau, über 40, Redakteurin, Buchautorin, kinderlos und verliebt ins Leben, bloggt über Zwischenmenschliches und Psychosoziales, über Frauenthemen und Arbeitsdinge, übers Reisen und das Leben ohne Schilddrüse.

dezembra.BLOG DURCHSUCHEN