Psyche // mannheim oder: der wert

In der vergangenen Woche habe ich einen gebrauchten Artikel auf Kleinanzeigen inseriert, für den ich selbst keine Verwendung mehr hatte. Ich schrieb in der Anzeige, dass er deutliche Gebrauchsspuren hatte. Ich bekam verschiedene Zuschriften – und eine Frau machte mir ein gutes Angebot, höher als die vorherigen Interessenten. Sie hatte auch kaum Rückfragen zum Inserat. Erfreut nahm ich an und sagte ihr zu, dass sie ihren Kauf am Sonntag abholen könne. Das sei schön, schrieb sie zurück. Aber bei der Uhrzeit solle ich ihr bitte eine Viertelstunde Spielraum geben, weil sie aus Mannheim zu mir gefahren kommen und nicht genau sagen könne, wie sie durchkommen würde.

Mannheim, das sind von mir aus gut 100 Kilometer und etwas mehr als eine Stunde Fahrt. Lustigerweise hatte ich selbst vor, an diesem Wochenende mit Freundinnen nach Mannheim zu fahren, und zwar einen Tag, bevor sie zu mir kommen wollte. Mein erster Impuls war deshalb natürlich, ihr anzubieten, ihr den Kauf vorbeizubringen. Das wäre doch gut für alle, nicht wahr? Sie könnte sich den Weg, die Kilometer und das Benzin sparen, die Umwelt müsste weniger Abgase verkraften, eine richtig gute Lösung für alle. Ich war schon am Tippen.

Doch dann hielt ich inne. Würde das nicht zusätzlichen Stress für mich bedeuten, den schweren Gegenstand die Treppe heruntertragen, ins Auto verfrachten, nach Mannheim fahren und zu einer bestimmten Zeit bei einer Adresse abliefern zu müssen? Der Tag selbst war bereits ziemlich durchgetaktet, und ich wollte ja vor allem Zeit mit meinen Freundinnen verbringen. Momentan übe ich, ein bisschen mehr auf das zu hören, was für mich gut ist und was mich zu stark fordert. Und hier klingelte ein kleines Alarmglöckchen in meinem Kopf. Ich kannte ja diese fremde Frau gar nicht. Musste ich ihr dann wirklich diesen Dienst erweisen?

Außerdem … würde es nicht den Wert des Kaufs für sie schmälern, wenn er bis zur Haustür geliefert werden würde? Wäre es möglich, dass sie ihn gar mit anderen Augen sehen würde, wenn sie sich nicht dafür ins Auto setzen und 100 Kilometer fahren müsste? Der Preis, den sie mir angeboten hatte, war gut und lag 20 Euro über den anderen Angeboten, die ich bekommen hatte. Was, wenn sie am Ende doch nicht so begeistert davon war – würde sie mich in Mannheim mit meinem Artikel wegschicken, statt ihn mir abzukaufen?

Ich grübelte. Wenn sie erst einmal 100 Kilometer gefahren war, war es unwahrscheinlich, dass sie unverrichteter Dinge wieder umdrehen würde. Das war ein starker psychologischer Faktor in dem Ganzen. Plus mein Tag in Mannheim wäre deutlich entspannter ohne Kleinanzeigen-Verkauf.

Ich entschied mich dafür, sie kommen zu lassen. Und ich muss sagen, es stellte sich als gut heraus. Denn als sie an dem Sonntag kam, warf sie einen kritischen Blick auf meinen Artikel, sagte, sie hätte gehofft, er wäre größer und etwas besser in Schuss. Doch dann nahm sie ihn trotzdem. Meine Rechnung war aufgegangen. Sie hatte schon die Zeit und die Fahrt investiert und das sollte nicht umsonst gewesen sein. Und sie verhandelte nicht mal nach, das freute mich besonders. Sie schien auch nicht das Bedürfnis zu haben, weniger dafür zu bezahlen. Sie hatte investiert, um einen wertigen Artikel abzuholen. Und dieses Invest erhielt für sie den Wert, den sie ihm vorher beigemessen hatte, als sie entschied, dass der Kauf die Strecke rechtfertigte.

Für mich war das eine interessante Erkenntnis: Der Wert eines Gegenstandes bemisst sich offenbar nicht nur am Gegenstand, sondern auch daran, was jemand bereit ist, dafür aufzubringen. Das bestätigt ja auch das Prinzip Angebot und Nachfrage. Aber dass es dabei nicht nur um die Konkurrenz zu anderen geht, sondern auch in einem selbst vor sich gehen kann, finde ich interessant. Damit kann man beim Verkauf ja auch spielen, wenn man merkt, dass jemand etwas unbedingt haben möchte, zum Beispiel, indem man die Terminsuche ein bisschen komplizierter gestaltet als unbedingt nötig. Ich habe mit solchen Spielchen keine Erfahrung und finde sie meistens auch ermüdend und wenig zielführend. Aber in diesem Fall haben sie mir 20 Euro extra eingebracht.

Wie hättet Ihr an meiner Stelle gehandelt?

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