#psyche: Anne und der Filterkaffee

Foto: Jen P. / unsplash.com

Gestern ist unsere geliebte Senseo-Kaffeemaschine kaputt gegangen. Ich weiß nicht, wie viele davon ich in meinem Leben schon besessen habe, aber über die letzten Jahre ist mir aufgefallen, dass die Lebensdauer immer kürzer wird. Diese, das aktuelle Modell in schickem Cremeweiß, hatten wir tatsächlich erst seit Mai – ein klarer Garantiefall. Wir dürfen sie einschicken und bekommen dann, wenn sie sich nicht reparieren lässt, eine Neue.

Einerseits freue ich mich darüber, dass heute das meiste so einfach ist. Andererseits stellen wir uns beide darauf ein, dass es Wochen dauern wird, bis wir unsere Alte zurückbekommen oder eine Neue erhalten.

A very merry unbirthday

Deshalb habe ich heute morgen mal wieder unsere Filterkaffeemaschine rausgeholt. Sie kommt normalerweise nur zum Einsatz, wenn wir zum Geburtstagskaffee einladen, weil man beim tassenweisen Kaffeekochen sonst verrückt wird. Unsere Geburtstage sind im Februar und Dezember – und dazwischen steht sie meist nur in der Gegend herum.

Normalerweise. Denn in diesem Corona-Jahr kam sie schon häufiger zu Ehren, weil Björn phasenweise wochenlang im Homeoffice ist. Und es bei seinem Kaffeekonsum schlicht zu teuer wäre, eine Packung Pads nach der nächsten durchzujagen. Daher ist er aus Kostengründen freiwillig auf Filterkaffee umgestiegen.

Der kleine Zen-Garten

Heute morgen nun habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder das langwierige Ritual des Filterkaffeekochens zelebriert. Und was soll ich sagen, es ist zwar zeitaufwendig, aber zugleich auch so entschleunigend. Was zu einem guten Teil an meiner Angewohnheit liegen mag, mit dem Löffel durch das feingemahlene Pulver zu pflügen wie durch einen Zen-Garten, Linien und Kreise zu ziehen, Häufchen aufzuschichten und Löcher zu graben. Herrlich.

Während ich also diese vielen, vielen Handgriffe verrichtete, die am Ende zu einer Kanne mittelguten Kaffees führen, dachte ich darüber nach, wie oft ich bereits an anderen Orten Kaffee gekocht habe.

Mein letztes Mal Filterkaffee-Kochen: Beim wdv, an meinem letzten Tag dort Mitte März. Mehr oder weniger genau 14 Tage zuvor war ich zusammen mit vielen weiteren Kollegen entlassen worden. Weil man uns in eine Transfergesellschaft übertrug, wurde man uns praktisch sofort los, daher gab es keinen langen Abschiedsschmerz, nur Frust. Während ich das letzte Mal dort im Büro in Bad Homburg Kaffee kochte, in der komplett verglasten, hell erleuchteten, spiegelmarmornen Teeküche, dachte ich darüber nach, dass ich zumindest den miserablen Kaffee nicht vermissen würde, den diese Maschine produzierte. Wenige Stunden später packte ich meine Sachen zusammen, gab meinen Türchip ab und ging für immer.

Das erste Mal, dass ich Filterkaffee gekocht habe: Ich stamme aus einem Nescafé-Haushalt. Filterkaffee galt bei uns zuhause immer als eine Art Teufelszeug, von dem man tagelang wach bleibt und Magenschmerzen bekommt. Keine Ahnung, warum meine Mutter damals so eine Abneigung dagegen hatte. Aber Kaffeekochen bedeutete bei uns daheim: Wasser im Wasserkocher kochen, Tassen aus dem Schrank nehmen, je ein bis zwei Teelöffel Nescafé hineinrieseln lassen, das kochende Wasser darübergießen und umrühren, damit die schwarzen Punkte auf der Oberfläche verschwinden. In meiner Kindheit und Jugend hinterfragte ich das nicht, ich kannte es ja nicht anders (Starbucks und Co gab es damals noch nicht in Deutschland). Auch bei meinen Großeltern gab es nur löslichen Kaffee – und selbst bei der besten Freundin meiner Mutter, die ihn wahrscheinlich extra für sie kaufte. Ich kannte auch kaum einen anderen Geschmack als dieses leicht süßliche, wässrige Instant-Aroma. So schmeckte Kaffee für mich. Erst, als ich ins Berufsleben kam, wurde mir klar, dass der Großteil der Menschheit löslichen Kaffee ziemlich abartig findet. Ich trank den mal guten, mal schlechten Kaffee aus den verschiedenen Maschinen, die mir im Lauf der Zeit begegneten. Aber zugleich drückte ich mich jahrelang, selbst zu lernen, wie man diese komplizierten Geräte bediente. Erst, als ich 2011 als Volontärin in die FNP-Redaktion in Bad Vilbel kam, musste ich meinem Feind Auge in Auge gegenübertreten. Denn dort war die Hackordnung klar: Die Jüngste/ Neueste kocht den Kaffee. Und da zurzeit keine Praktikantin da war, die noch unter mir als Volontärin gestanden hätte, war der große Moment gekommen. Ich schämte mich ziemlich, dass ich keinen Plan hatte. Heimlich schaute ich mir ein YouTube-Video an, googelte noch ein bisschen und legte los. Alles unter den Blicken meiner (ausschließlich männlichen) Kollegen, denn die Kaffeemaschine stand mitten im Viererbüro. Und siehe da, es funktionierte, am Ende kam eine braune Brühe raus. Berauscht vor Freude sprudelte ich hervor, dass dies mein erstes Mal Kaffeekochen ever sei. Die Kollegen lachten so sehr, dass sie beschlossen, meiner Unwissenheit an diesem Tag die kleine Kolumne in der Randspalte zu widmen. Eine Erinnerung für die Ewigkeit.

Die schickste Kaffeemaschine: Die gab es bei der Agentur, für die ich im Mai zwei Wochen gearbeitet habe. Dort stand in der Küche eine auf Hochglanz polierte, superedel verchromte italienische Kaffeemaschine. Bohnen mahlen, Wasser rein, verschiedene Knöpfe drehen – das Gerät blieb mir in der kurzen Zeit, die ich dort verbrachte, ein echtes Rätsel. Ungefähr so wie die tolle Spiegelreflex-Kamera, die einfach zu viele Entscheidungsmöglichkeiten für jemanden bietet, der ganz schlicht ein mittelgutes Foto machen möchte.

Die mieseste Kaffeemaschine: Bei der Ärzte Zeitung gab es eine richtig große, alte Kaffeemaschine. Dafür brauchte man riesige Filter, die mich immer an solche überdimensionierten Oma-BHs in dunkelbeige erinnerten. In die Maschine passte so viel Wasser rein, dass mir immer richtig der Arm weh tat, wenn endlich der Wassertank aufgefüllt war. Ich kochte ihn eigentlich jeden Tag, auch wenn ich ihn oft gar nicht selbst trank. Er war immer zu schwach, egal wie viel Pulver ich hinein kippte. Deshalb holte ich mir meistens unten beim Bäcker einen Cafe Crema. Nur nachmittags, wenn die Verzweiflung am größten und die Zeit am knappsten war, ging auch mal der eklige Filterkaffee aus der BH-Maschine.

Die zickigste Kaffeemaschine: Seit September arbeite ich im Haus am Dom, und dort haben wir eine kleine Kaffeemaschine, die mir vorkommt wie eine zickige, aber talentierte Kollegin. Auf der linken Seite sitzt der Wassertank, auf der rechten kippt man die ganzen Bohnen (die wir aus fairem Anbau aus dem Weltladen in Bornheim bekommen) hinein. Sie braucht lange, bis sie vorgeheizt ist, sie will jedesmal gespült werden, bevor sie ihren Dienst tut, sie meckert und keucht und zickt – aber der Kaffee, den sie anschließend kocht, ist so stark, dass ich nicht schlafen kann, wenn ich ihn nach 16 Uhr trinke. Hut ab.

Was andere über meinen Filterkaffee sagen: Ich weiß nicht, wie Ihr Kaffee kocht, aber ich nehme immer so viele Teelöffel Pulver, wie Tassen angezeigt werden – plus einen „für die Maschine“. So habe ich es in Bad Vilbel gelernt, denn mein damaliger Kollege und heutiger Kumpel Dennis nahm sich nach dem ersten Versuch ein Herz und zeigte mir, wie’s geht. Und so mache ich es heute noch. Mir schmeckt er in dieser Stärke am besten. Aber es gibt Menschen, die behaupten, ihnen sei er zu stark.

Mein Spleen: Ich freue mich immer, wenn ich eine neue Packung Kaffee öffnen darf. Denn wenn das Pulver in die Dose gekippt ist, bleibt das Aroma noch lange in der leeren Packung. Die nehme ich mir dann mit an meinen Schreibtisch und schnüffele den halben Tag hingebungsvoll daran.

Wie ich meinen Kaffee trinke: Seit einigen Jahren schwarz. Ich vertrage Milch nicht so richtig gut und es ist mir zu stressig, immer für Mandelmilch zu sorgen. Bei Starbucks und Co liebe ich aber einen leckeren Milchkaffee mit Mandel-, Hafer- oder Sojamilch.

Und jetzt Ihr: Trinkt Ihr Kaffee und wenn ja, was für eine Maschine besitzt Ihr? Mögt Ihr ihn schwarz, mit Milch und/oder Zucker? Und achtet Ihr beim Kauf auf fairen Anbau?

Foto: Heather Ford / unsplash.com

3 Kommentare

  1. Honecker liebte wohl auch Nescafe, was ich als DDR-Kind recht amüsiert mal las.
    Ich mag es total, wenn die simple Filtermaschine vor sich hin röchelt und sich der Duft frisch gebrühten Kaffees ausbreitet. In meiner Lehre hatte ich mir türkisch genannten, in der Tasse aufgebrühten Kaffee, abgeschaut. Von den Krümeln im Mund habe ich aber schon lange die Nase voll. Heute ist löslicher Kaffee, herrlich bitter und tassenweise stark zubereitet, meine erste Wahl. 😉

    1. Nescafe ist ja auch was Gutes – und entsprechend teuer. Ich wette, der Rest der DDR-Bevölkerung musste aufs Markenprodukt verzichten und den Ost-Nachbau trinken. 🙈 Na dann viel Freude mit der ersten Tasse des Tages.

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