Lyrik: Baumhaus

Das Gedicht „Baumhaus“ habe ich geschrieben, als es in meinem Leben gerade viele große und kleine Abschiede gab. Wenn ich es heute lese, erinnere ich mich noch genau daran, wie ratlos und entwurzelt ich mich damals gefühlt habe.

Baumhaus

Ich bin ein Baum. Die Wurzeln,
die Ihr mir geschnitzt habt, reichen
tief in die Erde. Am Anfang
waren sie dünn, durchfurchten die Weiße wie
ein lebenssinniges Muster. Hättet Ihr mich
damals getötet und die
Triebe zerschnitten, wen hätte
es gekümmert.

Aber jetzt sind
Jahre vergangen. Meine Arme
sind fest und stark geworden, sie
sind selbst Bäume mit dicker Elefantenhaut, die Ihr
Rinde nennt. Schale. Hornhaut. Die
Gelenke sind erstarrt. Nur Fingernägel
wuchern noch, schieben sich
tiefer in die Erde
hinab. Halten, klammern sich fest und brechen bald.

Tut es jetzt. Entwurzelt mich. Bringt
mich fort. Kappt meine Arme, meine
Finger, schneidet sie auf und scheuert mit
meinem Blut Boden und Wände. Wenn es
sein muss, muss es sein. Und

falls ihr keine Vase findet, die groß
genug ist, mich Baum ohne Wurzeln trinken
zu lassen, lebt mit der
Ratlosigkeit. Wie ich ohne
Heimat. Verbrennt mich.

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