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#psyche: Dein Universum

Wir alle leben in Umständen, die wir als gegeben anerkennen. Manches ist uns möglich, anderes bleibt uns verwehrt – weil wir finanziell oder körperlich eingeschränkt sind, weil uns Wissen fehlt, vielleicht auch die Vorstellungskraft, dass wir etwas ändern könnten. Wir nehmen Dinge hin, allein weil sie schon immer so waren, und wir akzeptieren Regeln und Grenzen, weil wir gelernt haben, dass das dazu gehört, wenn wir irgendwo leben, arbeiten, mitmachen möchten. Aber was, wenn viele der Dinge, die wir als gegeben ansehen, eigentlich verhandelbar wären? Oder sofort verschwinden könnten, wenn wir einfach aufhören würden, sie anzuerkennen?

Es gab in meinem Leben bisher eine handvoll Situationen, in denen ich plötzlich wusste: So mache ich nicht mehr weiter, ich entziehe diesem für mich entworfenen Umständekorsett an diesem Punkt seine Legitimation. Den Anfang machte meine Schilddrüsenkrankheit, die im Januar 2016 diagnostiziert wurde, nachdem ich wenige Wochen zuvor schweißgebadet und barfuß-glühend bei offenem Fenster Weihnachten gefeiert hatte. Es folgten mehr als zwei Jahre schreckliche Zustände. Hormonelle Schwankungen, Hitzeattacken, Depressionen, manische Phasen, Schlaflosigkeit und komplette Erschöpfungen, Abnehmen und Zunehmen, das gehört nun mal leider dazu, sagte man mir. Ich akzeptierte das und litt still, bis ich 2018 beschloss, so nicht mehr weitermachen zu können. Die Ärzte stellten mich vor die Wahl, weitere Therapien auszuprobieren oder mich von dem kranken Organ zu befreien. Ich wählte die OP. Das fühlte sich radikal an, und denkt nicht, dass ich immer nur mutig war in dieser Zeit, ich hatte sehr oft Angst.

Aber: Ich machte dem Leiden durch eine eigene Entscheidung ein Ende. Und das hat tief in mir etwas verändert. Denn ich begriff plötzlich: Ich hätte gar nicht so lange leiden und das alles als gegeben hinnehmen müssen. Es gab immer Optionen, ich hatte nur nichts davon gewusst.

In den fünf Wochen, die der OP folgten, heilte ich nicht nur, ich gewann auch die Kontrolle über mein Leben zurück. Und begriff: Ich muss aufhören, mir sagen zu lassen, dass Umstände, in denen ich nicht glücklich bin und die mich krank machen, unabänderlich wären. Denn manches kann ich vielleicht tatsächlich nicht ändern, aber eine Wahl habe ich immer, solange ich in Freiheit leben darf: Ich kann die Situation verlassen.

Das übte ich zunächst an einem Job, in dem ich schon seit Jahren sehr unglücklich war. Die Zeitung, bei der ich damals Redakteurin war, wurde von einem schrecklichen Psychopathen geleitet, es herrschte ein Klima der Angst und der Verzweiflung. Jeden Vormittag gab es Konferenzen, in denen häufig eine Person herausgepickt und systematisch fertig gemacht wurde, oft bis sie in Tränen ausbrach. Viele der Mitarbeitenden waren schon so lange dort und so traumatisiert, dass ein Wechsel unmöglich erschien. Und auch ich hatte mich nach drei Jahren im Grunde damit abgefunden, dass das nun mein Leben war – diese ständige Angst, das Herzrasen, die Schlafstörungen und Panikattacken beim Aufwachen. Ich musste doch dort bleiben, immerhin war ich unbefristet zu Tarifbedingungen festangestellt, ein Glücksgriff, denn Redakteursstellen waren und sind bis heute knapp und oft sind die Bedingungen miserabel. Das konnte ich doch nicht freiwillig aufgeben, oder? Oder??

Doch, ich konnte. Nach meiner Schilddrüsen-OP konnte ich es. Ich fing an, Bewerbungen zu schreiben, und griff nach der ersten Chance, die sich mir bot – eine befristete Elternzeitvertretung in einem Magazin-Verlag. Nicht optimal, aber besser als nichts. Der Moment, als ich meinem Peiniger-Chef meine Kündigung auf den Tisch legte, bestätigte das, was ich in anderer Form mit meiner Schilddrüse erlebt hatte: Die Entscheidung, sich den von ihm gemachten Regeln nicht mehr zu fügen und nicht mehr länger mitzuspielen in diesem System, änderte alles. Plötzlich verlor dieser Mann seinen Schrecken, war nur noch ein armes, ziemlich gestörtes Persönchen, das mir nichts mehr zu sagen hatte. Ein komisches kleines verschrumpeltes Etwas, so ähnlich wie meine kranke Schilddrüse, von der ich nach der Amputation ein Foto bekommen hatte. Bemitleidenswert. Der Terror war vorbei.

In ähnlicher Form habe ich das seitdem noch zwei, dreimal erlebt. Eindrucksvoll für mich selbst war, als ich 2020 einen neuen Job nach zwei Wochen wieder kündigte, weil ich merkte, wie depressiv er mich machte. Da begriff ich: Ich habe mich wirklich nachhaltig verändert, ich passe jetzt besser auf mich auf und hinterfrage von Anfang an, ob sich etwas richtig oder falsch anfühlt.

Mein Frühwarnsystem funktioniert, zumindest bei Dingen, die neu in mein Leben kommen. Schwieriger ist es bei Dingen, Menschen, Beziehungen, die schon immer da sind. Dieses Jahr war eines der anstrengendsten für mich bisher, weil ich meine sehr lange Beziehung, in der die Regeln schon vor sehr, sehr langer Zeit festgeschrieben worden sind und ich dachte, dass ich sie akzeptieren müsse, beendet habe. Oft habe ich hier darüber geschrieben, wie komisch Wochenenden sich für mich anfühlen, wie leer und verwirrend. Nun, jetzt, da ich die Regeln geändert habe, sind sie nicht mehr leer und verwirrend. Und mein Burnout, auf das ich mich all die Jahre zubewegt habe? Nicht mehr da. Das alles ist überraschend für mich, denn ich glaubte ja schon, glücklich zu sein, nur eben sehr angestrengt durch meine Lebensumstände.

Es ist für mich schmerzhaft, aber auch hochinteressant, zu entdecken, wie viel von meinem eigenen Universum ich selbst gestalte, durch Mitmachen und Aushalten und Anerkennen. Denn wer mitmacht, anerkennt und aushält, die Regeln beachtet und die Grenzen scheut, wird zum Erfüller seines eigenen Schicksals. Wir alle tragen eine Mitverantwortung, vielleicht sogar den größten Teil der Verantwortung, an den Situationen, in denen wir leiden. Weil wir sie ermöglichen durch unser Bleiben.

Dashier ist kein Plädoyer, alles hinzuwerfen, das nicht. Aber es ist ein Plädoyer, genau hinzuschauen, was wir 2026 nicht mehr als gegeben anerkennen sollten. Und mutiger zu werden in dem, was wir verändern können. Ich kann mein Leben selbst gestalten und damit mein ganzes Universum. Ich muss nur die Kraft finden, mir dessen bewusst zu werden.

2 Antworten zu „#psyche: Dein Universum”.

  1. Das sind doch mal starke Worte und Gedanken. Danke!!! Sehr inspirierend! (und du überlegst noch immer, OB du dein nächstes Buch schreiben sollst… warum denn nicht?)

    1. Du bist lieb, vielen Dank. Vielleicht schreibe ich ja mal ein Sachbuch irgendwann, ich glaub, mit Romanen bin ich durch. Danke!!

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Über dezembra

Anne: Frau, über 40, Redakteurin, Buchautorin, kinderlos und verliebt ins Leben, bloggt über Zwischenmenschliches und Psychosoziales, über Frauenthemen und Arbeitsdinge, übers Reisen und das Leben ohne Schilddrüse.

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