#psyche: Wenn du eine Entscheidung treffen musst, stell dir diese eine Frage

Foto: Tabitha Turner on Unsplash

Eine Bekannte von mir zieht um. Schon vor Monaten hat sie einen Job angetreten, zu dem sie es von Frankfurt aus ganz schön weit hat. Und schon im Frühjahr, als wir erstmals über diese berufliche Veränderung sprachen, erzählte sie mir, dass sie langfristig mit ihrer Familie umziehen wird, weil das Gependel auf Dauer zu anstrengend sei – und die Gegend rund um ihren neuen Arbeitsplatz nun auch wirklich sehr schön ist. Warum also nicht den Schritt machen und ganz dorthin ziehen?

Nun postet sie auf Social Media ein Bild von einem Umzugshalteverbotsschild – ihrem Umzugshalteverbotsschild. Ich schreibe ihr, um ihr zu der Entscheidung zu gratulieren und alles Gute zu wünschen. Und sie? Lässt zwischen den Zeilen durchblicken, dass sie doch ganz schön traurig und irgendwie auch unsicher sei, ob es der richtige Schritt ist.

Die Angst vor der falschen Entscheidung

Das macht mich nachdenklich. Denn diese Angst vor der falschen Entscheidung kenne ich natürlich auch zur Genüge. Schon oft stand ich, wie wahrscheinlich alle, vor der Frage, ob ich einen stabilen, bewährten Weg verlassen und einen neuen einschlagen soll. Zum Beispiel beim Job. Oder beim Wohnen. Oder der Partnerschaft. Oder beim Thema Auto – sollte ich mir ein Neues kaufen, wenn das Alte noch fährt, oder doch lieber warten, bis das Alte zusammenbricht? Nun, zumindest diese Wahl wurde mir kürzlich abgenommen, weil mein zehn Jahre alter Peugeot mit einem Motorschaden jäh aus dem Autoleben gerissen wurde.

In diesem Fall hatte ich, ein chronischer Entscheidungsangsthase, Glück, denn da gab es nichts mehr zu diskutieren, ein neues Auto musste her. Doch wenn ich von mir aus den Schritt mache, neige ich dazu, im Nachgang daran zu zweifeln, auch wenn es nicht mehr zu ändern ist. Wäre nicht das alte Auto doch noch ein paar Jahre gefahren? Hätte es nicht einen besseren Moment als den jetzigen gegeben, um so eine teure Anschaffung zu tätigen?

Entweder-Oder-Oder-Oder

Generell frage ich mich, wie es überhaupt möglich ist, guten Gewissens eine Entscheidung zu treffen. Klar versucht man, möglichst viele Informationen zusammenzutragen und auf dieser Grundlage abzuwägen. Aber in unserer Zeit ist es meist kein Entweder-Oder. Sondern ein Entweder-Oder-Oder-Oder. Bleiben? Verändern? Diese oder eine andere Veränderung wählen? Oder doch gleich ganz alle Zelte hier abbrechen und eine Strandbar auf Bali eröffnen? Selbstgebastelten Schmuck am Hippie-Markt auf Ibiza verkaufen? Oder doch nochmal Psychologie studieren? Deutsch-Lehramt? Oder in England eine Teestube pachten? Menschen mit einer blühenden Phantasie könnten zu all dem Ja sagen. Ich sehe mich in all diesen verschiedenen Lebensentwürfen und könnte überall glücklich werden, schätze ich. Das ist eine Misere, da ich allein entscheiden darf (oh Glück und Hölle), wie es für mich weitergeht. Also: Was. Soll. Ich. Tun.

Dazu passt ein Buch, das mir eine Freundin geliehen hat: „Wir haben keine Angst – Gruppentherapie einer Generation“ von Nina Pauer. Ich möchte demnächst in Ruhe etwas dazu schreiben, weil ich gestern gerade mal die ersten paar Seiten gelesen und bisher nur einen ersten Eindruck von dem Buch habe – aber das Thema finde ich hochspannend.

Die Chance meiner Generation war schon immer gleichzeitig auch ihr Fluch: Alles ist möglich! Uns alle plagt diese tiefsitzende, diese von Grund auf fertigmachende Angst davor, uns falsch zu entscheiden. Was, wenn wir im Job, in der Liebe, im gesamten Lebensstil ein falsches Jetzt leben, das das richtige Später verhindert?

Klappentext des Buchs „Wir haben keine Angst – Gruppentherapie einer Generation“ von Nina Pauer

Ich denke, das ist genau das, was uns alle so quält. Was, wenn wir jetzt die falschen Weichen stellen und am Ende nicht dort landen, wo wir eigentlich landen sollten? Wenn ich nach England gehe, lerne ich in meiner Teestube vielleicht einen noch perfekteren Partner kennen als den, mit dem ich hier zusammenlebe. Wenn ich Lehramt studiere, finde ich vielleicht meine Bestimmung im Unterrichten. Oder ich würde als Hippie-Künstlerin auf Ibiza endlich die große Freiheit fühlen.

Foto: Rachael Henning on Unsplash

Nun, erstmal glaube ich, einfach weil das meine generelle Lebenshaltung ist, dass wir immer dort landen werden, wo wir landen sollen, egal, wie viele Umwege und Extrarunden wir bis dorthin drehen. Das nimmt schon mal ein bisschen Druck raus. Aber trotzdem müssen wir ja mittelfristig weiterleben und unseren persönlichen Weg weitergehen.

Für eine gute Entscheidung ist es wichtig, ehrlich zu sich selbst zu sein und die ganzen Möglichkeiten mit der persönlichen Lebenserfahrung abzugleichen. Ich habe das Glück, dass ich auf diesem Gebiet in den letzten Jahren ein paar Fortschritte gemacht habe. Und zwar primär durch falsche oder zweifelhafte oder anstrengende Entscheidungen. Ich weiß, dass ich mit der wirtschaftlichen Unsicherheit, als Hippie-Künstlerin auf Ibiza zu leben, nicht gut klar käme – immerhin hat mich selbst die Zeit als freie Journalistin schon ganz schön Nerven gekostet. Ich habe erlebt, dass ich ziemlich einsam war, als ich 2006 und 2007 in England gelebt und meine Familie vermisst habe. Und ich weiß auch, dass ich viel besser schreiben als mündlich erklären kann – und es mit dem Lehramt deshalb wahrscheinlich auch keinen Sinn macht.

Aus (zu) vielen eine überschaubare Anzahl von Optionen machen

Kennt man sich also ein bisschen, analysiert sich selbst und die eigenen Stärken und Schwächen einmal grundehrlich, wird aus den vielen, vielen Möglichkeiten plötzlich eine überschaubare Anzahl von Wegen. Aus denen gilt es, wohlinformiert eine Wahl zu treffen, die gut zum eigenen Charakter und den bevorzugten Lebensumständen passt. Das ist doch sehr beruhigend, oder? Und so kommt es, dass meine Bekannte ihre Familie eben nicht entwurzelt und mit ihr obdachlos die Welt bereist, sondern in einer sicheren beruflichen Situation in eine andere Gegend Deutschlands zieht. Weil sie weiß, was geht, was sie möchte und was möglich ist.

Das, was jetzt kommt, ist eher noch eine zusätzliche Randnotiz, aber ich habe das jetzt schon mehrmals selbst erlebt, daher sei es dazugesagt. Egal, welche Entscheidung ich in der Vergangenheit getroffen habe – wenn es wirklich die komplett falsche war, hat meine Intuition, das Leben oder irgendeine höhere Macht mir das schon gesagt (und zwar ziemlich laut), so dass ich sie korrigieren konnte. Zum Beispiel, als ich im Mai diesen Job angefangen habe, der mich krass unglücklich gemacht hat. Oder als Björn und ich eine Eigentumswohnung kaufen wollten und sich plötzlich beruflich die Ereignisse überschlagen haben, so dass es, obwohl schon fast alles eingetütet und beantragt war, doch nicht dazu kam. In beiden Fällen wollte ich den Schritt gerne machen, doch es sollte nicht sein. Und das respektiere ich, auch mit Blick auf dieses „richtige Später“, von dem Nina Pauer schreibt.

Ich weiß nicht, ob das immer funktioniert und ob ich mich auch in Zukunft darauf verlassen kann. Ich will das nicht überstrapazieren. Doch auch weniger esoterisch lässt sich sagen, dass man ganz vieles auch im Nachgang noch korrigieren kann, wenn man merkt, dass es ein falscher Schritt war. Nicht alles, klar. Aber das meiste. Das ist dann natürlich mit unangenehmen Gesprächen, Kosten und Ärger verbunden, aber es geht – fast immer.

Also nur zu, entscheiden wir uns und schauen, wohin es führt. Und am Ende gibt es eine Frage, die bei mir immer den Entscheidungsturbo startet:

Ist es eine Option, in der momentanen Konstellation weiterzumachen?

Wenn man diese Frage mit Nein beantwortet, ist der erste Teil der Entscheidung schon geschafft. Dann ist es auch fast egal, wie es weitergeht. Hauptsache, es ändert sich was.

Im Grunde genommen gehören also immer zwei Schritte zu einer Entscheidung: Die Erkenntnis, dass sich etwas ändern muss – und die Frage, in welche Richtung es sich ändern soll. Wer das verstanden hat, kann sich auf den Weg machen.

Und jetzt Ihr: Fallen Euch Entscheidungen auch manchmal schwer? Wie trefft Ihr sie? Und denkt Ihr im Nachhinein dann noch darüber nach oder hakt Ihr sie ab? Ich freue mich auf Eure Kommentare.

Foto: Giulia Bertelli on Unsplash

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