Die Eiffelturm-Frage

Nikon

Wer darüber nachdenkt, freier Journalist zu werden, der denkt an spannende Recherchen, Auslandsreisen, Gespräche mit interessanten Menschen und, falls man so romantisch-verblödet ist wie ich, ans Schreiben auf einer alten Schreibmaschine aus den 50er Jahren. Was die meisten Menschen, mich eingeschlossen, nicht wissen, ist, dass Journalisten (Achtung, gefühlte Aufteilung!) nur zu zehn Prozent tatsächlich schreiben. Die restliche Zeit verbringen sie damit, sich darüber zu ärgern, dass sie keine Juristen oder Steuerberaterer sind. Denn das müsste man eigentlich sein, um all die Regeln verstehen zu können, mit denen der deutsche Staat seine Schreiberlinge belegt.

Kann sein, dass mir das als freie Journalistin nicht gefällt. Doch das interessiert diejenigen, die bei uns die Gesetze machen, herzlich wenig. Wer Glück hat, lernt relativ schnell nach dem Einstieg in die Freiberuflichkeit von anderen, erfahrenen Journalisten, dass man bereits mit einem Bein im Gefängnis steht, kaum dass der Stift das Papier berührt oder der Kamera-Akku fertig aufgeladen ist. Wer Pech hat, muss teures Lehrgeld zahlen. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht, selten passt dieser abgedroschene Satz so gut wie hier. Und weil ich keine Lust habe, mein Geld für Strafzahlungen auszugeben, versuche ich, mir das nötige Rechtswissen möglichst schmerzfrei dann und wann im Vorbeigehen anzueignen.

Nachdem ich mich bei meinem letzten Rechte-Seminar, einem mehrstündigen Webkurs des DJV, fast zu Tode gelangweilt habe, war ich gestern in Frankfurt auf einem „richtigen“ Ganztagesseminar. Zu uns sprach ein echter Mensch, es gab eine echte Gruppe, ganz viel Kaffee und jede Menge Gesprächsstoff beim Mittagessen.Thema war „Wen darf ich wann fotografieren? Fotorecht in der Praxis“ – oder, wie Referent Rolf Skrypzak, der sich trotz Erkältung tapfer durch sieben Stunden Seminar kämpfte, es formulierte: „Fotorechte für Schreiberlinge“.

Denn auch wenn von den 27 Teilnehmern mehrere professionelle Fotografen waren, ging es den meisten anderen wie mir: Fotos machen ja, auch aus hübschen Perspektiven und mit einer teuren Kamera. Aber wen ich wann wo wie fotografieren darf – keine Ahnung. Dass Journalisten anderen Regeln unterliegen als Hobbyfotografen, die ihre Fotos nur für den hübschen Rahmen im Wohnzimmer machen, das konnte ich mir schon vorstellen. Immerhin verkaufen wir unsere Bilder ja und räumen anderen ein Nutzungsrecht daran ein. Aber was es da alles für Regeln gibt – das hätte ich mir wirklich nicht träumen lassen.

Das Seminar hat mir da sehr weitergeholfen. Allein schon, indem ich gelernt habe, dass es der beste Plan ist, einfach vorher zu fragen. Und zwar nicht nur den, den man fotografieren möchte. Sondern auch den, dem das Grundstück gehört. Den, der das Bild gemalt hat, das man im Foto zeigen möchte. Einfach alle und jeden, die etwas mit dem Foto und den Gegenständen darauf zu tun haben könnten. Also zum Beispiel nie wieder „einfach so“ auf Bahnhöfen zu fotografieren – denn das ist böse, böse! Der Bahnhof gehört der Bahn (klar) und ist daher Privatgelände. Fotos dürfen hier nur mit Genehmigung gemacht werden, genauso wie auf allen anderen Privatgrundstücken.

Bei Menschen geht es darum, ob sie absolute oder relative Personen der Zeitgeschichte sind – und ob das öffentliche Interesse an einer Berichterstattung gegeben ist. Absolute Personen der Zeitgeschichte, das sind Politiker, Filmstars und andere tatsächliche Berühmtheiten. Relative Personen hingegen sind Redner auf einem Vortrag, zu dem die Presse eingeladen ist, deren Abbildung zumindest für den Moment für die Öffentlichkeit von Interesse ist. In beiden Fällen darf man fotografieren und die Bilder auch einmalig für eine mit dem Ereignis in Zusammenhang stehende Berichterstattung nutzen – so wie ich etwas weiter oben links den Referenten des Seminars. Fotos aus dem Privatleben von Prominenten sind da wieder ein anderer Fall – Prinzessin Caroline von Hannover klagt seit Jahren gegen Journalisten, die Fotos aus ihrem Privatleben veröffentlichen, und hat da bereits einige Erfolge vor Gericht erreicht, die als Caroline-Urteile bekannt wurden.

In Deutschland gilt die sogenannte Panorama-Freiheit: Was ich vom öffentlichen Raum aus sehe, darf ich fotografieren. Dabei darf ich mich nicht auf einen Stuhl oder eine Leiter stellen oder auf eine Mauer klettern. Also einfach mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben und darauf los fotografieren, was ich sehe? Ganz so einfach ist es dann leider doch wieder nicht. Denn es gibt da noch andere Urheberrechte, die verletzt werden könnten, wie die von Künstlern, Architekten und so weiter, die weniger als 70 Jahre tot sind. Daher kommt auch der etwas skurrile Fall, dass Journalisten den Eiffelturm in Paris tagsüber fotografieren dürfen (sein Erbauer Gustav Eiffel starb 1923, seine Rechte und die seiner Nachfahren sind daher mittlerweile erloschen), abends aber nicht. Denn eine Lichtinstallation, die dort seit einigen Jahren nachts den Turm zum Glitzern bringt, ist Kunst – und der Künstler hat das Recht an seinem Werk. Private Aufnahmen sind aber natürlich erlaubt, sie dürfen streng genommen nur nicht auf eine Webseite, in einen Blog oder eine Online-Community hochgeladen werden.

Das mag alles erst einmal verwirrend klingen. Und so ganz durchschaut habe ich die komplizierte Rechtslage natürlich selbst noch nicht. Aber Rolf Skrypzak hat es geschafft, mich für diese Gratwanderung zumindest zu sensibilisieren. Übrigens: Der DJV bietet seinen Mitgliedern regelmäßig kostenlose Weiterbildungen an, und Skrypzak ist ein häufiger Referent, auch immer wieder zu Rechtefragen.

Sie können nur beim Fotografieren auf hoher See und im eigenen Zimmer wirklich sicher sein, keine Rechte zu verletzen. (Rolf Skrypzak)

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