Neujahr – für philosophische Menschen eine Grenzerfahrung

Foto: nine koepfer / unsplash.com

Frohes neues Jahr – wie viele von diesen Nachrichten hattet Ihr heute morgen auf Eurem Handy? Ein ganzes Jahr voller Freude, eigentlich ist das ja ein wunderbarer Wunsch. Vor allem, wenn er voller Gefühl um Mitternacht herausgejubelt wird. Dann, wenn wir überwältigt und ein bisschen angetrunken sind, wenn wir uns die Hände an den Wunderkerzen versengen und vom Böllerknall erschrecken. Dann meinen wir das auch so, dass wir den Anderen nur das Beste wünschen.

Nur das Beste – was bedeutet das denn eigentlich? Wir sagen und schreiben das oft so dahin in diesen ersten Tagen eines neuen Jahres, aber natürlich kann niemand von allem nur das Beste haben. Und wenn, wäre es furchtbar langweilig. Das Leben besteht nun mal aus einer bestenfalls gelungenen Mischung von Dingen, die gut laufen, welchen, die zufriedenstellend so dahin plätschern, und eben auch Rückschlägen und Enttäuschungen. Aber die sind, wie jeder weiß, wichtig, um sich weiterzuentwickeln. Deshalb würde ich nicht auf die düsteren Momente verzichten wollen, selbst wenn eine gute Fee mir anbieten würde, ab jetzt immer nur noch glücklich zu sein.

Ach ja, das neue Jahr.

Wie habt Ihr den Silvesterabend verbracht? Björn und ich sind zu zweit daheim geblieben, haben gekocht, Netflix geschaut und irgendwann „Dinner for One“ auf NDR. Und um Mitternacht standen wir am Fenster und waren erstaunt, dass es trotz allem ein bescheidenes Feuerwerk gab. Wunderbar war das, still, ein fast normaler Abend. Genau so, wie ich mir Silvester seit langem heimlich wünsche. Doch durchgezogen haben wir es bisher nie, bis gestern. Normalerweise haben wir kurz vorher doch immer noch eine kleine Party organisiert und zu uns eingeladen, einfach weil … ja, weil Silvester doch gefeiert gehört. Doch das gestern, das war einfach schön. Und es hat zu diesem Jahr gepasst, das uns hinweggerissen hat mit seinen ständig neuen Entwicklungen. Ein Jahr, für das uns vorher die Fantasie gefehlt hat.

Wie immer aber war ich um Mitternacht so überwältigt, dass mir die Tränen kamen. Dieses Duett von Altem, Neuem und dem fehlenden Dazwischen macht mich so melancholisch. Jedes Jahr denke ich: Ich wünschte, es gäbe wirklich ein „Zwischen den Jahren“. Nicht einfach diese olle, langweilige Woche zwischen Weihnachten und Silvester, sondern eine offizielle Zeit ohne Jahreszahl, in der es weder 2020, noch 2021 ist. Warum? Um nicht einfach weitergezerrt zu werden ins nächste Kapitel, sondern sich im Kern zu besinnen, um sich zu reinigen von den ganzen alten Gedanken und Erlebnissen. Sich bereit zu machen dafür, dass etwas Neues beginnt. Vielleicht, um zu fasten und zu beten. Oder auch nicht. Aber eine Zeit, die man nicht vertut mit Unterhaltung und Betäubung, sondern für sich selbst nutzt.

Für Menschen, die dazu neigen, alles zu „zerdenken“ (auf Englisch nennt man sie auch „Overthinker“), ist Silvester oft eine Art Grenzerfahrung. Für mich ist es eine Doppelgrenzerfahrung. Denn ich gehe nicht nur regelmäßig durch ein philosophisches tiefes Tal, ich habe auch noch am 31. Dezember Geburtstag.

Deshalb ist Silvester für mich der ultimative Feiertag der Lebensbilanz.

Was habe ich im vergangenen Jahr erreicht und erlebt? Habe ich mich angestrengt? Und was wird das neue Jahr bringen? Ich habe eine tolle Familie und wundervolle Freunde, die mich an diesem Tag mit Liebe, Aufmerksamkeit und Geschenken überschütten. Große Gefühle, fundamentale Überlegungen, der Schritt in ein neues Lebenskapitel – kein Wunder, dass das Jahresende immer emotional anstrengend für mich ist. Vielleicht kennen andere Silvesterkinder das auch, vielleicht empfinden sie es aber auch nicht so extrem.

Und am Tag danach? Wache ich morgens auf und fühle mich gefühlsverkatert, weil ich in 24 Stunden genug Endorphine für einen ganzen Monat verschossen habe. Aber dann überwiegt immer die Erleichterung, jetzt angekommen zu sein im Neuen – und wieder ein Jahr Zeit zu haben, bis die große Bilanz gezogen wird.

Euch allen ein frohes neues Jahr 2021! Möge es inspirierende Fragen an uns stellen und vielleicht ein paar mehr Antworten geben als sein Vorgänger.

Foto: Sandra Grünewald / unsplash.com

8 Kommentare

  1. Ich dachte immer, Weihnachten Geburtstag zu haben, wäre eine schwierige Kombination. Aber an Silvester ist es, unter den Aspekten die du beschreibst, noch einen Zacken schärfer.
    Dieses Jahr habe ich Niemanden mit dieser Art „alles Beste“ überfrachtet. Wir haben uns Gesundheit gewünscht, den Rest haben wir dann größtenteils selbst in der Hand. Und für das ganze Neue das man sich vornimmt, ist ein ganzes Jahr Zeit. Keine Panik 😉
    In diesem Sinne, gehe es ruhig an und es wird gut werden! Viel Glück!🥂

    1. Danke dir. Hast du an Weihnachten Geburtstag? Das ist sicher nicht einfach, weil da schon alle sehr in ihrem eigenen Film gefangen sind und für Geburtstag kein Platz ist, zumindest stelle ich mir das so vor. Ich glaube schon, dass es viele Vorteile hätte, an einem „normalen“ Tag Geburtstag zu haben. Naja, Silvester ist schon was Besonderes, das ist ja auch schön.

      1. Nein, ich selbst kann an einem „normalen“ Tag feiern. Aber klar, du hast immer etwas Besonderes! 👍

  2. Nachträgliche Gratulation. Ich habe gut gegessen. Dieses Jahr wird es noch besser dann habe ich mir meiner Zukünftigen eine gemeinsame Wohnung. Wir werden im Jahr 2021 auf 2022 viel Spass haben. In der Hoffnung das wir Beide gesund bleiben.

    Grüße aus Hamburg von Michael.

      1. Danke. Jeder kleinste Gedanke kann zu ein Großen werden. Jeder kleine Berg kann auch zu ein Großen Berg werden und wenn ich den Berg nicht ersteigen kann. Baue ich ein Tunnel durch diesen Berg. Wohin mich dieser Weg führen wird das wird sich zeigen. Die Neugier wird mich nicht aufhalten etwas neues zu suchen.

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