#psyche: Das Märchen vom Alles-haben-Können

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Ich bin in einem schwierigen Alter. Eigentlich hatte ich gehofft, diesen Satz mit Beginn meiner Vierziger nicht mehr so häufig sagen oder schreiben zu müssen. Doch kaum ist die Frage „Kind oder nicht?“ halbwegs beigelegt, ist da schon eine neue. Denn plötzlich spricht jede und jeder in meinem Umfeld über Wohneigentum.

Es fasziniert mich immer wieder, mit welcher Verlässlichkeit neue Themen am Horizont auftauchen – und dann mit einem Mal alle beschäftigen, ohne dass man sich untereinander darüber verständigt hat. Ich meine, ich habe ja einst sogar ein Buch über die großen Fragen im Leben von Twens und Thirty-Somethings geschrieben – und mir scheint, Immobilien waren in den 20ern und 30ern für die meisten meiner Freundinnen und mich kein Thema. Doch sollte es je eine Neuauflage von „Frankfurt liebt dich!“ geben (zum Beispiel „Frankfurt liebt dich! 2 – 40 gute Gründe, das Leben zu lieben“), käme ich an dem Wohn-Thema wohl nicht mehr vorbei. Denn es ist in meiner Altersgruppe gerade einfach ü-ber-all.

Das Absurdeste daran ist, dass selbst Frauen, die ihre 20er und 30er als herumziehende Nomadinnen verbracht haben, plötzlich kaufen wollen. Und es auch duchziehen – selbst wenn das bedeutet, dass sie sich die nächsten 30 bis 50 Jahre kaum noch einen anderen Luxus leisten können, weil sie von ihren Kreditraten fast erdrückt werden. Offenbar haben alle außer mir mitbekommen, dass man ab Ende 30, Anfang 40 heftig-ernsthafte Finanzentscheidungen treffen sollte, um es später nicht zu bereuen.

Neidisch blicke ich auf sie. Aber nicht, weil ich ihnen ihre tollen Wohnungen oder Häuser nicht gönne. Sondern weil ich auch gerne so ausgereift wäre, derart weitreichende Finanzentscheidungen zu treffen.

Und wieder stellt sich mir die Frage: Bin ich besonders dumm oder besonders schlau, nicht loszulaufen und mir viel Geld von der Bank zu leihen?

Kaufen schreckt uns, denn wir haben beide keine Erfahrung damit. Ich bin in einem Mietshaus aufgewachsen und habe immer nur zur Miete gewohnt. Björn ebenso. Bisher war das auch okay für mich, denn ehrlich gesagt ist es mir aufgrund von jahrelanger Pauschalistentätigkeit und schlecht bezahlten, befristeten Jobs in den ersten zehn Jahren meiner Berufstätigkeit nicht gelungen, große Reichtümer zur Seite zu legen – was mich, so mein Eindruck, nicht unbedingt dazu qualifiziert, große Summen von der Bank zu leihen. Doch natürlich geht dieses ständige Gerede meiner Freundinnen von Wohneigentum auch nicht spurlos an mir vorüber. Irgendwas muss ja dran sein, wenn das plötzlich jedem so wichtig ist.

Natürlich haben auch wir schon mehr als einmal darüber nachgedacht und uns auch schon Kaufimmobilien angeschaut. Vor gut drei Jahren haben wir uns erstmals ernsthaft dazu beraten lassen, und siehe da: Die Bank würde uns auch ohne riesiges Eigenkapital Geld leihen, einfach, weil wir beide feste Jobs haben. Gut zu wissen.

Damals, vor drei Jahren, waren die Zinsen auf einem Rekordtief und die Kaufpreise auf einem Allzeithoch. Fast eine Million Euro für eine Vier-Zimmer-Eigentumswohnung waren in unserem Wohnort, einem Taunus-Örtchen in direkter Nähe zu Frankfurt, ganz normal. Nachdem wir uns mehrere Häuschen im tiefsten Hintertaunus und im Idsteiner Land, 40 Autominuten von der nächsten Autobahn, angeschaut hatten, kamen wir zu dem Schluss, dass es Unsinn ist, in irgendein Dorf zu ziehen, zu dem wir überhaupt keinen Bezug haben, nur um uns Eigentum leisten zu können. Außerdem wollten wir auch nicht zu teuer kaufen, um nicht irgendwann auf einem riesigen Schuldenberg zu sitzen, sollten wir uns doch mal trennen. Wir ließen es also bleiben und zogen – mitten im Corona-Lockdown – in unsere jetzige Mietwohnung.

Doch ich merke, dass mich das Thema nicht loslässt. Und dass spätestens jetzt in meinem Umfeld gekauft wird, was das Zeug hält. Die, die kaufen, halten mir fortlaufend gut gemeinte Vorträge darüber, wie viel cleverer es ist, in Wohneigentum zu investieren und nicht hunderttausende von Euro über die Jahre in Miete zu zahlen. Ich verstehe die Argumente. Ich kann das alles nachvollziehen und stimme zu. Aber … ich schaue mir auch mein Konto an. Und frage mich: Wie, um Gottes Willen, sollen wir noch mehr – viel mehr – im Monat für Wohnen aufwenden?

Und jetzt kommen wir zum eigentlich Punkt meines Textes. Ich glaube, es ist eine Illusion, ein Märchen, alles gleichzeitig haben zu können. Wenn wir uns Wohneigentum kaufen, werden wir an anderer Stelle dafür zahlen müssen. Indem sich unsere Möglichkeiten einschränken, indem wir vieles nicht mehr machen können.

Worauf würde ich verzichten müssen, wenn wir uns Wohneigentum kaufen? Aufs Essengehen. Aufs Reisen. Aufs Shoppen, auch wenn ich so gut wie nie etwas Teures kaufe, sondern meist entweder Gebrauchtes oder Fast Fashion. Und vielleicht auch auf mein Auto, denn das ist einer meiner größten finanziellen Posten. Aber – wenn wir sonstwo Eigentum kaufen müssten, weil wir uns hier nichts leisten können, bräuchte ich mein Auto umso dringender. Merkwürdige Überlegungen sind das, schmerzhafte Überlegungen. Immerhin habe ich jetzt gerade endlich das Gefühl, mal halbwegs über die Runden zu kommen. Und das soll ich jetzt schon wieder aufgeben?

Egal, wie lange ich darüber nachdenke und von wievielen Seiten ich versuche, das Thema zu betrachten, ich komme immer wieder zu einem Schluss: Man kann im Leben nicht alles haben. Entweder habe ich Wohneigetum – oder ich kann mehrmals im Jahr wegfahren. Entweder ich gehe essen – oder ich lasse mir die Nägel machen. Nur die wenigsten Menschen haben so viel Geld, dass sie sich jeden Wunsch erfüllen können, ohne an anderer Stelle dafür bezahlen zu müssen. Allerdings tappen wir zu oft in die Falle, zu glauben, bei den Anderen wäre es einfacher, bezahlbarer.

Natürlich ist es nachhaltig, Wohneigentum zu kaufen. Aber es führt mitunter auch dazu, dass das schöne Leben, das ich mir aufgebaut habe, drastisch eingeschränkt werden muss. Ich erlebe momentan überall um mich herum, dass Menschen sich für einen Kredit entscheiden, der künftig ihr einziger Luxus sein wird. Und ich weiß nicht, ob ich das möchte. Oder besser gesagt, ich weiß, dass ich das nicht möchte.

Vielleicht ist das vergleichbar mit der Geschichte der Grille, die den ganzen Sommer über auf ihrer Geige spielt, während die anderen Tiere Vorräte für den Winter sammeln. Und als der Winter kommt, hat sie keine Vorkehrungen getroffen und erfriert. Ich möchte nicht, dass wir erfrieren, was in meinem Gleichniss wahrscheinlich zu übersetzen wäre mit: Ich möchte nicht, dass wir mit unserer Mini-Rente auch in 40 Jahren noch horrende Mieten zahlen müssen. Aber zugleich möchte ich auch nicht mein ganzes Leben lang jeden Pfennig dreimal umdrehen müssen, um mir teure Kreditraten leisten zu können, sondern auch mal „auf der Geige spielen können“.

Ich bin mir sicher, dass wir irgendwann einen Mittelweg für uns finden werden. Eine kleinere Immobilie. Oder eine Immobilie irgendwo, wo wir uns wohlfühlen. Denn natürlich möchte ich schon gerne ein eigenes Zuhause, ein Stück von der Welt, das mir gehört. Aber nicht um jeden Preis.

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