Ein Mann namens Hans Krailsheimer hat mal gesagt: „Allein sein zu müssen ist das Schwerste, allein sein zu können das Schönste.“ Momentan bin ich oft allein, mehr als sonst. Das hat viele verschiedene Gründe, nicht zuletzt auch den, dass ich aktuell in einer Fernbeziehung lebe – und unter der Woche abends sehr häufig einfach daheim in meiner Wohnung bin. Das Alleinsein, das gebe ich zu, macht mir Angst. Denn ich habe keine Übung darin. Wie Ihr vielleicht hier schon mal irgendwo gelesen habt, habe ich mich im vergangenen Jahr von meinem langjährigen Partner getrennt und bin aus unserem gemeinsamen Haus ausgezogen. Vorher habe ich fast mein gesamtes Erwachsenenleben mit ihm zusammengelebt, 16 Jahre waren es insgesamt. Nun also die erste eigene Wohnung nur für mich allein Post-Trennung. Und viele Fragen, die plötzlich laut werden, ob ich sie hören will oder nicht.
Unter anderem: Warum fühlt sich ein Abend allein oft so unendlich lang an? Und das, obwohl ich gleichzeitig tagsüber auf der Arbeit regelmäßig das Gefühl habe, zu wenig Zeit für alle meine Aufgaben zu haben. Im Job kann ich mich sehr gut beschäftigen, da fällt mir immer etwas ein. Aber privat, alleine zuhause, das merke ich immer mehr, bin ich sehr schlecht darin. Kein Wunder, wenn doch immer jemand da war, mit dem man reden, einen Film anschauen, kochen konnte – oder der einem auch beim alleine Lesen im Bett das Gefühl gegeben hat, nicht einsam zu sein, weil er zwei Türen weiter am Computer saß.
Denn einsam – das bin ich auch. Nicht nur allein. Oft einsam. Die Art von Einsamkeit, die auch mit einem Anruf oder einer Sprachnachricht der besten Freundin nicht einfach verschwindet. Die Art von Einsamkeit, die man mit sich selbst ausmachen und wirklich bearbeiten muss, weil einem gar nichts anderes mehr übrig bleibt. Das tut gerade in diesen Tagen auch ziemlich weh. Weil ich in mir Dinge durcharbeite, die mit der Trennung zu tun haben, Fragen, die sich generell an mein jetziges Leben stellen, an mein Alter, an meine Entscheidungen und die Zukunft. Und dann werden Abende eben lang. Das Problem ist, dass sich die Leere gerade nicht stopfen lässt. Ich bin an einem Punkt, an dem ich keine tausendste Folge irgendeiner Netflix-Serie mehr schauen möchte, um mich zu berieseln. Stattdessen sitze ich momentan bewusst auch mal in der Stille, gehe allein spazieren oder fahre Auto ohne Musik oder Nachrichten. Ich versuche, die Stille zu üben, darin auch Ruhe zu finden. Und langsam werde ich besser darin, auch wenn es immer mal wieder Rückschläge gibt und ich traurig und ängstlich werde. Aber auch da merke ich – dann bricht zwar ein kleines Stück in mir, aber wächst zugleich auch. Ich wachse. Post-Trennung. Anne mit 43.
Was mir hilft, das Alleinsein etwas positiver anzugehen, ist etwas, das ich manchmal auf Reisen erlebe. Und zwar ganz konkret, wenn ich in Südafrika bei meinem Vater war, wir wundervolle Wochen zu zweit und mit Freunden verbracht haben, mein Speicher an Sonne und Farben und Erlebnissen und Eindrücken randvoll ist – und ich dann abreise. Mein Papa fährt mich netterweise immer zum Flughafen nach Kapstadt. Wenn wir uns verabschiedet haben und ich alleine mit meinen Koffern die Flughafenhalle betrete, bin ich meistens erstmal ein bisschen lost nach der intensiven Zeit. Aber dann kickt so etwas wie die plötzliche Erkenntnis, dass ich gerade solo in einem ganz entfernten Land unterwegs bin, zehntausende Kilometer von daheim entfernt – und im Prinzip grandios frei, auch wenn ich mich gleich in die dritte Klasse eines Flugzeugs quetschen und stundenlang ausharren muss. Die nächste Welle Freiheit kommt dann beim Zwischenstop in Äthiopien, wo ich – die Flugzeiten sind immer die gleichen – nachts für eineinhalb bis zwei Stunden Pause habe, bevor es weitergeht. Eine magische Zeit.
Alleine in Addis Abeba, wenn auch nur für einen winzigen Zeitraum. Ich kenne den Flughafen mittlerweile recht gut, habe meine Lieblingswege, meine Lieblingstoilette, meinen Lieblingswasserspender, meinen Lieblingsyogaort für ein kurzes Stretching, bevor es weitergeht. Ich weiß, dass ich mir keinen Kaffee hole und nichts zu Essen bei Burger King, weil alles in der Landeswährung ausgeschildert ist, aber in Dollar berechnet wird – und der Espresso mich schon mal 16 Dollar gekostet hat. Und ich liebe es, dort zu telefonieren. Alleine in Äthiopien – und überhaupt nicht ängstlich an diesem internationalen Flughafen, an dem immer so viel los ist, die Läden tags wie nachts geöffnet haben und ich mich, auch wenn ich den Airport noch nie verlassen habe, ein kleines bisschen zuhause fühle. Ich spüre mich in dieser Fremde, vielleicht auch weil ich weiß, dass der nächste Stop Frankfurt ist, aber vor allem, weil ich erlebe, dass ich klar komme. Dass ich mich zurecht finde und für mich sorge, auch nachts, auch dort.

Dieses zuversichtliche, freie, wundervolle Wissen, dass ich schon klar komme, würde ich gerne auf mein Alleinsein hier übertragen. Vielleicht gelingt es mir ja, diese Reise-Anne mitzubringen, wenn ich im Dezember einmal mehr zurückreise. Bis dahin versuche ich, sie in dem immer gleichen Fotomotiv zu finden. Ein Selfie gehört dazu zu diesem kurzen und schönen Aufenthalt, in dem selben Spiegel, übermüdet und in zerknitterten Flugzeugklamotten. Ich sehe darauf immer glücklich aus. Jetzt muss ich nur noch den Spiegel hier finden, der mich so strahlen lässt.



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