
Ich bin an der holländischen See. Während ich schreibe, sitze ich am Küchentisch meiner Ferienwohnung, mit Blick über die weiten, salbeigrünen Winterdünen, und sehe zarten Regentropfen und winzigen Schneeflocken dabei zu, wie sie im Wind tanzen. Die eiskalte Seeluft kommt durch die offene Glastür herein, und irgendwie fühle ich mich heute wunderbar leicht, wunderbar still. Dashier ist der richtige Ort und das richtige Wetter, um mal nur zu sein. Etwas, das mir sonst sehr schwer fällt.
Gestern bin ich angekommen und natürlich sofort zum Strand gegangen. Der Himmel war mit Wolken gesprenkelt, die Sonne stand schon tief und die Strahlen streckten sich nach dem Boden aus wie goldene Finger. „Die Finger Gottes“ sagt Björn dazu, und es gibt keine passendere Beschreibung. Während ich in meiner Umhängetasche nach meinem Handy suchte, um die Szene zu fotografieren, fand ich in einer kleinen Seitentasche eine zartrosafarbene Muschel. Ich erinnere mich genau, wo ich sie aufgelesen habe: Im November in Südafrika, in einem kleinen Ort namens Wilderness am Indischen Ozean, durch den wir kamen, als wir die Garden Route entlanggefahren sind. Ein Dorf fast, ein Surferdorf, das seinen Namen wegen des unglaublich schönen, wilden, rauen Strands mit der starken Brandung trägt. Es war ein ganz anderes Meeresgefühl als die holländische Nordsee: Weißer Sand, blaues Wasser, weiter hinten verschwenderische pinke Blüten an einem alten Busch. Es war so heiß, dass mir die nackten Fußsohlen brannten, und erstaunlicherweise waren wir die einzigen am ansonsten leeren Strand. Dort habe ich sie mitgenommen, die Muschel – um mich für immer an diesen besonderen, wilden, freien Moment zu erinnern.
Gestern nun, in gefütterter Jacke und mit Mütze auf dem Kopf, die Stiefel im nassen Sand und den Blick auf die Finger Gottes gerichtet, habe ich sie in meiner Tasche gefunden. Und plötzlich hatte ich Lust, sie in die Nordsee zu werfen. Um diese beiden Orte in Verbindung miteinander zu bringen. Um den roten Faden, der ich in meiner Welt bin, nur einen Momentlang sichtbar zu machen. Zwei Reisen, die sehr unterschiedlich sind, die aber zusammengehören, weil ich sie gemacht habe.
Ich nahm die Muschel heraus, drückte einen Kuss darauf und schleuderte sie weit in die winterkalte See. Und das fühlte sich toll an. Nicht traurig, nicht nach Abschied. Sondern nach Zusammenkommen, Vollständigwerden.
Normalerweise ist das untypisch für mich. Ich halte gerne an Dingen fest, auch an Gegenständen, denn sie helfen mir, mich an Erlebtes zu erinnern. Doch in diesem kurzen Moment gestern wusste ich: Ich darf loslassen, denn das, was ich in Wilderness und in Südafrika gesehen und erlebt und gefühlt habe, hängt nicht an einer kleinen rosafarbenen Muschel. Sondern es ist in mir.
Ich weiß das und ich wusste es schon früher. Das gestern fühlte sich an wie eine lebendige Erinnerung, den nächsten Schritt zu gehen in diesem Loslassen, das mich seit Südafrika so sehr beschäftigt. Loslassen. Fließen lassen. If it comes let it. If it goes let it. Das trifft auf so vieles zu. Und es macht mich nicht glücklich, mit aller Kraft an Altem festzuhalten. Stattdessen: Üben. Anzuerkennen, dass Zeiten sich ändern, Dinge zerbrechen, Menschen weiterziehen, die ich gerne bei mir behalten hätte. Anzuerkennen, dass Anderes kommt, das ich vielleicht nicht meine, zu brauchen, das mich aber lehrt, zu akzeptieren.
Atmen. Weite. Winter.
Loslassen.
Damit Platz für Neues ist.






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