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#gesundheit: 7 Lehren aus den Hitzetagen

Gestern um diese Uhrzeit waren es 35 Grad in meiner Dachgeschosswohnung. Ich hatte das Dachfenster mit Styropor verklebt, traute mich nicht mehr, zu lüften, weil das Dach glühend heiß war, und hatte in jede Ritze Handtücher gestopft, damit keine zusätzliche Wärme hereinkommt. Dann kam nachts das Gewitter. Jetzt sind es 28,9 Grad in meinem Homeoffice-Stübchen. Und ich frage mich, was ich aus diesen furchtbar heißen Tagen mitnehme in einen hoffentlich nun wieder gemäßigteren Sommer. An Erkenntnissen, aber auch an gesundheitlichen Problemen.

Bleibende Schäden? In den vergangenen Tagen war Dr. Eckart von Hirschhausen fast überall mit diesem Zitat: „Wenn Du ein rohes Ei in warmes Wasser tust, reichen über 45 Grad, dann wird es hart und zwar irreversibel“, hatte er in einem Interview gesagt – und viele Menschen aufhorchen lassen. Was bedeutet das für das menschliche Gehirn, dem am Ende eines Hitzetages mit 42 Grad nicht mal mehr der Name eines langjährigen Kollegen, der Kindheitsfreundin oder des ersten Haustiers einfällt? Ist diese Hitze-Vergesslichkeit vielleicht etwas, das sich nicht vollständig umkehren lässt? Welche gesundheitlichen Schäden, die erst in ein paar Jahren auffallen, haben in der vergangenen Woche ihren Anfang genommen?

Hilflosigkeit. Ja, es ist vorerst vorbei. Aber es ist vorerst vorbei, weil sich das Wetter gedreht hat. Zufällig, sozusagen. Nicht, weil wir ein Mittel gegen die Hitze gefunden hätten, das hilft. Oder weil wir die Hitzeglocke bewusst durchbrochen hätten. Wo ist die Regierung, wo ist Tom Cruise als Maverick oder die Jungs aus Armageddon, die im Eurofighter oder in der Rakete mit viel Feuer und Effekt in den Himmel donnern, um uns zu retten? Ich fürchte, auf die müssen wir lange warten.Das heißt: Jederzeit, wirklich jederzeit kann die nächste brutale Hitze kommen. Und dann sind wir genau so schlau wie vorher und ebenso hilflos.

Verletzlichkeit. Die Hitze im Dachgeschoss hat mich fast niedergestreckt. Ein paarmal habe ich geweint, weil ich mich so hilflos gefühlt habe. Hitze ist eine Bedrohung für den Körper und kann lebensgefährlich werden. Vor allem für Menschen, die die Situation nicht selbstbestimmt verlassen können, die sich für ihr Dachgeschoss oder unterm Flachdach keine Klimaanlage und keinen Ventilator besorgen können und vielleicht nicht einmal kalt duschen können, weil sie bettlägerig sind. Unser Körper wird so verletzlich, sobald sich die Bedingungen ändern. Das vergessen wir zu oft.

„Flüchtling“ ist man nicht, man wird dazu. Mehrmals habe ich gedacht, ich schaffe das hier nicht zuhause und muss die sehr lieben Angebote von Familie und sogar einer Kollegin annehmen, vorübergehend zu ihnen zu ziehen. Als Hitzeflüchtige. Mit ein paar Habseligkeiten in einer Reisetasche, mit dem wenigen, was ich wirklich brauche, und dann – Hauptsache weg und in Sicherheit bringen. Das macht mich sehr nachdenklich. Denn wenn diese Temperaturen von über 40 Grad irgendwann in Deutschland normal werden, sind wir hier nicht mehr sicher. Wohin dann? Dann sind wir auf die Gutherzigkeit anderer, kühlerer Länder angewiesen. Und die stecken uns vielleicht in Container, erlauben uns nicht, zu arbeiten, lassen uns deutlich spüren, dass wir nicht erwünscht sind, weil wir ihnen ihre eigenen Ressourcen wegnehmen. Und das alles nur, weil wir daheim nicht bleiben konnten. Kein schönes Gefühl. Merkste selbst.

Dachgeschosswohnungen sind lebensgefährlich. Ich liebe meine Dachgeschosswohnung in Bad Soden, ich finde sie wundervoll speziell. Sie besteht aus nur einem großen Zimmer, ist lichtdurchflutet, hat echtes Parkett und im Bad einen Schachbrettfliesenboden. Aber: Bei Temperaturen um die 40 Grad ist sie kein sicherer Lebensraum. Das, was sich sonst so luftig und großzügig anfühlt, war nur noch ein dunkles Höllenloch, in dem die Luft stand und in dem mich, wenn ich kollabiert wäre, wahrscheinlich keiner rechtzeitig gefunden hätte. Ich habe mich wie im Backofen gefühlt, und das wirklich rund um die Uhr während der Hitzetage. Muss man aus solchen Erfahrungen nicht politische Konsequenzen ziehen? Zum Beispiel, indem man bei neuen Häusern so plant, dass das oberste Stockwerk nur noch Speicher sein und nicht mehr vermietet werden darf? Und bei Mieterwechseln schlecht gedämmte Dachgeschosswohnungen als Wohnraum verbietet? Klar haben wir akute Wohnungsnot, aber wenn 40 Grad künftig häufiger vorkommen, kann man das doch nicht riskieren, dass Menschen, die bei der Wohnungssuche aufs Geld achten müssen (so wie ich), diese Option wählen und das Risiko eingehen?

Vorausplanen: Ist aus vielen Gründen empfehlenswert. Zum Beispiel sind Klimageräte und Ventilatoren jetzt überall ausverkauft. Aber im Herbst wird es sie spätestens wieder geben, dann sollte man unbedingt investieren. Vorausplanen gilt auch für Getränke: Wenn bei 40 Grad plötzlich das Mineralwasser ausverkauft ist, würde man sich sehr freuen, man hätte zu besseren Zeiten vier Sixpacks Mediumsprudel gekauft und in den Keller gestellt.

Alternative Orte zum Abkühlen finden: Freibäder und Badeseen sind an heißen Tagen so überfüllt, dass allein der Gedanke an die Menschenmassen mich abschreckt. Abkühlung kann man aber auch woanders finden, wenn man ein bisschen kreativ ist. Zum Beispiel im gut klimatisierten IKEA. Oder am Flughafen, der bei uns ganz in der Nähe ist. Dort einfach hinfahren und es sich mit dem Handy und einem mitgebrachten Kaffee in der Wohnzimmerabteilung oder im öffentlichen Wartebereich bequem machen. Ein paarmal bin ich auch ziellos im Auto herumgefahren, um mich abzukühlen. Das mache ich normalerweise nicht, erst recht nicht bei den Spritpreisen, und doch war es für die kurze Abkühlung zwischendrin gut. Dabei habe ich zufällig noch einen Ort gefunden, der überraschend kühl war: Der Aussichtspunkt auf die Start- und Landebahn des Frankfurter Flughafens. Die startenden und landenden Flugzeuge haben großartig viel Wind erfrischenden aufgewirbelt. Habt Ihr noch weitere Ideen?

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Über dezembra

Anne: Frau, über 40, Redakteurin, Buchautorin, kinderlos und verliebt ins Leben, bloggt über Zwischenmenschliches und Psychosoziales, über Frauenthemen und Arbeitsdinge, übers Reisen und das Leben ohne Schilddrüse.

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