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#hochsensibilität: Die Freiheit der anderen

Was sind Eure Konsumwünsche für 2026? Ich spare gerade auf einen Kühlschrank, so ein schönes Model im Retro-Look, das nicht nur kühlt, sondern auch toll aussieht in meiner Einzimmerwohnung. Deshalb habe ich nicht lange überlegt, als ich das Angebot bekam, für eine attraktive Bezahlung an einer Haarfärbestudie teilzunehmen. Denn damit rückt der Kühlschrank ein ganzes Stück näher.

Mitte dieser Woche war es soweit, ich nahm mir einen Tag Überstundenfrei und fuhr zum Hauptsitz einer großen Haarpflege-Marke, nicht weit von mir entfernt. Vier Stunden sollte das Ganze dauern, in dieser Zeit würden mir die Haare im Testsalon mit einer neuartigen natürlichen Haarfarbe getönt werden; anschließend sollten Experten das Ergebnis begutachten.

Ich kam also dort an, wurde am Empfang abgeholt, nach oben in den Salon gebracht, mir wurde ein Stuhl zugewiesen und ich lernte die anderen Testteilnehmerinnen kennen, die alle das gleiche kühle Braun wie ich erhalten sollten. Die Friseurin, die mir zugewiesen war, rührte die Farbe an und begann, sie aufzutragen. Und dann passierte es: Der Friseur, der die Teilnehmerin mir gegenüber färben sollte, startete seine Lieblingsplaylist auf dem Handy. In einer ohrenbetäubenden Lautstärke. In scheppernder Handy-Qualität. Brüllende 90er Jahre Partysongs. Und teilte seiner Testerin mit: „Ohne Musik kann ich einfach nicht arbeiten. Ich liebe die Musik der 90er.“

Und ich? Saß da und wollte mich am liebsten in Luft auflösen. Ich bin ja so empfindlich, was Geräusche betrifft, dass ich im Flugzeug den kompletten Flug hindurch Noise-Cancelling-Kopfhörer tragen muss. Natürlich mag auch ich hin und wieder Musik, aber nur in der richtigen Stimmung, nur bestimmte Arten von Musik, in einer Lautstärke, die mir nicht in den Ohren weh tut. Die Aussicht, vier Stunden dort sitzen und diesen schrecklichen Lärm ertragen zu müssen, war fast zu viel für mich.

Aber was sollte ich machen? Der halbe Kopf war bereits mit Farbe eingepinselt, eine Flucht also unmöglich. Und auch, den Friseur anzusprechen, einen aufgedrehten jungen Briten, traute ich mich nicht, denn er unterhielt sich bestens gelaunt mit seiner Testerin, erzählte von seiner bevorstehenden Hochzeit in der Karibik – und beide tauschten sich über ihren musikalischen Lieblingskrach der 90er Jahre aus. Auch drumherum schien es niemanden zu stören, erstaunlicherweise.

Ich wog also ab, ob ich etwas sagen sollte oder ob ich es aushalten würde. Und ich beschloss, es auszuhalten. Warum? Verstehe ich selbst nicht, denn normalerweise stehe ich für mich ein, wenn ich an eine Grenze komme. Aber ich war so überwältigt in diesem Testsalon, von den fremden Menschen, der Berührung meiner Kopfhaut durch die Friseurin, den grellen Lichtern über mir, dem Geruch der Haarfarbe, der Musik eben, dass ich einfach nicht die Kraft finden konnte, mich zu wehren. Das ist mir schon lange nicht mehr passiert. Ich versuchte also, meinen Kopf leer zu machen, Akzeptanz in mir zu finden, vielleicht irgendwo noch die entfernte Erinnerung an entspannende Walgesänge – und die Zeit vorbeiziehen zu lassen, ohne über die Situation zu urteilen. Alles Dinge, die man in der Meditation übt und lernt – und die in Alltagssituationen retten können.

Jetzt interessiert euch vielleicht, ob ich den Lärm wirklich vier Stunden aushalten musste. Zum Glück nur phasenweise. Das Auftragen der Farbe dauerte etwa eine halbe Stunde, so lange lief die Musik. Doch weil er sie über sein Handy abspielte und die Farbe ja anschließend einwirken musste, nahm er das Handy mit in den Pausenraum und spielte seine scheußliche Musik dort weiter. Wir saßen – zumindest für die 30 Minuten des Einwirkens – in wunderbarer Stille und beschäftigten uns jede mit ihren Mails oder Social Media. Später kam er nochmal wieder, allerdings immer nur punktuell für zehn, 15 Minuten. Aber es war echt der Wahnsinn, wohin dieser Mann ging, nahm er seinen Lärm mit. So könnte ich nicht leben. Und erst recht würde ich so jemanden nicht heiraten. Schön, dass es den künftigen Ehemenschen an seiner Seite offenbar nicht stört.

Ich muss sagen, das hat mir einmal mehr gezeigt, dass jede und jeder anders ist. Der Friseur hat das ganz sicher nicht gemacht, um mich zu quälen, er nahm einfach an, dass alle im Raum sich über die Musik freuen und seinen Geschmack teilen würden. Ein bisschen naiv, aber nicht bösartig. Trotzdem war es eine Fehleinschätzung. Wir müssen uns mehr bewusst machen, dass Präferenzen unterschiedlich sind und jeder sich so durchs Leben bewegen sollte, dass er keinen anderen stört. Denn schon Immanuel Kant wusste: „Freiheit endet dort, wo das Recht des anderen beginnt.“ Und vielleicht auch die Sensibilität des anderen.

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Über dezembra

Anne: Frau, über 40, Redakteurin, Buchautorin, kinderlos und verliebt ins Leben, bloggt über Zwischenmenschliches und Psychosoziales, über Frauenthemen und Arbeitsdinge, übers Reisen und das Leben ohne Schilddrüse.

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