#lesetipp: Die DDR, zum Schmecken nah

Foto: Ansley Ventura on Unsplash

Schon lange habe ich kein Buch mehr in nur einer Nacht durchgelesen. Doch gestern habe ich sie mal wieder erlebt, diese fiebrige Ungeduld, endlich zu erfahren, wie es ausgeht. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Das Buch, das mich den Schlaf gekostet hat, heißt „Ein tödlicher Sommer“, und wenn ich sage, dass ich es nicht aus der Hand legen konnte, ist das keine Übertreibung. Auf 195 Seiten erzählt Autor Simon Krappmann die Geschichte zweier Freundinnen, die im letzten DDR-Sommer in ein Feriencamp an der Ostsee reisen. Schnell entwickelt sich mit den beiden Mädchen, mit denen sie einen Bungalow teilen, eine Art Freundschaft – und mehr. Als kurz darauf aus Platzgründen noch ein leicht behinderter Junge in den Mädchen-Bungalow einzieht, bringt das Protagonistin Nele und die Gruppe zunächst ganz schön durcheinander. Doch dann finden die Fünf eine gemeinsame Basis und beginnen eine unerwartete Reise.

Die Geschichte ist grandios erzählt, anders kann man es wirklich nicht sagen. Atmosphärisch dicht, wunderbar sommerlich, perfekt, um sie am Strand, am Badesee oder im Garten zu lesen.

„Ein tödlicher Sommer“ fühlt sich an wie ein Film, so intensiv sind seine Bilder. Simon Krappmann versteht es, den Leser vom ersten Satz an mitzunehmen. Man sitzt mit Nele und Susi im Auto, man tanzt mit der Gruppe durch den Regen und posiert im goldenen Kornfeld für die Kamera. Schmelzendes Eis, klumpiger Sand zwischen den Zehen und krabbelnde Marienkäfer auf der Haut: So oder so ähnlich haben sich auch die Sommer meiner Jugend angefühlt, selbst wenn sie nicht im Osten stattgefunden hat. Umso spannender ist es für mich, zu lesen, wie DDR-Ferien funktionierten. Und über die vielen, vielen ulkigen Worte zu stolpern, die für mich so ungewohnt klingen.

Alles beginnt leicht, zunächst ist nur eine kitzelnde Neugierde auf den Sommer im Ferienlager zu spüren. Doch dann wird es ernster, träger, schwerer. Auch diese Verwandlung gelingt dem Autor meisterlich. Die Entwicklung geschieht natürlich, die Geschichte wächst organisch, und als die Erotik dazukommt, wirkt nichts daran künstlich oder peinlich.

Foto: Alex Perez on Unsplash

Für mich sehr interessant ist, dass ich Simon Krappmann persönlich kenne. Er ist einer der Redakteure in der Agentur, für die ich im Mai zwei kurze Wochen gearbeitet habe. Relativ schnell kamen wir damals darauf, dass im Sommer sein Debütroman erscheint. Und natürlich war ich sehr, sehr neugierig. Erst recht, als ich hörte, dass es sich um einen Erotischen Thriller handelte, der auch noch aus der Sicht eines Mädchens geschrieben ist. Ich konnte mir das nicht so richtig vorstellen, denn in der Phase unserer kurzen Zusammenarbeit erlebte ich Simon als ernsten, fokussierten Redakteur und Familienmenschen, der so gar nicht den Eindruck machte, als würde er in seiner Freizeit Sexgeschichten schreiben. Ich sehe Simons Gesicht noch heute vor mir, als er vom Genre seines Buchs erzählte. Einerseits verlegen, ein bisschen peinlich berührt, aber andererseits auch getrieben von der Notwendigkeit, diese Geschichte zu erzählen.

Ich gebe zu, ich wusste nicht so ganz, wie viel Erotik mich erwartet, als ich das Buch gestern Abend aufschlug.

Aber ich muss sagen, obwohl es natürlich um Sex geht, ums Eintauchen in diese fremde Welt zu fünft, steht der Sex für mich nicht im Mittelpunkt. „Ein tödlicher Sommer“ ist vielmehr eine in Prosa gekleidete Sozialstudie, eine schöne, lebendige, bunte, leckere Geschichte über ein paar gemeinsam verbrachte Tage. Ein wenig erinnert mich die Erzählung an den Roman „Salz auf unserer Haut“ der französischen Schriftstellerin Benoîte Groult, über den ich schon vor Jahren mal in meinem Buecherella-Bücherblog geschrieben habe und der ebenfalls randvoll ist mit Liebe, Gefühl, Melancholie und Sommer. Über ihn wurde gesagt, es sei fast eine Art Porno, doch wer das wirklich denkt, hat die Geschichte nicht verstanden.

Mein Fazit zu Simons Debüt: Ihm ist ein wunderbarer Roman geglückt, der großes sprachliches und erzählerisches Talent zeigt und der auf weitere tolle Geschichten hoffen lässt. Von mir gibt es dafür eine klare Kauf- und Leseempfehlung. Das Einzige, was vielleicht zu diskutieren wäre, ist, ob die Einordnung „Erotischer Thriller“ wirklich passt. Denn die Thriller-Komponente ist in meinen Augen keine, sondern eher eine dramatische Wendung, eine menschliche Tragödie, aber kein Crime-Fall. Entsprechend passt der Titel für meinen Geschmack auch nicht 100-prozentig, weil er die emotionale Dichte des Buchs nicht einfängt. Das ist ein bisschen schade. Aber abgesehen von der Kategorisierungsfrage bin ich begeistert. Die Figuren, die Stimmung, all das wird noch lange in mir nachschwingen.

„Ein tödlicher Sommer“ von Simon Krappmann ist im Christine Janson Verlag erschienen und kostet 12,95 Euro.

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