#psyche: Anleitung zum Weichwerden

Foto: Matthew Henry / unsplash.com

Weichsein ist fast sowas wie eine Beleidigung. Heute wollen alle lieber hart sein. Diszipliniert. Zielstrebig. Denn das verlangt die Welt von uns. Wenn wir mal einknicken, weich werden und das Ziel aus den Augen verlieren, kommen wir vielleicht unter die Räder. Und dann kann das schlimme Folgen haben. Wir werden fett und faul, drogenabhängig und arbeitslos, wir verlieren unsere Wohnung und unsere Statussymbole. Ein Schreckensszenario. Also bloß nicht nachgeben, immer schön dran bleiben – denn dann könnte dieses Insta-Traumleben, nach dem wir alle heimlich streben, schon hinter der nächsten Wegbiegung auf uns warten.

Das betrifft einerseits den Körper, klar. Denn stark ist das neue schlank. Klingt ganz okay und gesund, oder? Doch es erfordert auch viel Training, viel Zeit, die in den Körper investiert werden muss. Denn die Mom-Jeans sieht halt nun mal am besten an einem trainierten Bauch aus.

Auch, was das Essen betrifft, sind wir ziemlich hart zu uns. Am besten hängen wir uns zur Motivation ein Bild der Mom-Jeans an den Kühlschrank, da vergeht uns die Lust aufs Essen dann schon. Aber auch darüber hinaus machen wir aus der Ernährung heute gerne mal ein Mittel, um uns selbst zu reglementieren. Wir versagen uns dieses und jenes, wir essen lactosefrei, glutenfrei oder vegan. Manche tun das aus Unverträglichkeit heraus, andere aus Überzeugung, zum Beispiel, keine tierischen Produkte zu essen. Doch ich behaupte mal, fast genausoviele verzichten aus psychologischen Gründen auf bestimmte Dinge. Warum? Weil sie merken, dass es sie innerlich ruhiger macht, sich selbst gewisse Lebensmittel zu verbieten.

Woher ich so gut weiß, wie sich das anfühlt?

Weil ich genauso bin, genauso esse und lebe. Früher dachte ich immer, dieses Kontrollgefühl sei fast schon so eine Art Essstörung, aber mittlerweile denke ich, dass wir einfach überfordert sind mit der Auswahl und uns deshalb freiwillig einschränken. Es gibt ein Gefühl von Sicherheit, im überwältigenden Überangebot an Lebensmitteln eine feste Bande im Rücken zu spüren, eine Grenze, die man nicht überschreiten darf. Ich weiß, dass viele Menschen dieses Luxusproblem nicht kennen, dass viele froh sind, überhaupt etwas zu Essen zu haben. Und trotzdem empfinde ich es so.

Dazu kommt, dass ich fast schon mein halbes Leben mit Diäten experimentiere, um endlich die eine zu finden, die mir gut tut und mich abnehmen lässt. Gerade habe ich mal wieder ein paar Wochen No Carb hinter mir. Kein Brot, keine Nudeln, keine Kartoffeln, kein süßes Obst. Stattdessen Milchprodukte, Fleisch und Gemüse. Meistens nehme ich davon auch wirklich ein paar Kilo ab, allerdings fühlt mein ganzer Körper sich dann so richtig übersäuert – und meine Psyche gleich mit. Kein schönes Gefühl.

Spontan kommt mir diese Szene aus „Eat Pray Love“ in den Sinn, in der Elizabeth Gilbert, gespielt von Julia Roberts, sich bei einem Gespräch mit ihrer Freundin und Kollegin leidenschaftlich aufregt:

Do you know what I felt when I woke up this morning, Delia? Nothing. No passion, no spark, no faith, no heat, absolutely nothing. […] I have no pulse. I used to have this appetite for food, for my life. And it’s just gone.

Elizabeth Gilbert, Eat Pray Love

Wenn ich ehrlich bin, kann ich das gut nachvollziehen. Dieser andauernde Verzicht, von dem man niemals abweichen darf, nervt. Und all das nur für einen schlanken Körper, einen geraden Lebenslauf und die Illusion, irgendetwas auf der Welt unter Kontrolle zu haben?

Also habe ich darüber nachgedacht, wann ich mich eigentlich lebendig fühle. Und war überrascht von der Antwort: Immer dann, wenn ich mal ein ganz klein wenig ausbreche. Wenn ich doch 60 Gramm vom gezuckerten Müsli statt von den blassen Sojaflocken nehme. Wenn ich mich im Restaurant doch von einer Freundin überreden lasse, einen Nachtisch zu teilen. Oder wenn ich mir bei Ebay doch die gebrauchte Liebeskindtasche für 30 Euro schnappe, obwohl ich sie mir eigentlich gerade nicht leisten kann.

Die Erkenntnis ist die: Ich brauche gar nicht viel, um viel zu spüren. Ich muss keine Tafel Schokolade essen, um von Zucker geflutet zu werden, ein paar Stückchen langen. Ich muss nicht elend viel Geld ausgeben, um einen Kick zu fühlen, ich bin bescheiden. Es langt, wenn ich hier und da mal ein bisschen weich werde, um glücklich und lebendig zu sein.

Da ist es wieder, das Gleichgewicht, von dem ich in der vergangenen Zeit so viel gelesen habe.

Das gesunde Mittelmaß, zu dem es so viele Sprichworte, so viele Weisheiten, so viele Gesundheitstheorien gibt. Und zu dem zum Beispiel auch die Traditionelle Chinesische Medizin viel zu sagen hat. Warm und kalt, Yin und Yang, männlich und weiblich, Säure und Base – egal, welche Gesundheitsphilosophie mir in den letzten Jahren begegnet ist, darauf lässt sich fast alles herunterbrechen. Und im Mittelpunkt immer die eine Annahme: Zuviel von einer Sache ist nicht gut, am besten geht es uns, wenn wir gut ausbalanciert sind.

Diese Philosophie des Mittelmaßes ist in vielen medizinischen Ansichten, vielen Ernährungsweisen, vielen Sportarten und sogar Religionen zu finden. Das zu verstehen kostet nichts – und es kann uns von vielen modernen Problemen nahezu sofort heilen.

Foto: Maria Shkliaeva / unsplash.com

Gleichzeitig merke ich aber auch, dass ich mich viel zu lang falsch angetrieben habe, so dass es mir gar nicht so leicht fällt, weicher zu werden, um diesen guten Mittelweg zu finden. Um mich einem gesunden Gleichgewicht wieder anzunähern, habe ich für mich selbst ein paar Tipps gesammelt, die ich hier an Euch weitergeben möchte:

Lass mal los: In welchem Bereich deines Lebens bist du momentan besonders streng zu dir? Gestatte dir, genau dort eine Runde auszusetzen. Doch mal Zucker zu essen. Mal liegenzubleiben und eine Stunde länger zu schlafen, auch wenn du eigentlich vor der Arbeit noch ins Fitnessstudio gehen wolltest. Keine Sorge, davon geht die Welt nicht unter.

Spür, was passiert: Wie fühlt sich das an, sich mal nicht vorwärtszupeitschen? Hast du Angst, dass nun alles zusammenbricht? Oder spürst du vielleicht ein kleines Glück – und dass dein Körper dir dankbar ist? Diese Selbstreflektion ist wichtig, um zu verstehen, wie gut es tut, auch mal vom Ziel abzuweichen. Und einfach nur dazusein.

Fünf Minuten Pause von der Selbstverurteilung: Ich nehme mir jeden Morgen fünf Minuten Zeit, stelle mir den Handywecker, setze mich mit überkreuzten Beinen auf mein Meditationskissen und schließe die Augen. Vor allem dienen diese Minuten dazu, in mich hineinzuhören. Aber eine meiner liebsten Übungen ist auch, für diese Zeit die Kommentarspur in meinem Gehirn auszuschalten. Du kennst das doch sicher auch, diese leise Stimme in deinem Kopf, die dir sagt, dass du nicht gut genug bst, dass du dich mehr anstrengen musst, dass du zu dick und zu schlapp bist? Nun, in diesen fünf Minuten sperre ich sie aus. Und spüre, wie meine Seele erleichtert aufatmet und sich endlich mal entspannen kann.

Yin-Yoga ausprobieren: Plank, Chaturanga oder Boat Pose – Yoga kann verdammt hart sein. Doch es gibt auch die weiche, softe, entspannende Variante, das Yin-Yoga. Die Bewegungen sind langsam, aber die Dehnungen sind intensiv, deshalb ist der Effekt groß. Eine meiner liebsten YouTuberinnen für die Yin-Variante ist die Yogalehrerin Bird.

Das Weich-werden genießen: Wenn ich in einen Schokoriegel beiße (mein Kryptonit ist Knoppers), wenn ich doch mal liegen bleibe oder die Tasche doch ersteigere, dann nicht mehr mit Schuldgefühlen wie früher. Sondern mit Genuss. Sonst lohnt sich das nicht.

Die Ziele immer mal wieder überprüfen: Jeder Mensch hat sein eigenes Ziel, einen ganz persönlichen Grund, der dazu motiviert, sich immer weiter hart anzutreiben. Meiner ist, endlich schöne Jeans tragen zu können. Ja, richtig gehört. Klingt profan, oder? Aber weil ich ein Bäuchlein habe, passen mir Jeans obenrum nie so richtig gut – und wenn sie oben rum passen, dann hängen sie unten viel zu weit herunter. Deshalb muss der Bauch schlanker werden – ich fürchte, ziemlich viel schlanker. Auch wenn mir schon klar ist, dass ich niemals ein Sixpack haben werde, einfach weil genau diese Sixpackzone meine Wabbelstelle ist, träume ich doch von einem flachen Bauch, der nicht mehr im Weg ist. Damit ich mich gut fühle, vielleicht auch ein bisschen sexy. Und dann? Legt Björn sich abends beim Fernsehen genau auf diesen wabbeligen Bauch und seufzt glücklich: „Du bist so schön weich und kuschelig.“ Hmpf. Vielleicht langt es doch, ein, zwei Kilo abzunehmen, um in die Jeans zu passen? An dieser Stelle ein Buchtipp für alle Bauchfrauen: „Das Leben ist zu kurz, um den Bauch einzuziehen“ von Sandra Wurster.

Mit dem glücklich werden, was man hat: Jeder von uns hat seine Geschichte – und jeder von uns hat seine Schwachstellen. Man kann viel Zeit investieren, um sie zu verändern, aber das Ziel wird nie ganz erreicht sein. Ich kann mir einen flachen Bauch hintrainieren, mit viel Disziplin und Verzicht, aber sobald ich aufhöre, wird er wiederkommen. Klingt ein bisschen nach einem aussichtslosen Kampf, oder? Warum dann nicht einfach die Zeit, die ich normalerweise für Situps und Selbsthass aufwenden würde, investieren, um eine Hose zu finden, die dem Jetzt-mir passt? Ehrlich gesagt war ich schon oft an diesem Punkt – und bin doch immer wieder zur Härte und zum Kampf zurückgekehrt, einfach weil ich nicht glauben wollte, dass mein Ziel unerreichbar sein sollte. Selbstakzeptanz ist eine Entscheidung, die man jeden Tag wieder neu treffen muss. Und das will ich ab heute wieder tun.

Von Vorbildern lernen: Einige von Euch haben vielleicht gelesen, dass ich seit eineinhalb Monaten für die katholische Kirche arbeite (darüber habe ich auch hier geschrieben: @work: Mein neuer Job). Diese Arbeit ist mehr für mich als ein sicheres Gehalt. Ich habe in den letzten paar Wochen so viele tolle, inspirierende, bescheidene Menschen kennengelernt, die sich um andere sorgen und so viel besseres mit ihrer Zeit anzufangen wissen, als Haferflocken abzuwiegen. Wenn ich mich mit ihnen vergleiche, bin ich oft heimlich ein bisschen beschämt, weil ich so egoistische und manchmal auch ziemlich blöde Ziele verfolge, weil ich oft mit meiner Situation und meinem Bauch hadere und traurig bin, obwohl ich dankbar sein könnte, dass ich gesund bin und alles dran ist an mir. Durch meine Arbeit folge ich auch auf Social Media diversen kirchlichen Kanälen, und auf katholisch.de hat in der vergangenen Woche für ein paar Tage eine junge Franziskusschwester den Kanal übernommen, sr.mariamagdalena. Das, was sie so postet, hat mich so sehr berührt, dass ich ihr nun auch mit meinem privaten Kanal folge. „Du musst dein Ändern leben“, hat sie letztens geschrieben, das gefällt mir. Aber an anderer Stelle habe ich etwas von ihr gelesen, das mich wirklich sehr beschäftigt hat: „Der Gebrochene ist der Geöffnete.“ Viele Menschen haben Schlimmes erlebt – und niemand kann seine Geschichte ungeschehen machen. Aber man kann mit dem, was man daraus gelernt hat, weiterleben, man kann akzeptieren, dass das Erlebte zur eigenen Formung beiträgt, dass es einzigartig macht. Und mit dieser einzigartigen Sichtweise zur Welt beitragen. Wenn das mal keine Mission ist.

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