Gestern war ich auf einer Trauerfeier. 30 Grad, schwarze Kleidung – und so viele Menschen, dass sie nicht in die Trauerhalle gepasst haben. Ich gehörte zu denen, die draußen standen und sich den wenigen Schatten auf dem Friefhof teilten. Eine Band spielte ein paar Lieder, die der Verstorbene gemocht hatte, was ich sehr schön fand. Und während mir selbst die Tränen übers Gesicht liefen und ich die Umstehenden betrachtete, die ebenfalls weinten, dachte ich darüber nach, wie viel schwerer Beerdigungen werden, je älter man selbst ist.
Neben dem, der zu Grabe getragen wird, betrauern die Anwesenden auch alle, die sie vorher verloren haben. Und nicht nur das, sie betrauern auch bereits alle künftigen Abschiede. Sie denken an die Lebenden, vor deren Tod sie die meiste Angst haben. Weil sie ahnen, dass sie irgendwann auch dort stehen könnten, wo Witwe und Kinder stehen, fast gebrochen vor Trauer, und von dem, der ihnen so wichtig ist, Abschied nehmen müssen. Und im besten Fall denken sie an die, die sie lieben, aber mit denen sie Streit haben, zu denen der Kontakt abgebrochen ist, die sie schon lange einmal wieder anrufen wollten, begreifen, wie schnell das Leben vorbei sein kann – und nehmen das Telefon in die Hand, wenn sie wieder daheim sind, um die Zeit, die noch bleibt, nicht zu vergeuden.
Trauer ist anstrengend, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Oft fühlt man sich isoliert – aber nicht nur das, man fühlt sich komplett herausgerissen aus der Normalität. Nichts ist mehr normal, also ist man selbst auch nicht mehr normal, ja man weiß gar nicht mehr, wie das eigentlich geht, normal zu sein. Weg, vergessen in nur einer Sekunde. Innerlich fühlt man sich, als ob einem plötzlich komische Hörner auf der Stirn gewachsen wären, die Gliedmaßen riesig groß gewuchert wären oder das Gesicht auf den Hinterkopf gerutscht wäre. Grotesk, unerklärlich, linkisch, unumkehrlich, einfach komisch, wie man versucht, sich weiter durch die Welt zu bewegen mit einem ganz neuen Körper. Und man fragt sich, warum die Außenwelt nicht zu sehen scheint, wie grotesk wir geworden sind. In der Trauer sagt man komische Sachen und wundert sich selbst, und vor allem wundert man sich, dass die Zeit, die nach einer so großen Erschütterung wie dem Tod neuen Gesetzen zu folgen schien, an Tag zwei, drei, vier plötzlich wieder ihren normalen Takt findet.
Irgendwann vergeht eine Woche. Ein Monat. Ein Jahr. Wir leben, wir atmen, wir gleiten zurück in den Alltag und besuchen jetzt ein Grab. Was nur Menschen wissen, die schon einmal jemanden verloren haben: Die Hörner sind trotzdem noch da, das Gesicht tragen wir immer noch auf dem Hinterkopf, die Gliedmaßen sind immernoch unnatürlich groß. Aber unsere Knochen und Muskeln werden stärker mit der Zeit und wir tragen diesen durch die Trauer verformten Körper weiter durchs Leben, jetzt sogar ein bisschen stolz, weil wir nicht mehr normal sein können, das aber auch gar nicht mehr wollen. Diese Verformung ist ein Monument in uns, das fühlbar macht: Wir haben geliebt und verloren, wir sind gezeichnet für immer. Und das ist gut so, denn das hilft, sich zu erinnern.
Wie soll man all das in Worte fassen, auch noch in wenige, wenn man jemandem in Trauer sein Beileid ausspricht? Nicht möglich. „Du musst gar nichts sagen, eine Umarmung reicht“, sagte die Witwe gestern zu mir, als ich ihr kondolieren wollte und natürlich keine Worte fand. Und ich sagte: „Gut, dann gibt es gleich noch eine Zweite.“





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