#psyche: Anne übt das Loslassen

Foto: Brooke Cagle

Zuallererst vorweg: Es geht mir gut. :) Einige liebe Leserinnen haben sich bei mir erkundigt, warum ich in den letzten Wochen so schweigsam war. Der Grund dafür ist ein Schöner: Ich war fast den gesamten November in Südafrika bei meinem Vater, der dort einige Monate im Jahr lebt, während immer jemand von seiner Familie derweil sein Haus hier hütet. Das war ganz wunderbar, und sicher werde ich hier bei Gelegenheit über die tollen Orte schreiben, die wir besucht haben, und über die großartigen Dinge, die wir gesehen und erlebt haben. Eine lange Liste mit Südafrika-Tipps rund ums Kap habe ich schon auf meinem Handy.

Heute möchte ich Euch aber zunächst von dem erzählen, was ich seit Südafrika gemacht habe: Unser Schlafzimmer auseinandergebaut und neu zusammengesetzt nämlich. Ein bisschen wie Tetris, nur viel emotionaler, viel anstrengender und viel teurer.

Aber von vorne. Das Haus meines Vaters in Südafrika ist wunderschön eingerichtet – und es ist klug eingerichtet. Denn obwohl er viele Erinnerungsstücke und auch Möbel aus Deutschland dorthin gebracht hat, ist es nicht vollgestellt, und es gibt auch keine Dinge, die unnütz wären. Alles erfüllt einen Zweck und sieht dabei noch gut aus. Warum ist das so? Weil es ein Zweithaus ist. Daheim hat er, wie wir alle, sicher auch Möbel und Dinge, an denen er nur festhält, weil er sie schon lange hat, aus sentimentalen Gründen. In dem neuen Haus in Südafrika konnte er nochmal von vorn anfangen, sich sein Leben einzurichten – und hat Möbel und Einrichtungsgegenstände gewählt, die genau die Bedürfnisse erfüllen, die er dort hat.

Für mich war das ein Erkenntnismoment, als ich im Wohnzimmer mit dem grandiosen Ausblick auf exotische Pflanzen und beeindruckende Berge saß, mich umschaute und begriff: Ich will mein Leben entrümpeln. Und ich werde bei meinen Möbeln anfangen. Denn diese Dinge, diese großen, sperrigen Dinge, die mich umgeben und die ich nur noch habe, weil ich sie eben habe, machen mein Leben schwer und unbeweglich. Mag sein, dass das für andere Menschen keine lebenserschütternde Erkenntnis ist.

Aber ich habe ein Thema mit Möbeln, ich habe ein Thema mit Loslassen. Und beides liegt in der Trennung meiner Eltern begründet.

Um das zu begreifen muss ich keine Psychologin sein. Als mein Vater 1989 auszog, war ich fünf Jahre alt. Er ließ im Dachgeschoss, das ihm als Arbeitszimmer gedient hatte, seine alten Möbel zurück, seine Jugend- und Studienmöbel. Und wir veränderten nichts daran. Das Dachzimmer wurde zum Mausoleum, oder, weniger morbide, zur Erinnerungsstätte. Als ich ins Teenie-Alter kam, zog ich aus meinem Kinderzimmer in das Mausoleum. Ich hatte natürlich keine Erfahrung im Möbelkaufen und Verkaufen, kaum eigenes Geld – und außerdem gab es so etwas wie Ebay Kleinanzeigen damals noch nicht. Wie singt der Typ, dem ich auf YouTube folge, immer: „You must remeber: It was the Nineties…“

Also wohnte ich in den alten Möbeln meines Vaters und schlief im ausrangierten Ehebett meiner Eltern – weil niemand von uns sich traute, an dem Zimmer etwas zu verändern. Zu viele Erinnerungen, zu viel damit verbundener Schmerz, den wir nicht aufwühlen wollten.

Einige Jahre später wurde uns klar, dass wir uns ruhig trauen durften, etwas daran zu verändern, und meine Mutter kaufte mir eine Jugendzimmer-Ausstattung. Wir brachten die alten Möbel meines Vaters auf den Sperrmüll. Und das war ein Trauma für mich. Nie werde ich vergessen, wie sie an der Straßenecke im Regen standen und wie die Jungs aus unserer Siedlung sich später einen Spaß daraus machten, darauf zu spucken und sie kleinzutreten. Das hat mir wirklich das Herz gebrochen – waren die Möbel für mich doch die Erinnerung an meinen Vater, als er noch bei uns gelebt hat. An meine glückliche Kindheit, bevor meine Familie auseinanderging.

Ich habe damals etwas verknüpft, das nicht verknüpft werden sollte: Möbel und Gefühle.

Seit dieser Zeit ist es für mich unverhältnismäßig schwer, Möbel loszulassen. Zum Glück nur Möbel und keine anderen Sachen, so dass ich nicht wirklich in Gefahr bin, irgendwann zum Messie zu werden. Aber Möbel … sind für mich noch immer wie Familienmitglieder. Wie Kinder, für deren Gefühle und Wohlergehen ich Verantwortung trage. Ich habe bei jeder alten Couch geweint, die „ausziehen“ musste, wenn eine neue kam. Und später auch bei jedem Schränkchen, jedem Tischlein, jedem Regal.

Foto: Arno Senoner

Ich habe meine Einrichtung deshalb nicht oft in meinem Leben geändert. Das Wohnzimmer unserer neuen Wohnung konnte ich von Grund auf neu einrichten, da wir in unserer alten Wohnung praktisch kein Wohnzimmer hatten, nur eine Ecke in der Küche, in der die Couch stand. Aber der Rest … hat mich auch beim Umzug in die neue Wohnung begleitet, weil er sich in meinem Leben festgefressen hat. Das hat dazu geführt, dass gerade das Schlafzimmer einfach nur vollgestellt war. Fast zwei Jahre lang. Und ich dort drin kaum atmen konnte. Fast zwei Jahre lang. Das ist besonders deshalb schade, weil es auch als „mein“ Zimmer fungiert, ich also meine Bücher, meine Sachen, meinen Arbeitsplatz, meinen Lesesessel dort habe. Aber ich wollte mich darin nicht aufhalten. Und ich wollte auch kein Yoga darin machen, weil das Zimmer mich deprimierte. Dabei sollte es doch mein Rückzugsort sein – und meine Yogamatte sowas wie meine Zufluchtsstätte.

Und dann kam Südafrika. Und mein Begreifen: Ich muss üben, loszulassen.

Und mit dem zu leben, was ich habe, statt jeden Samstag zu hoffen, endlich im Lotto zu gewinnen, damit ich uns ein großes Haus kaufen kann und endlich mehr Platz habe.

Zurück daheim versuchte ich, geduldig und gelassen an das Thema heranzugehen – und eskalierte sofort. Ich landete frühmorgens in Frankfurt, kam heim, duschte und schlief – und machte mich noch am Tag meiner Rückkehr daran, den großen Kleiderschrank auszuräumen. Den Schrank – ein drei Meter langes Ungetüm mit Spiegelschiebetüren – hatten wir zehn Jahre zuvor eigentlich nur deshalb von unserem Vermieter gekauft, weil er eh schon in der dafür vorgesehenen Ecke stand und er ihn nicht mitnehmen wollte. Ich stand nie auf Spiegeltüren. Aber das alte Schlafzimmer war so groß, dass mich das nicht weiter störte. Nachdem der Schrank in die neue Wohnung und das wesentlich kleinere neue Schlafzimmer umgezogen war, stand das Bett nun direkt daneben. Und die ständige Reflektion meines Gesichts und der Umgebung machte mich WAHNSINNIG. Ich bezog die Spiegeltüren also mit Holzfolie, aber so richtig toll sah das nicht aus. Und er blockierte auch einfach die komplette Wand, die ich dringend für andere Dinge gebraucht hätte.

Irgendwie war mir nie klar, dass es ja auch anders gehen würde. Und dann war die Entscheidung, ihn loszulassen, nach meiner Rückkehr aus Südafrika plötzlich ganz leicht. Die Überlegung, wie wir die gefühlten Millionen Dinge, die dort drin waren (Kleidung, Schuhe, Freizeitartikel und meine 300 Handtaschen) künftig unterbringen würden, war jedoch nicht ganz so leicht.

Während ich die Handtaschen anstarrte, die das gesamte Bett bedeckten, und die vielen Shirts, Hosen und Socken, die im Schrank so praktisch verstaut gewesen waren und die nun überall im Zimmer verteilt lagen, wurde mir etwas sehr Wichtiges klar: Wir brauchen gar nicht so viele Möbel. Viel eher geht es um die Dinge, die wir darin aufbewahren! Warum glauben wir denn, immer noch mehr Stauraum, immer noch mehr Platz, noch größere Wohnungen und Häuser zu benötigen? Weil wir so viel Zeug besitzen! Aber was besitzen wir denn da eigentlich? Das hinterfragen wir praktisch nie!

Ich begann also, zu hinterfragen.

Sortierte ganz viel Kleidung aus und brachte sie zum Kleidercontainer. Sortierte zwei Wäschekörbe Handtaschen aus. Verkaufte davon die, die etwas wert waren. Ich sortierte von meinen vielen hundert Bücher etwa ein Drittel aus. Und überlegte endlich einmal ganz von vorn: Welche Möbel brauche ich, um die Dinge zu verwahren, die ich behalten möchte? Welcher Standort im Zimmer ist sinnvoll und welche Form des Möbelstücks, damit es genau dort stehen kann?

Das war ein großartiges Gefühl! Jahrelang hat der Schrank die Einteilung des Schlafzimmers bestimmt, nun bestimme ich sie. Ich habe viel verkauft, unter anderem auch zwei meiner geliebten Expedit-Regale, die mich schon 14 Jahre begleiten. Eine Stehlampe, die ich schon in meiner vorvorherigen Wohnung hatte. Meinen Hometrainer. Und und und. Oft hat es mir weh getan, die Möbelstücke fortfahren zu sehen. Aber dann erinnerte ich mich daran, warum ich das mache (siehe Tipps unten). Und das tröstete mich. Sehr.

Foto: Paweł Bukowski

Mittlerweile habe ich einen niedrigen Kinderkleiderschrank von IKEA gebraucht gekauft, der genau unter die Dachschräge passt und in dem unsere hängende Kleidung gut untergebracht ist. Ich habe eine große Kommode besorgt für unsere Shirts und Hosen, ein Regal für unsere Pullover und einen eigenen Schrank für meine Taschen. Und ich habe die Wand in einer Farbe gestrichen, die mich fröhlich macht. Und heute, nicht einmal vier Wochen nach meiner Rückkehr aus Südafrika, fühle ich mich so wohl in diesem „neuen“ Schlafzimmer, dass es mein liebster Ort in der Wohnung geworden ist.

Nach dieser emotionalen Reise – so hat es sich wirklich angefühlt – kann ich sechs Tipps geben, die ich hart erarbeitet habe und die vielleicht anderen Menschen in einer ähnlichen Situation helfen können:

Danke sagen: Marie Kondo hat mir sehr geholfen mit ihrem Ratschlag, den Dingen zu danken, bevor man sie loslässt. Das ist wie ein kleines Abschiedsritual und außerdem eine Würdigung der gemeinsam verbrachten Zeit. Anschließend kann man in Liebe auseinandergehen und in die Zukunft schauen, ohne dass Trauer zurückbleibt.

Dinge verkaufen statt entsorgen: Aus finanzieller und nachhaltiger Sicht macht das natürlich Sinn. Aber auch aus emotionaler Sicht: Wenn man etwas auf Ebay Kleinanzeigen oder anderen Portalen verkauft, kommen Menschen, die den Gegenstand weiterlieben möchten. Die sich darauf freuen, ihn in ihrem Leben willkommen zu heißen. So brauche ich kein schlechtes Gewissen zu haben, ihn in ein neues, schönes, wertschätzendes Leben zu entlassen.

Hinterfragen, was wir mit uns rumtragen: Der große Kleiderschrank war für mich mehr als ein Kleiderschrank. Er hat mich im wahrsten Sinne blockiert. Denn er war das eine Teil, das wir nicht einfach selbst einpacken und mitnehmen konnten, als wir umgezogen sind. Wegen der riesigen, schweren Spiegeltüren haben wir beim Umzug erstmals ein Umzugsunternehmen beauftragt – und tatsächlich habe ich ihn nun auch von Profis verschrotten lassen, weil ich uns nicht zutraute, die Teile selbst runterzutragen (der Spiegel war unter der Klebefolie zerbrochen, daher konnte ich ihn nicht mehr verkaufen). Nun besitzen wir nur noch Möbel, die wir selbst transportieren können. Und sieh an, plötzlich fühle ich mich viel leichter.

Einen einfachen Wunsch formulieren und daran festhalten, wenn man mal zweifelt: In Südafrika habe ich gemerkt, wie schön es ist, meine Yogamatte einfach auf dem Boden liegen zu lassen und sie spontan zu benutzen, wann immer ich Lust dazu habe. Beim Yoga dort habe ich mir einen Wunsch zurechtgelegt für meine Rückkehr nach Hause: Ich möchte genug Platz im Schlafzimmer schaffen, um bequem Yoga machen zu können – und um die Yogamatte liegen lassen zu können, ohne dass sie stört. Dieses Ziel ist nun erreicht, und es hat mir sehr geholfen, mich in dem ganzen Chaos und Stress daran zu erinnern, warum ich das mache. Und es hat mich oft regelrecht getröstet, wenn ich traurig war, weil ich Abschied von Liebgewonnenem nehmen musste. Zu Weihnachten wünsche ich mir von meiner Mutter nun einen rutschfesten Yogateppich, der Teil der Einrichtung wird. Ich kann es kaum erwarten, ihn ins neue Schlafzimmer zu legen. :)

Auf Distanz gehen: Wer eine zeitlang woanders ist, beginnt, sich anzupassen. In Südafrika habe ich wiedermal erlebt, dass ich mit zehn Tops und fünf Pullis wunderbar auskomme – doch daheim habe ich das Fünffache im Schrank. Ich habe erst mit vielen tausend Kilometern Entfernung gesehen, was ich daheim vor lauter Plunder nicht bemerkt habe: dass ich nicht nur genug, sondern viel zu viel von allem habe. Daher kann ich nur sehr empfehlen, „Umbaupläne“ zu schmieden, während man nicht Zuhause ist.

Sich immer wieder überprüfen: Minimalismus fasziniert mich, Tiny Houses und Vanlife faszinieren mich. Denn dort kann man lernen, wie funktionale Einrichtung geht. Aber: Auch Minimalisten wissen, dass der Mensch ein Sammeltier ist. Wer nicht aufpasst, häuft neue Dinge an. Das ist erstmal nicht schlimm, ein gewisses Durchtauschen ist ja auch schön. Aber das macht es notwendig, die eigenen Besitztümer immer wieder kritisch zu hinterfragen. Und im Zweifel für jedes neue Teil ein altes wegzugeben. Ich werde versuchen, das ab sofort regelmäßig zu tun. Loslassen habe ich ja jetzt hinreichend geübt. ;)

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