Business: Künstlerin vs. Steuerberater

Steuerberater

Das Leben als freiberufliche Künstlerin hat viele schöne Seiten. Eine weniger schöne Seite ist der regelmäßige Besuch beim Steuerberater. Ich fühle mich dort immer etwas fehl am Platz, wenn mir dieser seriöse ältere Herr im gestreiften Hemd mit Krawatte, Brille und ordentlich gescheitelten Haaren gegenüber sitzt. Ich mag ihn trotzdem irgendwie, weil ich das Gefühl habe, ihm auch dumme Fragen stellen zu können.

Und doch ist da diese unausgesprochene Kluft zwischen uns: Er steht für Mathematik, für gebügelte Taschentücher, Rechenmaschinen und grauen Teppichboden. Das ist eine andere Weltsicht, ein anderes Leben. Sein Gehirn funktioniert ganz anders als meins, zumindest stelle ich es mir so vor. Er betrachtet seine Umgebung und scheint sie in Excel-Tabellen einzuordnen. Für mich ist die Welt hingegen viel eher eine Schatztruhe, in der ich schöne Erinnerungen, berufliche Erfolge und finanzielle Gewinne sammele wie sandige Urlaubserinnerungen.

Wenn ich mit meinem pinken Ordner, in dem ich mein Business verwalte, in dieses Steuerbüro hinein komme, dann unterscheide ich mich schon allein optisch von der gesamten Umgebung. Denn meine weißblonden Haare stehen immer wild in alle Richtungen ab, ich trage Second-Hand-Mäntel und lange Ohrringe mit bunten Glassteinen, die mir fast bis auf die Schultern hängen. Ich habe keine Ahnung von Buchhaltung, von Finanzen und Steuerabschreibungen – und nicht die Absicht, daraus einen Hehl zu machen.

Mein Steuerberater fragt mich dann solche Dinge wie: „Welches Buchhaltungsprogramm benutzen Sie?“, und dabei schaut er mich immer an, als könne er sich nicht sicher sein, ob seine Worte überhaupt mein mit bunten Mosaiken gepflastertes Künstlergehirn erreichen. Und ich schaue wohl so zurück, als ob er mir irgendwie leid tun würde, weil seine kostbaren Lebensjahre zwischen den grauen Wänden und anthrazitfarbenen Ordnern vergilben. Es ist bemerkenswert, wie unterschiedlich Menschen sind. Und lustig, dass wir manchmal trotzdem miteinander lachen können.

Steuerberater: „Arztkosten und ähnliches können Sie unter Umständen als außerplanmäßige Sonderbelastungen geltend machen. Scheidungen übrigens auch.“

Anne: „Na dann kann ich ja doch heiraten.“

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4 Gedanken zu “Business: Künstlerin vs. Steuerberater

  1. Ob Du Deinen Steuerberater nicht doch ein wenig unterschätzt? Wer weiß, welche Abgründe sich hinter dem gestreiften Hemd mit Krawatte verbergen, wer weiß welcher Traum zwischen gebügelten Taschentüchern und Rechenmaschinen lauert und nur darauf wartet, auszubrechen. Kafka arbeitete bei einer Versicherung…

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