Wie du jetzt in Weihnachtsstimmung kommst

Foto: Long Ma

Man könnte meinen, dass ich, seit ich bei der Katholischen Kirche arbeite, sowas wie eine Expertin für Weihnachtsstimmung bin. In der Tat fühle ich mich in diesem Jahr deutlich weihnachtlicher als sonst. Und ich denke viel darüber nach, wo sie denn eigentlich her kommt, diese legendäre Weihnachtsstimmung, die jeder in den Wochen vor den Feiertagen sucht und manchmal daran verzweifelt.

Denn auch mir ging das viele Jahre lang so. Ich war vor Weihnachten so beschäftigt, genau wie alle anderen auch, dass ich oft erst zwischen den Jahren oder vielleicht sogar im Januar zur Ruhe kam. Und dann hatte ich manchmal so etwas wie eine verzögerte, verspätete Weihnachtsstimmung, mit der ich nichts mehr richtig anzufangen wusste.

Klar hatte ich auch im Advent ab und zu solche Momente.

Aber wirklich nur ein kurzes Aufflackern, eine Ahnung von dem, was da sein könnte. Zum Beispiel, wenn ich eine Frau sah, die einen lustigen, rot funkelnden Haarreif mit Rentier-Geweih oder Ohrringe in Zuckerstangenlook trug. Oder jemanden mit so einem ugly christmas sweater.

Oder wenn ich den Duft von Glühwein, Feuerzangenbowle oder Glögg auf Adventsfeiern so tief einatmete, dass ich allein davon schon halb betrunken war – in einer Zeit, in der es noch möglich war, sich mit 50 Menschen in einen winzigen, überheizten Raum zu quetschen, zum Beispiel ins Fachschaftszimmer an der Uni.

Oder auch, wenn mein dreckig-trauriger Lieblingsweihnachtssong „Fairytale of New York“ im Radio lief und mir, ohne dass ich gewusst hätte warum, die Tränen kamen.

Oder, wenn es zum ersten Mal schneite.

Aber all das waren immer nur kurze Momente, ein kurzes Aufleuchten meiner persönlichen Weihnachtsstimmungsmischung aus Melancholie, Glück, Kindheitserinnerung und Vorfreude. Das war schön, doch eine Stimmung, die mal länger angehalten hätte, hatte ich früher nie.

Foto: Jessica Delp

Nun, seit ich bei der Kirche arbeite, ist sie plötzlich da – und nicht nur im Dezember. Und ich frage mich, warum. Ich habe meinen neuen Job ja im Herbst des ersten Corona-Jahres angefangen, und ich glaube, dass der Wegfall von Weihnachtsmarkt und Adventsfeiern viel dazu beigetragen hat, sie zu finden. Denn endlich war da mal Stille. Und die braucht man am allerdringendsten, um in Weihnachtsstimmung zu kommen.

Dank dieser vermeintlichen Stimmungs-Abstinenz im vergangenen Jahr ist mir klar geworden, dass die Suche nach der Weihnachtsstimmung einen Denkfehler beinhaltet. Wir suchen unsere Stimmung im Trubel, wir packen uns unsere Tage voll bis obenhin mit Aktivitäten und Treffen, mit Weihnachtsmarktbesuchen (jetzt zum Teil ja wieder möglich) und Konzerten, und hetzen dazwischen durch die Kaufhäuser, um Geschenke zu kaufen. Und wir halten das, was wir da ab und zu aufflackern spüren, für Weihnachtsstimmung. Doch statt sie zu stärken, indem wir einen Gang zurückschalten, ersticken wir sie gleich wieder mit unserem ständigen Rumgehetze.

Weihnachtsstimmung braucht Zeit und sie braucht Raum.

Denn wir haben alles, was wir dafür brauchen, längst in uns. Wir müssen nur endlich mal die Ablenkungen abschalten, zuhören und es zulassen. Das zu begreifen ist ein Geschenk, das die Pandemie mir gemacht hat. Und auch mein Job hat einen großen Anteil daran. Denn wenn man Weihnachten ein stückweit beruflich macht, fängt man mit den Planungen schon im September an, um alles zur Adventszeit fertig zu haben. Und hat ganz viel Zeit, sich vorzufreuen.

Eigentlich sollte der Advent eine Zeit der Einkehr sein, der Besinnung. Diese wahrlich überstrapazierten Ausdrücke liest man sogar ab und zu noch auf Grußkarten, doch kaum jemand macht sich bewusst, was sie bedeuten. Dabei sind sie so ein guter Ratschlag aus alten Zeiten. Der Advent muss, in einer idealen Welt, eine Zeit des absoluten Rückzugs sein. Eine Zeit der innerlichen Reinigung und der Meditation, des Gebets. Man sollte sich Zeit nehmen, sich mental auf das vorzubereiten, was passieren wird: Weihnachten, Jesu Geburt, aber auch in einem weniger christlichen Sinne das Ende des Jahres als Übergang in ein neues Kapitel. Mal Bilanz ziehen. Das eigene Leben schonungslos ehrlich betrachten und die eigenen Lebensmotive, die großen Entscheidungen des Jahres hinterfragen.

Mir ist natürlich klar, dass es vor Weihnachten in den meisten Jobs stressig ist (speaking of Kirche – fragt uns mal, wie viel wir gerade zu tun haben *g*!). Und dass Geschenke gekauft und Planungen gemacht und ganz besonders feierliche Gerichte gekocht werden müssen. Aber diese meditative, auf etwas Kommendes ausgerichtete Weihnachtsstimmung ist eine Haltung, die, wenn man sie früh genug und gelassen genug einnimmt, dabei helfen kann, auch die notwendigen Vorbereitungen besser zu überstehen.

Was also tun, wenn man bis jetzt nur am Herumhetzen ist und sich fragt, ob sie wohl noch kommt, die ersehnte Weihnachtsstimmung?

Weniger Verabredungen. Weniger Rentier-Haarreife. Weniger Geschenkestress.

Mehr Stille. Tief atmen. Spazierengehen in der Kälte. Meditieren. Loslassen. Akzeptieren, dass nichts perfekt sein wird und es das auch nicht sein muss, denn darauf kommt es nicht an.

Stattdessen: Reize reduzieren, Verpflichtungen reduzieren, Abkürzungen wählen und erledigen, was erledigt werden muss. Damit man danach in die Stille zurückkehren kann.

1 Kommentar

  1. Gemessen an der DDR-Kindheit mit der durchaus christlichen Stimmung, die sich allein schon traditionsbedingt breit machte, ist in Pandemie-Zeiten für mich nun das unweihnachtlichste Fest gekommen. Weihnachten braucht Zeit und Ruhe, wie du schreibst, doch ich fühle mich nur gehetzt von dieser Zeit.
    Aber, ich habe mir fest vorgenommen, noch mehr an meinen persönlichen Traditionen festzuhalten (Ente am 1. Feiertag und möglichst nostalgische Filme und Videos schauen), womit es mir hoffentlich geling eine Art festliche Insel zu kreieren.
    Wie auch immer, frohes Fest! :)

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