Hochsensible und Empathen: So sehen wir die Welt

Foto: Sahand Hoseini

Gerade habe ich einen Kommentar unter einem Yogavideo gelesen, der mich nachdenklich macht: „May I see through my own eyes“ – „Möge ich durch meine eigenen Augen sehen.“ Die Online-Yogalehrerin Kassandra ruft in jedem Video dazu auf, sich ein Wort oder einen kurzen Satz zu überlegen, um das zu beschreiben, was wir momentan fühlen, brauchen oder uns für den Tag wünschen. Während man die Übungen macht, wiederholt man das Mantra, die Affirmation im Kopf, so dass sie sich hoffentlich manifestiert und wahr wird. Viele schreiben anschließend ihre Affirmation des Tages als Kommentar unter das Video.

„May I see through my own eyes“ – das hat etwas in mir sehr angesprochen. Denn es passiert mir immer wieder, dass ich eben nicht durch meine eigenen Augen sehe. Das kann verschiedene Gründe haben. Als Hochsensible spüre ich die Schwingungen und Gefühle meines Gegenübers sehr genau – und dann kann es passieren, dass ich die Umgebung vorübergehend eher durch seine Augen wahrnehme als durch meine. Oder ich lasse mich davon verunsichern, was andere für ihr Leben möchten (Hochzeit, Kinder, Haus) – und lasse mich davon verunsichern, dass meine Vorstellung von Glück eine andere ist. Und es passiert auch, wenn ich viel Zeit mit Menschen verbringe, die ich mag und bewundere, die aber nicht besonders empathisch sind. Dann fühle ich mich oft so ein bisschen linkisch, fehl am Platz und mitunter sogar abgelehnt, weil ich mit ihnen gerne auf einer höheren Ebene Verbindung aufnehmen möchte, aber nichts zurück kommt.

Hochsensible, Empathen und andere, die Stimmungen und Schwingungen sehr fein wahrnehmen, sind täglich mit der Frage konfrontiert, ob ihre Gefühle eigene sind oder von außen kommen.

Das klingt vielleicht erst einmal spirituell oder gar magisch, ist es aber gar nicht. Vielmehr steckt meistens eine traurige Kindheit(serfahrung) dahinter. Empathen haben von früher Kindheit an gelernt, die Zeichen um sich herum zu lesen. Diese Empathie ist nicht die Art Empathie, die man gerne haben möchte, die man an anderen lobt, die so wunderbar mitfühlend sind. Sondern eine völlig übersteigerte Sensibilität der Umgebung gegenüber. Ein häufiger Grund dafür ist eine psychische Krankheit eines Elternteils (so wie in meinem Fall), eine Suchterkrankung oder auch Gewalterfahrung. Kinder sind sehr gut darin, kleinste Zeichen zu deuten, um frühzeitig entgegenzuwirken, ihr Gegenüber „abzuholen“ und ihm das zu geben, was es in diesem Moment benötigt. Und zwar aus Notwendigkeit heraus, damit die Stimmung von Mutter oder Vater nicht kippt, damit nicht geweint oder geprügelt wird und das Kind leidet. Wer sich mit dem Thema Empathie näher befassen möchte, findet hunderte von Fachbüchern dazu und im Internet viele, viele Seiten und YouTube-Videos, die diesen Mechanismus psychologisch erklären.

Was in der Kindheit eine Überlebensstrategie ist, kann im Erwachsenenalter zur regelmäßigen Überforderung werden.

Denn erwachsene Empathen können diese Fähigkeit nicht einfach abstellen. Sie nehmen die Gefühle der Menschen um sich herum nicht nur wahr, sie saugen sie regelrecht auf und tragen sie mit. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Man zieht sich die Gefühle anderer an wie einen Mantel, und zwar völlig unbewusst. Das führt dazu, dass ich mich in Menschenmengen nicht wohl fühle, einfach, weil ich den Stress, den Frust, die Schmerzen der Anderen fühle, als ob es meine eigenen wären. Das kann im Stau sein, in einem vollen Kaufhaus oder sogar bei etwas Schönem wie einem Konzert: Viele Menschen bedeuten einfach viele Emotionen. Oft zu viele Emotionen, in meinem Fall. Diese Informationen aus der Umgebung brüllen mich regelrecht an und sind so wahnsinnig laut, dass ich kaum noch denken und erst recht nichts genießen kann. Gefühlsterror, sozusagen.

Deshalb meiden viele Empathen Menschenansammlungen, erst recht, wenn sie geplant sind (wie bei einem Konzert, Straßenfest oder ähnlichem) – oder müssen sich zumindest mental überwinden, daran teilzunehmen. Doch das heißt nicht, dass wir immer nur alleine daheim sitzen (auch wenn Zeit allein ganz wichtig ist). Sehr gern sind wir mit denen, die wir mögen, im kleinen Kreis zusammen, sprechen über das, was uns wirklich bewegt, und sind auf einer höheren Ebene verbunden, auf der uns signalisiert wird: Der Andere fühlt sich wohl, es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen – die Stimmung wird nicht von jetzt auf gleich kippen, alle sind in Sicherheit.

Empathen müssen sich immer und immer wieder, manchmal mehrmals am Tag, daran erinnern, die Welt durch ihre eigenen Augen zu sehen und nur ihre eigenen Gefühle zu fühlen.

Das kann anstrengend sein, aber es soll hier auch nicht verschwiegen werden, dass man von dieser Fähigkeit an anderer Stelle auch profitiert. Weil man einfach sehr schnell versteht, wie andere ticken, und ihnen ganz natürlich das Gefühl geben kann, dass sie in ihrer Einzigartigkeit gesehen werden. Es ist ja auch so, man sieht sie ja nicht nur, man fühlt sie ja sogar.

Eine Ausnahme gibt es beim Schauen durch die eigenen Augen allerdings: Empathen neigen dazu, das eigene Leben und das eigene Tun sehr stark zu zerdenken, bishin zur Zerfaserung. Denn natürlich kann auch im Inneren der ständige Informationsfluss nicht abgeschaltet werden. Deshalb ist es manchmal sinnvoll und eine Verschnaufpause, sich mal von außen zu betrachten, wie es eine gute Freundin tun würde. Und nicht ganz so streng mit sich zu sein.

Noch ein Rat: Wenn Ihr auffällig mitfühlende Kinder in Eurem Umfeld habt, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Vielleicht sind diese Kinder auf dem Weg zum Empathen, weil sie still (und manchmal unbewusst) leiden, ohne dass die Probleme der Familie nach außen dringen. Die Übergänge jedenfalls sind fließend – und empathische Kinder freuen sich, wenn man ihnen signalisiert, dass zumindest in diesem einen Moment wirklich alles in Ordnung ist.

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