
Bunte Herbstblätter, die im Sonnenlicht leuchten. Ein fröhliches Ja-Wort mit Blick in den Wald, ein bewegtes Ja-Wort in einer runden Kirche mit Tränen: In der ersten Oktober-Woche waren wir auf gleich zwei Hochzeiten eingeladen. Beide waren wunderschön, einzigartig, zwei Feste der Liebe.
Bei Hochzeiten begegnet uns immer wieder eine Formulierung: Das „gemeinsame Leben“, das jetzt beginnt und für das wir alles Gute wünschen. Das macht mich als Frau in einer langjährigen, unverheirateten Beziehung nachdenklich. Denn Björn und ich haben – vielleicht aufgrund unserer fehlenden Hochzeit – nie definiert, dass wir unser gemeinsames Leben jetzt beginnen. Wir sind, wenn man so will, am Startfeld vorbeigezogen und haben einfach losgelebt. Rückblickend frage ich mich, ob uns dieses „Sich gemeinsam auf den Weg machen“ vielleicht gefehlt hat. Wann „beginnt“ denn das gemeinsame Leben, wenn es keine Hochzeit gibt? Wenn man kein Kind bekommen möchte? Wenn einige der klassischen Insignien des Erwachsenseins bewusst oder unbewusst ausgelassen werden?
Vielleicht war das bei uns, als wir uns entschlossen haben, zusammenzuziehen. Oder als wir ein gemeinsames Konto eröffnet haben. Oder als wir angefangen haben, uns gegenseitig in Versicherungen hineinschreiben zu lassen. Vielleicht, doch nichts davon hat sich angefühlt wie der große „Anfang“, den Hochzeiten versprechen.
In meinem Umfeld sehe ich, dass eine Hochzeit sehr wohl Dinge verändert. Ich habe das Gefühl, frisch verheiratete Paare nehmen eine neue Selbstverständlichkeit aus ihrer Trauung mit in ihr gemeinsames Leben. Die Selbstverständlichkeit, zuallererst miteinander zu sein, als Einheit anerkannt zu werden. Zum Beispiel an den Weihnachtsfeiertagen, die für Björn und mich traditionell eine merkwürdige Wiederholung unserer Kindheitsfesttage sind. Denn wir feiern sie, seitdem wir uns kennen, getrennt, um bei unseren jeweils alleinstehenden Elternteilen sein zu können. Wie Kinder eben. Bei vielen Paaren, die geheiratet haben, nehme ich wahr, dass sie plötzlich von ihrem Umfeld als „erwachsen“ gesehen werden, dass plötzlich sie diejenigen sein wollen und auch sein dürfen, die das Weihnachtsfest ausrichten.
Ein anderes Beispiel ist „das gute Geschirr“. Björn und ich haben kein „gutes Geschirr“. Wir haben Alltagsgeschirr, einfach weiße Teller, die gar nicht zueinander passen, aber weiß ist weiß und man sieht nicht so richtig, dass es mindestens drei verschiedene weiße Tellersets sind, die zusammengelegt wurden. Und okay, wir haben ein süßes Kaffeegeschirr mit blau-weißem Zwiebelmuster aus den 50er Jahren von der besten Freundin meiner Oma. Aber wir haben kein Villeroy und Boch, das wir uns irgendwann mal gemeinsam ausgesucht haben – zum Beispiel zur Hochzeit mit einem Hochzeitstisch bei Lorey, so dass jeder uns ein Kännchen oder ein Tellerchen aus der Serie schenken kann. Viele Menschen, die geheiratet haben, besitzen ein solches Geschirr – ja, manche haben sich nach der Hochzeit sogar neue Schränke mit Glastüren gekauft und stellen es regelrecht im Wohn- oder Esszimmer aus. Natürlich wünschen sich nicht alle Geschirr zur Hochzeit, aber es scheint mir ein häufig wiederkehrendes Geschenk zu sein.
Niemand hindert uns daran, uns auch ohne Hochzeit ein solches Geschirr zu kaufen, das weiß ich.
Aber wir tun es trotzdem nicht. Weil wir es nicht brauchen. Weil wir nie in die Verlegenheit kamen, uns ein teures Geschenk auszusuchen. Also tun unsere weißen Teller, was sie sollen, auch weiterhin.
Was ich mich frage, ist aber nun folgendes: Welche Auswirkungen hat dieser fehlende Startschuss sonst noch auf unser gemeinsames Leben? Denn ich gebe ehrlich zu: Ich habe nicht das Gefühl, besonders angekommen zu sein. Wir planen immer noch von Woche zu Woche, ich selbst lebe immer noch von Gehaltscheck zu Gehaltscheck. Nichts davon schreit: Dashier ist die lange Mitte deines Lebens, genieße die Stabilität, die du dir erarbeitet hast.
Im Grunde ist mein Leben noch immer wie in meinen Zwanzigern, obwohl ich in zwei Monaten 40 werde. Ich habe noch die gleiche Verantwortung wie vor 15 bis 20 Jahren, nämlich die für meine Familie, meine Beziehung, unsere Katzen und mich selbst, sonst keine. Ich wohne immer noch in einer Mietwohnung. Ich arbeite immer noch als Redakteurin. Meine Freizeit besteht immer noch daraus, erledigt von der Arbeit zu kommen und mich entweder in ein Restaurant zu einem Treffen mit Freundinnen zu schleppen oder halbtot auf die Couch zu fallen, nur dass ich dabei jetzt Netflix und Disney+ schaue und kein Fernsehen mehr. Ich schreibe immer noch, aber es fühlt sich auch mit drei veröffentlichten Büchern noch immer an, als müsse ich um Anerkennung kämpfen.
Ich lebe noch wie früher. Und bislang dachte ich, das sei etwas Gutes. Immerhin haben wir keine Kinder, deren Bedürfnisse wir über unsere eigenen stellen müssen, und keinen Hauskredit, den wir abbuckeln.
Doch zugleich fühlt es sich an, als ob ich meine Zwanziger immer und immer weiter „reenacten“ würde.
Und gerade in den letzten Tagen, konfrontiert mit den großen Anfängen anderer Menschen, ist das kein schönes Gefühl mehr. Drüber. Fertig irgendwie.
Ich habe, wenn wir ehrlich sind, ein egoistisches Leben. Ich arbeite, und wenn ich frei habe, versuche ich, mich auszuruhen oder mich über kreatives Schreiben auszudrücken. Aber ich habe kein starkes Gegengewicht zu meinem Job. Ein bisschen fühle ich mich wie ein in Schieflage geratenes Boot.

Als Kind habe ich mir oft vorgestellt, wie mein späteres Leben wäre. Und ich habe mich, warum auch immer, mit Ehrenämtern gesehen. Nicht mit eigenen Kindern, aber engagiert für andere Menschen. Doch dafür fehlt mir, spätestens seit meiner Schilddrüsen-OP 2018, die Kraft, und, so, wie ich derzeit arbeite, auch die Zeit. Und irgendwie macht mich das verdammt traurig. Denn ich fühle mich, nicht erst seit diesem Job, so, als ob das Arbeiten mein einziger Lebensinhalt wäre.
Vielleicht kann mein 40. Geburtstag für mich persönlich ein Startpunkt sein, mich in der Mitte meines Lebens angekommen zu sehen (die 30er habe ich verpennt, die haken wir ab *g*). Und mich zu fragen: Wie möchte ich mein Erwachsenenleben gestalten? Dazu gehört auch, nicht mehr jeden Tag bis abends und spätabends zu arbeiten, sondern mir ein Gegengewicht zu suchen, das mir das Gefühl gibt, endlich einen Anker im Leben zu werfen.






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