@work: An alle, die auf der Arbeit schon mal heimlich auf dem Klo geheult haben

Okay, ich geb’s zu. Es gab Zeiten in meinem Berufsleben, da hab ich mich so aufgeregt, dass mir die Tränen kamen. Das hat mich wütend gemacht, weil solche Gefühlsausbrüche im Job nichts zu suchen haben. Aber warum ist das überhaupt passiert? Einerseits, weil ich in meiner bisherigen Laufbahn mit einigen echt cholerischen Menschen zusammenarbeiten musste. Und andererseits, weil der Drama-Faktor in einer Tageszeitungsredaktion aus Prinzip überdurchschnittlich hoch ist.

Am offenen Herzen arbeiten

Jeder, der tagesaktuell arbeitet, kennt das wahrscheinlich. Bei der Tageszeitung geht’s  immer um alles, da wird immer improvisiert und geplant, umgeworfen und neu gedacht. Denn den ganzen Tag über passieren Dinge, die unbedingt noch mitmüssen. Und natürlich läuft dabei nicht immer alles so, wie man es sich wünscht. Oft erreicht man den dringend benötigten Gesprächspartner nicht, findet niemanden, der Gehörtes bestätigt oder findet im Gegenteil einen, der so viel Neues erzählt, dass anderes, das ebenfalls wichtig gewesen wäre, von der Seite weichen muss. Alle Entscheidungen müssen in kürzester Zeit getroffen werden – und nicht selten habe ich mich im Newsroom gefühlt wie eine Chirurgin, die am offenen Herzen arbeitet.

Ohne Bauchschmerzen zur Arbeit

Wie Ihr wisst, bin ich mittlerweile nicht mehr bei der Tageszeitung. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich den Stress nicht mehr aushalten kann. Und beschlossen, dass ich das auch nicht muss. Natürlich gibt es auch im Magazinbereich stressige Phasen, aber das Arbeiten ist insgesamt ein anderes. Vor allem fängt man nicht jeden Tag wieder von vorne an, sondern kann mal etwas länger an einem Text arbeiten. Das langsamere, dafür aber viel tiefere Arbeiten hat wirklich viele Vorteile. Unter anderem den, das ich genug Zeit habe, Infos wirklich von Experten validieren zu lassen, statt unter Zeitdruck nur 90-prozentig sicher sein zu können, dass ich alles richtig verstanden habe – und am nächsten Tag vom Chef deswegen angeschrien zu werden.

Ich bin insgesamt viel entspannter, seit ich nicht mehr jeden Morgen mit Bauchschmerzen zur Arbeit fahre. Und mein tägliches Yoga-Programm (>> mehr dazu auch hier <<) ist mittlerweile keine absolute Notwenigkeit mehr, um überhaupt durch den Tag zu kommen, sondern ein lieb gewonnenes Ritual.

Trotzdem erinnere ich mich noch sehr gut, wie ich mich in Newsroom-Phasen gefühlt habe. Deshalb war ich sofort interessiert, als der Deutsche Journalistenverband (DJV) das Tagesseminar „Resilienz-Training 5.0 – konkrete Lösungen für den journalistischen Alltag“ ankündigte. Ich hatte keine konkreten Erwartungen an den Tag, als ich in der vergangenen Woche morgens zum Tagungshotel fuhr. Würde es um strukturierte Arbeitsweisen gehen? Atemtechniken? Deeskalationstaktiken?

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Im Rückblick würde ich sagen, es gab ein bisschen was von allem. Seminarleiterin Ulla Atzert glaubt zum Beispiel nicht an Multitasking. Statt mehrere Sachen gleichzeitig zu erledigen und nichts davon richtig zu machen, empfiehlt sie, sich nacheinander ganz auf die verschiedenen Aufgaben zu fokussieren. Ich habe ähnliche Erfahrungen mit Multitasking gemacht und schreibe mir heute lieber jede neue Aufgabe auf eine Liste, die ich permanent laufend neu priorisiere. Wenn ich alles nacheinander abarbeite, ist das Ergebnis häufig besser.

Das Sachliche ist also schnell geklärt. Doch was tun gegen die akuten zwischenmenschlichen Stresssituationen in der Zeitungsredaktion? Ihr Tipp: „Einfach mal das Drama rausnehmen.“ Und selbst wenn Chef oder Chefin mit einem akuten Drama-Bedürfnis an den Schreibtisch tritt, sich bewusst fragen: „Will ich bei dem Drama jetzt mitmachen?“

Doch wie klappt es, diese Frage für sich selbst mit „Nein!“ zu beantworten? Dazu hat Ulla Atzert wertvolle Verhaltensstrategien im Gepäck.

Die Strategie der 5 A

Zum Beispiel die Strategie der fünf A. Befinde ich mich in einer für mich unangenehmen Situation, kann ich sie anhand der fünf A-Wörter analysieren und entscheiden, wie es weitergeht. Am Anfang steht das Annehmen und Wahrnehmen der Sitation. Dann kommt das Abkühlen – einen Schluck Wasser trinken, sich aufrichten, tief ein- und ausatmen, sich ein Ruhewort überlegen, das einen sofort wieder runterholt. Dann folgt die Analyse mit der Frage: Kann ich etwas daran ändern oder nicht? Wenn ja, folgt die Aktion, wenn nein, das Ablenken. Wir haben diese Taktik anhand verschiedener Settings durchgespielt und ich kann mir gut vorstellen, dass das funktioniert – wenn man denn dran denkt im richtigen Moment.

Gewaltfrei kommunizieren nach Rosenberg

Eine andere Strategie ist die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg, die laut Ulla auch perfekt per Mail funktioniert. Statt sich bei einem verbalen Angriff sofort zu rechtfertigen und Gegenvorwürfe zu machen, ist es besser, in vier Schritten zu formulieren, nämlich Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Wunsch. Wichtig ist, ganz neutral zu bleiben, dann kommt die Botschaft auch an. Im konkreten Beispiel eines cholerischen Chefs also beispielsweise: „Ich habe beobachtet, dass du mir gegenüber laut geworden bist. Ich fühle mich davon eingeschüchtert. Ich habe das Bedürfnis, meine Arbeit in ruhiger und sachlicher Atmosphäre verrichten zu können. Ich wünsche mir, dass wir in normaler Lautstärke miteinander sprechen.“

Insgesamt hat mir das Seminar gut gefallen und es waren hervorragend investierte Stunden, an die ich sicher noch oft zurückdenken werde. Ulla Atzert hat den Kurs fröhlich, lustig, kurzweilig und sehr persönlich gestaltet und noch sehr, sehr viel mehr erzählt. Wer sich dafür interessiert, sollte unbedingt eins ihrer Seminare besuchen: http://www.ulla-atzert.de.

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